Antillen: Großunruhen rütteln am Imperialismus

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Aus dem Fran­zö­si­schen von Jean­ne BOHET.

Seit meh­re­ren Tagen erle­ben die Antil­len[i] Unru­hen von fast insur­rek­tio­nel­lem Aus­maß. Dabei geht es nicht nur um Pro­tes­te gegen das Impf­zer­ti­fi­kat (Pass Sani­taire). Hat­ten doch auch die Gelb­wes­ten (Gilets Jau­nes) nicht nur gegen die Erhö­hung der Treib­stoff­prei­se auf­be­gehrt, ent­ge­gen dem, was gewis­se Medi­en suggerieren.

Revolte und Aufstand auf den Antillen

Es geht um eine Mas­sen­re­vol­te. Ver­ur­sacht wur­de sie von den immer här­te­ren Lebens­ver­hält­nis­sen im Impe­ria­lis­mus, beson­ders in den letz­ten Kolo­ni­en­fet­zen, die der fran­zö­si­sche Staat sein eigen nennt.

Die Fran­zö­si­schen Antil­len- die Inseln Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que- wur­den von Frank­reich kolo­ni­siert. Dies ging eng ein­her mit der Aus­beu­tung der Men­schen, zunächst mit Skla­ven­de­por­tie­rung, dann mit der Ein­fuhr von Arbeits­kräf­ten aus Kolo­nien in Afri­ka und in Asien.

Eine Hand­voll Gross­grund­be­sit­zer – die Békés[ii] - besitzt die über­wie­gen­de Mehr­heit der Agrar­flä­che, aus der Bana­nen, Zucker und Rum für den Export gewon­nen wer­den. Im Griff haben sie auch den sämt­li­chen Groß- und Detail­han­del. Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que, die lan­ge dem Kolo­ni­al­pakt (Pac­te Colo­ni­al[iii]) unter­stan­den, wur­den in keins­ter Wei­se indus­tria­li­siert. Heu­te wer­den also sämt­li­che Pro­duk­te des täg­li­chen Gebrauchs, Güter und Waren, mit hohen Kos­ten aus Kon­ti­nen­tal­frank­reich importiert.

Kon­ti­nen­tal­frank­reich ist also bevor­zug­ter Han­dels­part­ner der Gua­de­lou­pe: Aus Frank­reich kom­men 60% der Impor­te, nach Frank­reich wer­den 40% der Pro­duk­te aus der Gua­de­lou­pe expor­tiert. Die Han­dels­bi­lanz der Gua­de­lou­pe, struk­tu­rell defi­zi­tär, stand 2019 bei minus 2,7 Mil­li­ar­den Euro.

Strukturelle Ausbeutung durch Frankreich

Der Wind der Frei­heit, der über die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on weh­te, brach­te die Abschaf­fung der Skla­ve­rei mit sich. Die­se wur­de aber von Napo­lé­on und sei­nen Arme­en nach einem Blut­bad wie­der­her­ge­stellt. Die spä­te­ren Angrif­fe von Frank­reich auf Völ­ker in Süd­ost­asi­en und West­afri­ka, die dar­auf abziel­ten, dass es sei­ne Märk­te aus­wei­ten konn­te, lie­ßen sich durch eine Ideo­lo­gie legi­ti­mie­ren, die den Begriff »Ras­se« benutz­te und die ver­meint­li­che Über­le­gen­heit der Wei­ßen über die ande­ren Völ­ker eta­blier­te. Seit­dem benutzt die Bour­geoi­sie den Ras­sis­mus, um die impe­ria­lis­ti­sche Aus­beu­tung zu kaschie­ren und die arbei­ten­den Men­schen nach Haut­far­be und Eth­nie zu spal­ten. Die­se Rhe­to­rik, die heu­te im Trend liegt, ist Teil einer Reak­tio­när­ma­chung (réac­tion­nari­sa­ti­on).

Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que wer­den heu­te als beträcht­li­che Quel­le von Wert­schöp­fung aus­ge­nutzt und von Frank­reich wie Kolo­nien gema­nagt. Obwohl die Völ­ker die­ser Inseln eine eige­ne Geschich­te, eine eige­ne Kul­tur, eine eige­ne Spra­che haben und viel Reich­tum schaf­fen, wer­den sie von einem frem­den Land aus – Frank­reich – ver­wal­tet. Die kürz­lich dort aus­ge­bro­che­nen Unru­hen sind auf zahl­rei­che sozia­le Pro­ble­me zurück­zu­füh­ren und las­sen sich kei­nes­falls auf nur den Pro­test gegen das Impf­zer­ti­fi­kat (Pass Sani­taire) redu­zie­ren.

In den Fran­zö­si­schen Antil­len liegt die Armuts­quo­te weit höher als in Frank­reich, denn dort lebt fast jeder drit­te Mensch von weni­ger als 800 € im Monat[iv]. Im Schnitt ist jeder zwei­te jun­ge Mensch arbeits­los, viel mehr als in Frank­reich. Die Zahl der Arbeits­kräf­te über­steigt die der Arbeits­stel­len. Grund für die Arbeits­lo­sig­keit ist tat­säch­lich, dass die Kapi­ta­lis­ten nicht für das Volk Arbeit schaf­fen, son­dern um ihre Wirt­schaft am Lau­fen zu hal­ten- wobei die Arbeits­kräf­te benach­tei­ligt werden.

Von den Sech­zi­gern bis Anfang der Acht­zi­ger hat das Bumi­dom (Bureau pour le déve­lo­p­pe­ment des migra­ti­ons dans les dépar­te­ments d’out­re-mer, Büro für die För­de­rung der Migra­ti­on aus den Über­see-Dépar­te­ments), die mas­si­ve Ver­la­ge­rung von Arbeits­kräf­ten aus den Kolo­nien nach Frank­reich orga­ni­siert, damit die fran­zö­si­schen Betrie­be lau­fen konnten.

Dies geschah unter dem Vor­wand, demo­gra­phi­sche Pro­ble­me lösen zu wol­len. Damit haben wir ein Bei­spiel der Instru­men­ta­li­sie­rung des Dis­kur­ses zur Über­be­völ­ke­rung, der dar­auf aus ist, die Aus­beu­tung der Arbeits­kräf­te aus den Kolo­nien und aus den unter­drück­ten Län­dern auszublenden.

In Wirk­lich­keit gibt es kei­ne Über­be­völ­ke­rung, weder in den Antil­len, noch sonst­wo. Aber eine Wirt­schafts­po­li­tik gibt es sehr wohl, die dazu bei­trägt, ein­s­er­seits die Mas­sen immer ärmer wer­den zu las­sen und die Arbeits­lo­sig­keit in die Höhe zu trei­ben, ande­rer­seits die Besit­zer der Finanz­mo­no­po­len immer rei­cher wer­den zu las­sen : Die­se Poli­tik ist ein fes­ter Bestand­teil des Kapitalismus.

Hier eini­ge Zah­len: in Frank­reich, inklu­si­ve Kolo­nien, stieg die Arbeits­lo­sig­keit von 3% in den sieb­zi­ger Jah­ren auf fast 10% heu­te. In den Fran­zö­si­schen Antil­len ist die Arbeits­lo­sig­keit fast zwei­mal so hoch wie in Frank­reich. Dazu kom­men die hor­ren­den Prei­se der Lebens­mit­tel, die um ca. 35% teu­rer sind als in Frank­reich und die der Milch­pro­duk­te, die explo­die­ren. Außer­dem ist das Was­ser um ein Drit­tel teu­rer als in Frank­reich: Von 100 Litern Süß­was­ser kom­men nur 40 an die Bevöl­ke­rung, obwohl die Süß­was­ser­re­ser­ven der Gua­de­lou­pe dop­pelt so hoch sind wie in Frank­reich. Dafür gibt es zahl­rei­che Grün­de: man­gel­haf­te Instand­hal­tung, zu wenig Inves­ti­tio­nen in neue Rohr­lei­tun­gen (Was­ser­aus­tritt), viel zu inten­si­ve Bewäs­se­rung von Bana­nen- und Zucker­rohr­plan­ta­gen. Als Fol­ge leben 400 000 Men­schen an Was­ser­man­gel: auf eine Zeit mit Was­ser­man­gel folgt eine Zeit mit Was­ser­ra­tio­nie­rung. Dabei muss man sich vor Augen hal­ten, dass Frank­reich eine der gröss­ten Impe­ri­al­mäch­te ist.

Fazit: Weniger Arbeit, weniger Geld, hohe Lebenshaltungskosten

Davon aber nicht genug: Sind gebür­ti­ge fran­zö­si­sche Staats­be­am­te im Dienst in den Antil­len, so bekom­men sie seit den 19 – 50ern, einen Gehalts­bo­nus von 25%. Poli­zei­kräf­te kom­men aus Frank­reich: bei Streiks und Auf­stän­den wer­den CRS[v]-Staf­feln ein­ge­flo­gen und gegen die Bevöl­ke­rung ein­ge­setzt. Die in den Antil­len amtie­ren­den Prä­fek­te (Pré­fets[vi]) stam­men fast alle aus Frank­reich, eine gros­se Anzahl davon aus Neuil­ly-sur-Sei­ne[vii]. Die­se Ter­ri­to­ri­en wer­den genau wie Kolo­nien ver­wal­tet und die Békés genie­ßen Son­der­rech­te. Dies lässt sich am Bei­spiel von Chlor­de­con ekla­tant ver­an­schau­li­chen. Chlor­de­con ist ein Insek­ten­ver­til­gungs­mit­tel, das in den Bana­nen­plan­ta­gen ab den 70er-Jah­ren ver­wen­det wur­de, obwohl es schon als gefähr­lich galt[viii]. Chlor­de­con ist auf Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que der anrü­chi­ge Rekord der höchs­ten Quo­te von Pro­sta­ta­krebs welt­weit zu ver­dan­ken, mit jähr­lich 600 neu­en Fäl­len. Von die­sem Skan­dal und die­ser Unmensch­lich­keit sind die Bewoh­ner der Antil­len kör­per­lich und see­lisch tief gezeich­net, die zu Recht jeg­li­ches Ver­trau­en in Frank­reich ver­lo­ren haben, was die gesund­heit­li­che Für­sor­ge betrifft. Das Sprü­hen von Chlor­de­con wur­de in Frank­reich ver­bo­ten, aber in den Antil­len wei­ter­hin erlaubt, obwohl der Staat über des­sen Gefähr­lich­keit infor­miert war und die­se auch erkannt hat­te[ix].

Die Völ­ker der Antil­len wuss­ten sich immer zu weh­ren. Im Mai 1967 griff der fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­staat zu einer unge­heu­er­li­chen Repres­si­on, um den Kampf der gua­de­lou­pea­ni­schen Mas­sen zu ver­hin­dern. Die­ser war von einem ras­sis­ti­schen Angriff am 20. März 1967 aus­ge­gan­gen: In der Ort­schaft Bas­se-Terre hat­te ein gros­ser Schuh­händ­ler sei­nen Schä­fer­hund auf Rapha­el Bal­zinc, einem schwar­zen alters­schwa­chen Schuh­fli­cker los­ge­las­sen, der vor dem Geschäft des wei­ßen Besit­zers sei­nen Stand auf­ge­baut hat­te. In den Tagen nach die­sem Angriff bra­chen Unru­hen und Streiks aus und der Prä­fekt (Pré­fet) ließ zwei Gen­dar­me­rie-Staf­feln ein­rü­cken. Am 24. Mai 1967 waren die Bau­ar­bei­ter dar­an : Sie tra­ten in den Streik und ver­lang­ten eine Lohn­er­hö­hung, sowie arbeits­recht­li­che Gleich­be­hand­lung. Am 26. Mai um die Mit­tags­zeit gin­gen die strei­ken­den Mas­sen zur Han­dels­kam­mer in Poin­te-à-Pit­re[x], um mit der Arbeit­ge­ber­schaft zu ver­han­deln. Die Ver­hand­lun­gen wur­den abge­bro­chen, nach­dem Geor­ges Briz­zard, Ver­tre­ter der Arbeit­ge­ber behaup­tet hat­te »Wenn die Neger hung­rig wer­den, dann wer­den sie die Arbeit wie­der­auf­neh­men!«. Für die Mas­sen läu­te­te die­se ver­ach­ten­de Äuße­rung die Stun­de des Kampfs ein. Die Staats­re­pres­si­on wüte­te am 26., 27. und 28. Mai 1967. Anzahl und Namen der Opfer wur­den als Ver­tei­di­guns­ge­heim­nis (Secret Défen­se) klas­si­fi­ziert und bis 2017 unter Ver­schluss gehal­ten. Nach­dem die ein­schlä­gi­gen Doku­men­te öffent­lich zugäng­lich gemacht wur­den, gab der fran­zö­si­sche Staat 8 Opfer zu. Laut Gua­de­lou­peaner, His­to­ri­ker, Chris­tia­ne Tau­bi­ra[xi] und sogar Geor­ges Lemoi­ne (im Jahr 1985), Staats­se­kre­tär für die DOM-TOM[xii], beläuft sich die Zahl der Opfer hin­ge­gen auf 85.

Doch auch zahl­rei­che Unab­hän­gig­keits­par­tei­en und bewaff­ne­te Unab­hän­gig­keits­grup­pen sind in den 70er- und 80er-Jah­ren ent­stan­den. Auf Gua­de­lou­pe hat sich die Bewaff­ne­te Befrei­ungs­grup­pe GLA (Grou­pe de Libé­ra­ti­on Armée) zahl­rei­che Stüt­zen des fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus zur Ziel­schei­be genom­men: Poli­zei­re­vie­re, hohe Staats­be­am­te und gros­se Mono­po­le. Die Haupt­for­de­rung der GLA war Unab­hän­gig­keit. Mit dem Ziel, bewaff­ne­te Kräf­te für die Unab­hän­gig­keit koope­rie­ren zu las­sen, schloss sich 1983 die GLA mit der in Paris ent­stan­de­nen ARC (Kari­bi­scher Revo­lu­ti­ons­ver­band, Alli­an­ce Révo­lu­ti­onn­aire des Caraï­bes) zusam­men. Die ARC kämpft um die Unab­hän­gig­keit von Gua­de­lou­pe, Mar­ti­ni­que und Fran­zö­sich-Guya­na. In die­sen Jah­ren wur­den meh­re­re Anfüh­rer der Volks­ver­ei­ni­gung für die Befrei­ung der Gua­de­lou­pe (Uni­on Popu­lai­re pour la Libé­ra­ti­on de la Gua­de­lou­pe) vom fran­zö­si­schen Staat ermordet.

Da die­se Bewe­gun­gen kei­ne Füh­rung, kei­ne revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gie haben und scharf unter­drückt wer­den, ver­fal­len sie dem Oppor­tu­nis­mus. So erging es Action Direc­te[xiii] (Direk­te Akti­on) und der Armée Révo­lu­ti­onn­aire Bre­ton­ne (Bre­to­ni­sche Revolutionsarmee).

Rebellische Masse

Dies bedeu­tet aber nicht, dass die Mas­sen in den Antil­len nicht mehr kampf­lus­tig sind. Liyan­naj Kont Pwo­fi­ta­syon (Collec­tif Cont­re l’Exploitation outran­ciè­re, Kol­lek­tiv gegen die über­mä­ßi­ge Aus­beu­tung), Dach­ver­band Dut­zen­der Orga­ni­sa­ti­ons­grup­pen und Gewerk­schaf­ten, rief 2008 und 2009 zum Kampf gegen die Erhö­hung der Lebens­mit­tel und der Treib­stof­fe auf. Es folg­te ein 44-tägi­ger Gene­ral­streik, der auf Gua­de­lou­pe sei­nen Anlauf nahm und auf Mar­ti­ni­que über­griff. Das Kol­lek­tiv bekämpf­te die Mono­pol­stel­lung einer Hand­voll Békés auf dem Gross­han­del­ver­trieb und die Com­pa­gnie Mari­ti­me d’Affrètement – Com­pa­gnie Géné­ra­le Mari­ti­me CMA-CGM (Ree­de­rei- und Schiff­fahrts­ge­sell­schaft), die die Impor­te aus Frank­reich über­mä­ßig besteu­ert. Die­se Gesell­schaft hat mit Men­schen­han­del ein Ver­mö­gen gemacht, gehört der Unter­neh­mens­grup­pe Ber­nard Hay­ot (Grou­pe Ber­nard Hay­ot), und wird von einer alt­ein­ge­ses­se­nen Fami­lie von Békés geführt, die in der gan­zen Kari­bik tätig ist, sowie im Indi­schen Oze­an (La Réuni­on, Mada­gas­kar und Mayotte).

Mit ihrem Kolo­ni­al­er­be gehört die Fami­lie Ber­nard Hay­ot zur tra­di­tio­nel­len impe­ria­lis­ti­schen Bour­geoi­sie. Nach einer im Jahr 2009 durch­ge­führ­ten Umfra­ge unter­stütz­ten 93% der Gua­de­lou­peaner die­sen Gene­ral­streik. Den Mas­sen in den Antil­len zahl­ten jedoch die Impe­ria­lis­ten ihre Kampf­be­reit­schaft heim. Ein Gewerk­schaf­ter wur­de erschos­sen und der Anfüh­rer der LKP, Elie Doma­ta, der die kolo­ni­al­mä­ßi­ge Ver­wal­tung der Gua­de­lou­pe durch den fran­zö­si­schen Staat und die Aus­beu­tung durch die impe­ria­lis­ti­schen Békés ange­pran­gert hat­te, wur­de wegen Ansta­che­lung zum Ras­sen­hass verklagt.

Eine impe­ria­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da, der die Medi­en Gehör ver­schaff­ten, hat­te spä­ter zur Fol­ge, dass die Ein­nah­men durch den Tou­ris­mus zurück­gin­gen. Dabei ist der Tou­ris­mus eine der wich­tigs­ten Wirt­schafts­bran­chen, weil sie vom Staat ent­wi­ckelt wur­de, der wie­der­um ande­re ver­küm­mern las­sen hat. Aus den Antil­len hat also der Staat ein Land des Elends gemacht, in dem Urlau­ber sich ver­gnü­gen und die Ein­hei­mi­schen ihnen zu Diens­ten stehen.

Die Bevöl­ke­rung der Fran­zö­si­schen Antil­len lebt in Armut, obwohl sie alle Reich­tü­mer pro­du­ziert, die expor­tiert werden.

Durch die­se Bewe­gung konn­ten eini­ge Zuge­ständ­nis­se wie z.B. eine Lohn­er­hö­hung erzielt wer­den, aber kei­ne Sen­kung der Prei­se, die immer noch höher sind als in Kon­ti­nen­tal­frank­reich. Die LKP hat­te das Ein­rich­ten einer Kom­mis­si­on zur Preis­re­gu­lie­rung ver­langt, wur­de aber kaum in die Ver­hand­lun­gen ein­be­zo­gen und konn­te nicht mitentscheiden.

Am Bei­spiel die­ses Streiks kön­nen wir sehen, dass es nicht damit getan ist, berech­tig­te For­de­run­gen zu haben und even­tu­ell einen Sieg zu ver­zeich­nen. Solan­ge die Macht in den Hän­den weni­ger liegt, kann sich das Volk nichts posi­ti­ves erhof­fen: Am Ende wer­den immer die Mono­po­lis­ten das letz­te Wort haben, sie wer­den mit den Poli­zei­kräf­ten, ihren Poli­zei­kräf­ten, jede Oppo­si­ti­on nie­der­schla­gen kön­nen. Wäh­rend die Gua­de­lou­peaner ein hal­bes Jahr war­ten muss­ten, bis ihnen medi­zi­ni­sche Mas­ken, Inten­siv­bet­ten und Sauer­stoff­fla­schen geschickt wur­den, ent­sand­te der fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­staat einen Tag nach Beginn der Unru­hen die RAID[xiv] und die GIGN[xv], um die Bevöl­ke­rung unter Kon­trol­le zu bringen.

Am 22. Novem­ber hat auf der Mar­ti­ni­que wie­der ein­mal ein Gene­ral­streik ange­fan­gen. Über­all, wo er ange­wen­det wird, lehrt uns das Strei­ken, dass nicht die Aktio­nä­re und nicht die Gross­un­ter­neh­mer die Wirt­schaft am Lau­fen hal­ten, son­dern das Pro­le­ta­ri­at, die ein­zi­ge Klas­se, die alles pro­du­ziert und nichts besitzt. Wenn das Pro­le­ta­ri­at ent­schei­det, aktiv zu wer­den, dann herrscht es auch. Was ihm fehlt, ist eine kampf­fä­hi­ge und kampf­treue Orga­ni­sie­rung, im Gegen­satz zur Bour­geoi­sie, der besit­zen­den Klas­se, die sich für ihre poli­ti­schen und finan­zi­el­len Inter­es­sen sehr wohl stark machen kann.

Es heißt zu Unrecht, dass Super­märk­te »geplün­dert« wer­den. Es wird eigent­lich umver­teilt, denn die, durch deren Arbeit die­se Geschäf­te bestückt wer­den, neh­men sich nur das zurück, was ihnen zusteht, und umge­hen dabei die läs­ti­gen Zwi­schen­händ­ler der Bour­geoi­sie, die sich wie Blut­sauger am Volk fest­klam­mern. Die Trag­wei­te die­ser Hand­lun­gen geht weit über das hin­aus, was übli­cher­wei­se gesagt wird. Hier wird direk­tes­te Demo­kra­tie aus­ge­übt. Wenn die­se Hand­lun­gen gesetz­lich ille­gal sind, dann müs­sen eben die Geset­ze geän­dert wer­den, und mit ihnen das gan­ze Staats­ge­bäu­de, um eine Gesell­schaft auf­zu­bau­en, in der die Güter von denen, die sie pro­du­ziert haben, an die wei­ter­ge­ge­ben wer­den, die sie brauchen.

Die explo­si­ve Situa­ti­on auf den Inseln Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que ergibt sich aus einem Sys­tem, das sich über­lebt hat. Das Auf­be­geh­ren der Mas­sen in den Antil­len ist also äußerst gerecht. Es ver­setzt die Bour­geoi­sie in Angst und Schre­cken, denn gewöhn­lich hat sie das Mono­pol der Angst. Wenn Gewalt gegen das Volk ange­wen­det wird, dann sei dies etwas Gutes, mei­nen die Medi­en, die sich dann auch über die »Wie­der­her­stel­lung der Ord­nung« freu­en. Die revo­lu­tio­nä­re Gewalt, die heu­te von den Mas­sen in den Antil­len ange­wen­det ist, erschreckt die Bour­geoi­sie und ihre Medi­en­or­ga­ne. Sie ist aber legi­tim. So lan­ge die­ses Sys­tem erhal­ten bleibt, das auf Raub und Plün­de­rung beruht, solan­ge die Békés über alles bestim­men und die Staats­agen­ten sie dabei unter­stüt­zen, so lan­ge wird auch die­se Gewalt anhalten.

Um die »Repu­bli­ka­ni­sche Ord­nung« wie­der­her­zu­stel­len, für die Auf­be­geh­ren­den seit jeher gleich­be­deu­tend mit »Unter­drü­ckung«, wer­den die Mas­sen in den Antil­len Not­stands­ge­set­zen unter­wor­fen wer­den. Das, was jetzt in den Antil­len vor­geht, sol­len sich die Mas­sen in Frank­reich zur Leh­re die­nen las­sen. Zu einer Leh­re revo­lu­tio­nä­rer Natur.

Verweise

Alle Anmer­kun­gen stam­men von der Übersetzerin.

[i] Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que wer­den auch, zusam­men, als »Fran­zö­si­sche Antil­len« bzw. »Antil­len« bezeich­net. Mit »Frank­reich« ist in die­sem Arti­kel »Kon­ti­nen­tal­frank­reich« gemeint. Gua­de­lou­pe besteht aus sie­ben Inseln, Mar­ti­ni­que aus einer. Zusam­men­ge­rech­net leben auf Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que rund 900 000 Menschen.

[ii] Die Békés sind Nach­kom­men der ers­ten Wei­ßen, die ab Mit­te des 17. Jahr­hun­derts die Fran­zö­si­schen Antil­len besie­del­ten. Obwohl in Frank­reich eth­ni­sche Erhe­bun­gen ver­bo­ten sind, schätz­te 2009 die Tages­zei­tung Libé­ra­ti­on, dass die Békés weni­ger als 1% der Bevöl­ke­rung in den Fran­zö­si­schen Antil­len ausmachen.

[iii] Durch den Pac­te Colo­ni­al (Kolo­ni­al­pakt) sichert sich eine Kolo­ni­al­herr­schaft eine kom­mer­zi­el­le Mono­pol­stel­lung in ihren Kolonien.

[iv] Zum Ver­gleich : In Kon­ti­nen­tal­frank­reich lag 2020 die Armuts­gren­ze bei einem monatlli­chen Ein­kom­men von1.063 Euro.

[v] CRS : »Com­pa­gnie Répu­bli­cai­ne de Sécu­ri­té« (»Repu­bli­ka­ni­sche Sicher­heits­kräf­te«), Bereitschaftspolizei.

[vi] Ein Pré­fet ist in Frank­reich der Ver­tre­ter des Zen­tral­staa­tes, auf der Ebe­ne eines Départements.

[vii] Neuil­ly-sur-Sei­ne : Nobel­stadt, am west­li­chen Rand von Paris.

[viii] Die Gefähr­lich­keit von Chlor­de­con wur­de 1963 wis­sen­schaft­lich nachgewiesen.

[ix] Jac­ques Chi­rac, dama­li­ger Land­wirt­schafts­mi­nis­ter, gewähr­te 1972 die­sem Pro­dukt eine beding­te Zulas­sung, die mehr­mals ver­län­gert wur­de. Chlor­de­con wur­de 1975 in den USA, 1990 in Kon­ti­nen­tal­frank­reich, offi­ziel erst 1993 auf Gua­de­lou­pe und Mar­ti­ni­que ver­bo­ten. 2009 wur­de es in das Stock­hol­mer Über­ein­kom­men der welt­weit ver­bo­te­nen Stof­fe aufgenommen.

[x] Die Stadt Poin­te-à-Pit­re befin­det sich auf der Insel Gran­de-Terre, die zur Insel­grup­pe Gua­de­lou­pe gehört.

[xi] Chris­tia­ne Tau­bi­ra : Abge­ord­ne­te (1993 bis 2012) des Über­see-Dépar­te­ments Fran­zö­sisch-Guya­na. Sie gab den Impuls für das Gesetz, das Skla­ve­rei und Men­schen­han­del als Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit erkennt (Loi Tau­bi­ra vom 10. Mai 2001). Von 1994 bis 1999 war sie Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te. Als Jus­tiz­mi­nis­te­rin (2012 bis 2016) in der Amts­zeit von Prä­si­dent Fran­çois Hol­lan­de (2012 bis 2017) unter­stüz­te sie den Gesetz­ent­wurf, der gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren Ehe und Adop­ti­on ermög­licht (das Gesetz Maria­ge pour tous, »Ehe für alle« wur­de am 18.Mai 2013 ver­ab­schie­det). Chris­tia­ne Tau­bi­ra ist eine belieb­te lin­ke Politikerin.

[xii] DOM-TOM : Domai­nes d’Out­re-Mer-Ter­ri­toires d’Out­re-Mer (Über­see-Dépar­te­ments, Überseegebiete).

[xiii] Action Direc­te (Direk­te Akti­on) war von 1979 bis 1987 aktiv, in den so genann­ten »Blei­er­nen Jah­ren«. Die Grup­pe bezieht ihren Namen aus der anar­chis­ti­schen Theo­rie der »direk­ten Akti­on«. Ver­gleich­ba­re Grup­pen waren die Rote Armee Frak­ti­on in der BRD und die Bri­ga­te Ros­se in Italien.

[xiv] RAID : Eli­te­ein­heit der fran­zö­si­schen Natio­nal­po­li­zei, 1985 gegrün­det. Nach­träg­lich wur­de aus dem Wort raid (Fran­zö­sisch : »mili­tä­ri­scher Über­griff«), ein Akro­nym gemacht. RAID steht also für »Recher­che, Assi­s­tance, Inter­ven­ti­on, Dis­sua­si­on« (Ermitt­lung, Bei­stand, Ein­satz, Abschreckung).

[xv] GIGN : Grou­pe d’In­ter­ven­ti­on de la Gen­dar­me­rie Natio­na­le (Ein­satz­grup­pe der Natio­na­len Gen­dar­me­rie), Eli­te­ein­heit der fran­zö­si­schen Nationalgendarmerie.

Ori­gi­nal­ti­tel des Tex­tes: De gran­des révol­tes aux Antil­les secou­ent l’impérialisme. Erschie­nen am 27. 11.2021 in Nou­vel­le Épo­que: https://​www​.nou​vel​lee​po​que​.fr/​d​e​-​g​r​a​n​d​e​s​-​r​e​v​o​l​t​e​s​-​a​u​x​-​a​n​t​i​l​l​e​s​-​s​e​c​o​u​e​n​t​-​l​i​m​p​e​r​i​a​l​i​sme . Die­se Ver­öf­fent­li­chung erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Redak­ti­on der Nou­vel­le Époque.

Zum Titel­bild: »Sie brau­chen Auf­klä­rung«. Wir haben sehr wohl ver­stan­den … und sagen noch immer NEIN!
Frei­heit (Liberté)-Gleichheit (Éga­li­té) – Insis­tie­ren lohnt sich nicht (Pas la pei­ne d’insister).

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