Über gesellschaftliche Brüche und die Business-as-usual-Linke

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In einem Video, wel­ches auf You­tube zu sehen ist, erklärt Yanis Varou­fa­kis sei­nem Gesprächs­part­ner Sla­voj Žižek sei­ne neue The­se zur Ent­ste­hung eines Tech­no-Feu­da­lis­mus. Varou­fa­kis zufol­ge hat sich der Kapi­ta­lis­mus selbst abge­schafft und an sei­ne Stel­le ist der Tech­no-Feu­da­lis­mus getre­ten. Ob und inwie­fern die The­sen von einem »sys­tem chan­ge« rich­tig sind, die­se Fra­ge möch­ten wir ger­ne an ande­rer Stel­le erör­tern. Denn zumin­dest auf den ers­ten Blick scheint es nicht plau­si­bel, von einem ande­ren Gesell­schafts­sys­tem zu sprechen.

Aber Varou­fa­kis betont mit sei­ner The­se vom Tech­no-Feu­da­lis­mus eine wich­ti­ge Erkennt­nis, die uns auch schon gekom­men ist:

Der Bruch, die Dis­rup­ti­on, der Wan­del im Ver­hält­nis zur vor­he­ri­gen Pha­se des Kapi­ta­lis­mus. Wir ver­tre­ten genau wie er auch die The­se von einem grund­le­gen­den Wan­del der Funk­ti­ons­wei­se des Kapi­ta­lis­mus. Für uns ist die »Coro­na­kri­se« das aus­schlag­ge­ben­de Sym­ptom, wel­ches die­sen Wan­del mar­kiert, bei Varou­fa­kis sind es ande­re Aspekte.

Aber auch wenn hier deut­li­che inhalt­li­che Unter­schie­de zur The­se von Varou­fa­kis bestehen, so gibt es eine geteil­te Erfah­rung, näm­lich die Erfah­rung, dass »die Lin­ke« (sowohl als Bewe­gung und als Par­tei glei­chen Namens) in ihrer gro­ßen Mehr­heit die­sen epo­cha­len Wan­del der kapi­ta­lis­ti­schen Funk­ti­ons­wei­se und der Gesell­schaft nicht sieht, son­dern in pseu­do-radi­ka­ler Manier ver­lau­ten lässt: Busi­ness as usu­al. »Die Lin­ke« agiert also nach dem Mot­to: Die »Coro­na­kri­se« habe höchs­tens die bestehen­den Ungleich­heits­ver­hält­nis­se ver­stärkt, aber sonst ände­re sich nichts, es blei­be eigent­lich alles beim Alten.

Varou­fa­kis beschreibt gegen Ende des Gesprächs mit Žižek sei­ne Erfah­rung mit den »Lin­ken« so: »Dies sind die Grün­de, war­um für mich der Tech­no-Feu­da­lis­mus so eine Bedro­hung ist. Der schlimms­te Teil dabei ist, dass wenn ich davon spre­che, weißt du, wer mei­ner The­se gegen­über rich­tig abge­neigt ist? Mehr als alle ande­ren? Die Lin­ke! Weil wir Lin­ken mit dem Ziel groß wur­den, den Kapi­ta­lis­mus abzu­schaf­fen. Und jetzt kom­me ich an und erzäh­le ihnen: Weißt du was, wir haben kei­ne Zeit, denn der Kapi­ta­lis­mus hat sich selbst abge­schafft. Und er wur­de nicht vom Sozia­lis­mus ersetzt, son­dern durch etwas viel schlim­me­res (den Tech­no-Kapi­ta­lis­mus, Anmer­kung des Autors)! Die Lin­ke möch­te dies nicht hören. Die Lin­ken sind die­ser Nach­richt gegen­über rich­tig abgeneigt.«

Die Busi­ness-as-usu­al-Lin­ke – von der links-neo­li­be­ral beein­fluss­ten Links­par­tei, über Kom­mu­nis­ten und Trotz­kis­ten bis zu den pseu­do-radi­ka­len Anti­fa-Grup­pen – wer­den so zu einem kon­ser­va­ti­ven Ele­ment! Denn sie füh­ren einen Kampf mit einem Geg­ner, der fak­tisch nicht mehr exis­tiert, son­dern nur noch in der Phan­ta­sie der Lin­ken lebt. Es han­delt sich um eine Form des Schattenboxens.

Wenn sich Lin­ke gleich­zei­tig als strengs­te Hygie­ne-Wäch­ter auf­spie­len und bei­spiels­wei­se auf einer Demons­tra­ti­on 5 % mehr Lohn for­dern, unter­wer­fen sie sich dem neu­en Régime. Ob die 5 % Lohn­er­hö­hung letzt­lich errun­gen wird oder nicht, dass ist zwar nicht völ­lig egal. Die­ser Erfolg ist aber auf­grund der Unter­wer­fung unter das neue Kon­troll-Régime neben­säch­lich und so bleibt am Ende des Tages die Fest­stel­lung: Auch die Lin­ken unter­wer­fen sich dem Régime, aber sie for­dern (»wie eh und je«, also nichts neu­es von die­ser Sei­te …) 5 % Lohn­er­hö­hung. Sie leis­ten kei­nen Wider­stand. Sie sind Teil der gera­de vor sich gehen­den Trans­for­ma­ti­on. Man­che von ihnen sind sogar regel­rech­te Aktivposten.

Quellen

You­tube: Tech­nofeu­da­lism: Exp­lai­ning to Sla­voj Zizek why I think capi­ta­lism has evol­ved into some­thing worse, hoch­ge­la­den am 1.11.2021

2 thoughts on “Über gesellschaftliche Brüche und die Business-as-usual-Linke

  1. Wie man den Feu­da­lis­mus bezeich­net, egal, im Ergeb­nis ist der Kapi­ta­lis­mus geschei­tert und gesell­schaft­lich gese­hen erfolgt eine Konterrevolution.
    Nicht der Pro­fit steht heu­te an vor­de­rer Stel­le, Macht haben, Macht über ande­re Men­schen, das ist das Ziel. Das zei­gen auch all die Mass­nah­men der Élite.

    1. Oder die Macht über die Men­schen muss aus­ge­baut und stär­ker wer­den, um die Pro­fi­te und den Reich­tum abzu­si­chern? Wahr­schein­lich ist die­ser Unter­schied aber letzt­lich unbe­deu­tend: Denn so oder so geht die gesell­schaft­li­che Rei­se erstein­mal Rich­tung Über­wa­chung, Abschot­tung, Ver­ar­mung und Entsolidarisierung.

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