Annäherung an den Kleinstadtprotest in Brandenburg aus linker Sicht

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Die Pro­test­wel­le scheint zu rol­len, ja end­lich. Und das so flä­chen­de­ckend und dezen­tral, spon­tan und selbst­or­ga­ni­siert, trotz Ver­bo­ten, ohne Anmel­dun­gen, mit einer Eigen­dy­na­mik, die mein anar­chis­ti­sches Herz hüp­fen lässt. Nun macht es kei­nen Sinn mehr zur Groß­de­mo nach Ber­lin fah­ren zu wol­len (denn die wur­de eh ver­bo­ten), son­dern hier direkt vor Ort, in unse­rer klei­nen Stadt in Bran­den­burg, kön­nen wir auf den Markt­platz gehen und sind teil einer gro­ßen, ja welt­wei­ten Pro­test­be­we­gung. Ich bin also in Kon­takt mit ein paar ande­ren Coro­na-Maß­nah­men- und Nar­ra­tiv-kri­ti­schen Freund*innen in mei­ner Gegend. Vie­le sind es nicht.

Immer noch star­re ich mit gro­ßen Augen und offe­nem Mund auf die letz­ten zwei Jah­re und was in der Zeit pas­siert ist mit mei­ner queer*feministischen, anti­fa­schis­ti­schen, eman­zi­pa­to­ri­schen, selbst­or­ga­ni­sie­ren­den, herr­schafts­kri­ti­schen Bla­se … ist sie zer­platzt? Bin ich raus­ge­fal­len? Was ist mit »der Lin­ken« pas­siert? Viel hab ich gegrü­belt, bin an den Fra­gen ver­zwei­felt, habe die neue Distanz in Freund*innenschaften beweint. Der­zeit fin­de ich mich mit mei­nem Unver­ständ­nis ab, möch­te wei­ter­ge­hen, mich ver­bün­den mit Men­schen, die mei­ne Wer­te tei­len, die auch Hand­lungs­drang ver­spü­ren, möch­te unse­ren Pro­test gemein­sam auch hier vor Ort auf die Stra­ße tra­gen. Doch wie? Und wann? Und mit wem? Oder mit wem nicht?

So schön es ist, dass lan­des­weit dezen­tral demons­triert wird, es bringt auch Fra­gen mit sich. Auch weil die Anti-Coro­na-Maß­nah­men-Pro­tes­te so poli­ti­siert wur­den und wer­den. Wenn in gro­ßen Städ­ten mit vie­len vie­len Men­schen, Pro­tes­te zu einem The­ma von einer poli­ti­schen Strö­mung ange­mel­det oder domi­niert wer­den, kann sich Pro­test auf­tei­len. Da kann dann eine Demo expli­zit von links statt­fin­den und es kom­men trotz­dem Leu­te zusam­men. Und sie ist trotz­dem sicht­bar bei all den Men­schen, die im Groß­stadt­all­tag unter­wegs sind. Hier in der Klein­stadt ist das anders. Es gibt ein­fach ins­ge­samt weni­ger Men­schen. Noch weni­ger die pro­tes­tie­ren gehen. Und noch weni­ger, die mei­ne poli­ti­sche Hal­tung tei­len. Wie also, sicht­ba­ren, wirk­sa­men Pro­test rea­li­sie­ren, ohne dabei zu rech­ten Hal­tun­gen und Strö­mun­gen zu schwei­gen? Und klar ist, dass zumin­dest (und nicht nur) in unse­rer Klein­stadt Men­schen mit rech­ten Ansich­ten bei den Mon­tags­spa­zier­gän­gen prä­sent sind und die­se zum teil auch kund­tun, z.B. mit einem Schild, das das Cover einer rech­ten Zeit­schrift zeigt, wie ich es bei mei­nem ers­ten kur­zen Besuch des Pro­tests an einem Mon­tag­abend sehe.

Es braucht also einen bewuss­ten Umgang damit und die Klar­stel­lung, dass unser Pro­test auch immer anti­ras­sis­tisch und anti­fa­schis­tisch ist.

Ja, wir über­le­gen hin und her, ver­schie­dens­te Vari­an­ten. Sol­len wir doch eine eige­ne Ver­an­stal­tung machen? An einem ande­ren Tag? Anmel­den oder nicht? Wie dazu ein­la­den oder Wer­bung machen? Es wird klar: wir sind zu weni­ge mit zu wenig Kapa­zi­tä­ten, um eine eige­ne Pro­test­be­we­gung zu star­ten. Und der Mon­tag hat vie­le Vor­tei­le. Am Mon­tag fin­det gera­de der meis­te Pro­test statt. Wir wol­len ja Teil eben die­ser Pro­test­be­we­gung sein, die wir zum gro­ßen Teil als nicht rechts-poli­tisch geprägt wahr­neh­men. Sie erreicht gera­de auch Men­schen, die sich nicht durch »sozia­le« Medi­en über alter­na­ti­ve Pro­tes­te infor­mie­ren. Sie kom­men ein­fach jeden Mon­tag­abend auf die Stra­ße. Und zwar unan­ge­mel­det. Also auch nicht von Men­schen mit rech­ter Ein­stel­lung ange­mel­det. Und nein, die aller­meis­ten die da hin gehen sind auch kei­ne Nazis. Selbst hier nicht in unse­rer klei­nen Stadt in Brandenburg.

Wenn sich jedoch Men­schen bei den Mon­tags­de­mos »rechts« posi­tio­nie­ren, wie mit dem Cover der Zeit­schrift, wol­len wir uns, ein­deu­tig »links« posi­tio­nie­ren. Das tun wir also mit ent­spre­chen­den Schil­dern. Die Men­schen­men­ge ist im Ver­gleich zur Woche davor gewach­sen, hat sich min­des­tens ver­dop­pelt. Das rech­te Schild sehe ich nicht mehr, viel­leicht ist es nur zu weit weg in einer ande­ren Ecke des Markt­plat­zes? Um uns her­um ste­hen nur Men­schen, die sich uns ent­we­der zuord­nen, sich freu­en, dass wir da sind und uns poli­tisch ein­deu­tig ver­or­ten oder Men­schen, die ihre poli­ti­sche Hal­tung nicht erken­nen las­sen. Eini­ge fra­gen nach, las­sen sich unse­re Aus­sa­gen erklä­ren. Alles ist freund­lich, fried­lich, ruhig. Auch die Poli­zei ist sehr zurück­hal­tend. Wie in der Woche zuvor ist sie mit zwei PKWs vor Ort mit unge­fähr sechs Per­so­nen. Sie ste­hen abseits, schau­en zu. Irgend­wann kommt eine Durch­sa­ge, die viel zu lei­se ist, um sie zu ver­ste­hen. Eine Per­son, die näher her­an geht, berich­tet, es wäre dazu auf­ge­for­dert wor­den, dass irgend­wer die Ver­an­stal­tung anmel­den sol­le und dass Abstand ein­ge­hal­ten und Mas­ken getra­gen wer­den soll­ten. Die Ansa­ge wird weder wie­der­holt, noch machen die Polizist*innen irgend­wel­che Anstal­ten ihre For­de­run­gen durch­zu­set­zen. Als sich die Men­ge dann zum Spa­zier­gang auf­macht, fährt die Poli­zei mit. Wir hat­ten ver­ab­re­det nicht mit­zu­lau­fen aus Zeit­grün­den aber auch als wei­te­res Zei­chen unse­rer Posi­tio­nie­rung. Wir blei­ben noch auf dem Markt­platz ste­hen, bestärkt durch die net­ten Kon­tak­te, die schö­ne Stim­mung, die wach­sen­de Men­schen­an­zahl und Viel­falt der Demons­trie­ren­den. Hier hät­te der Abend enden können.

Doch dann kom­men noch zwei Men­schen auf uns zu, gucken neu­gie­rig und fra­gen, ob wir hier mit­de­mons­trie­ren wür­den oder dage­gen sei­en. Wir erklä­ren, dass wir hier gegen die Coro­na-Maß­nah­men pro­tes­tie­ren wür­den und gleich­zei­tig klar­ma­chen möch­ten, dass unser Pro­test auch immer anti­ras­sis­tisch und anti­fa­schis­tisch sei. Die Ent­geg­nung, wir wür­den also ein­fach mit den Rech­ten mit­lau­fen, klingt schon etwas auf­ge­bracht. Sie sei­en ja selbst auch ange­nervt von den Maß­nah­men und könn­ten mit unse­ren Aus­sa­gen auf den Schil­dern viel anfan­gen aber hier ein­fach mit­zu­ma­chen gin­ge doch nicht. Unse­re Erklä­rungs­ver­su­che, dass wir ja gera­de nicht mit­lie­fen und uns hier ja gera­de des­we­gen klar posi­tio­nie­ren wür­den, weil auch wir fin­den, dass es einen Umgang mit rech­ten Strö­mun­gen in der Pro­test­be­we­gung bräuch­te, dass wir uns aber als Teil der welt­wei­ten Pro­test­be­we­gung sehen und die­se mit­prä­gen woll­ten, statt uns raus­zu­hal­ten, wer­den immer wie­der unter­bro­chen. Ja, wir gera­ten in die Defen­si­ve. Ob wir unse­ren Pro­test denn wenigs­tens ord­nungs­ge­mäß ange­mel­det hät­ten, nicht wie die ande­ren hier, die das Gesetz brä­chen. War­um wir denn dann kei­nen eige­nen Pro­test anmel­den wür­den, z.B. am Diens­tag, weil doch für den Mon­tag auch Leu­te von der AfD mobi­li­sie­ren wür­den. Spä­tes­tens als die Fra­gen kom­men, war­um aus­ge­rech­net jetzt der Kapi­ta­lis­mus kri­ti­siert wür­de, obwohl der schon lan­ge kri­tik­wür­dig sei, war­um jetzt, wo es ein­zel­nen Men­schen mit der Imp­fung an die Haut gin­ge, die­se Men­schen erst auf die Stra­ße gehen wür­den und nicht vor­her, weiß ich, es geht hier gar nicht um uns. Und als sie sagen, die Impf­pflicht sei ja kein Impf­zwang und für bestimm­te Berufs­grup­pen auch rich­tig, schwant mir, dass wir doch nicht die glei­chen Wer­te teilen.

Was ich in der Situa­ti­on gar nicht oder nur teil­wei­se schaff­te zu sagen, weil ich nicht schlag­fer­tig genug war, weil ich unter­bro­chen wur­de und weil die Dis­kus­si­on sich dann um Übersterb­lich­kei­ten und Impf­ne­ben­wir­kun­gen drehte:

Wir haben schon sehr viel gegen den Kapi­ta­lis­mus pro­tes­tiert. Schon lan­ge vor 2020. Seit vie­len Jah­ren sind wir am Aus­pro­bie­ren von Alter­na­ti­ven und am Auf­bau eige­ner Struk­tu­ren. Beschäf­ti­gen uns mit uns selbst und mit­ein­an­der und all dem, was uns Neo­li­be­ra­lis­mus, Kolo­nia­lis­mus und Patri­ar­chat bei­gebracht haben, um es zu verlernen.

Wir gehen gera­de nicht nur auf die Stra­ße, weil wir sel­ber (viel­leicht dem­nächst auch) von einer Impf­pflicht bedroht wer­den. Wir gehen schon heu­te auf die Stra­ße, um das gan­ze zu hin­ter­fra­gen und auch für eben die Men­schen, die bereits jetzt gekün­digt wer­den, weil sie sich nicht »imp­fen« las­sen möch­ten oder kön­nen. Wir sind für die Frei­heit und Selbst­be­stim­mung aller Men­schen und kein Mensch ist frei, wenn nicht alle Men­schen frei sind. Und »My body my choice« gilt eben nicht nur für eine bestimm­te Grup­pe von Men­schen oder nur in Bezug auf bestimm­te Über­grif­fe, son­dern muss immer und über­all für alle Men­schen gelten.

Übri­gens ist es auch ok, wenn Men­schen erst pro­tes­tie­ren, wenn sie ganz per­sön­lich von etwas betrof­fen sind. Untä­tig­keit kön­nen wir uns alle stän­dig vor­wer­fen. Das ist nur über­haupt nicht hilf­reich und macht auch den gera­de statt­fin­den­den Pro­test nicht weni­ger legitim.

Wenn es eine welt­wei­te Pro­test­be­we­gung gibt, die hier in Deutsch­land vor allem am Mon­tag­abend statt­fin­det und die­ser Pro­test unan­ge­mel­det pas­siert, war­um sol­len wir dann auf einen ande­ren Tag aus­wei­chen? War­um wird uns vor­ge­wor­fen wir wür­den bei »den Rech­ten« mit­lau­fen? Viel­leicht lau­fen die ja auch bei uns mit. Wenn doch der Pro­test nicht ange­mel­det ist, wie kann er dann bestimm­ten Leu­ten »gehö­ren«? Und war­um sol­len aus­ge­rech­net wir wei­chen? Den Raum, die­sen Tag mit all sei­ner der­zei­ti­gen Kraft, Sym­bol­wir­kung und außer­or­dent­lich gerin­gen Poli­zei­prä­senz auf­ge­ben und ihn »den rech­ten« über­las­sen? War­um stört ihr euch mehr an unse­rer Prä­senz als an ihrer? War­um stellt ihr uns zur Rede und nicht die, gegen deren Ein­stel­lun­gen ihr eigent­lich etwas habt? War­um strei­ten wir hier mit­ein­an­der anstatt immer wei­ter und gemein­sam die zu kri­ti­sie­ren, die ras­sis­ti­sche, faschis­ti­sche, men­schen­ver­ach­ten­de Hal­tun­gen haben und äußern? Sind wir viel­leicht das leich­te­re Ziel? Ist es ein­fa­cher uns anzu­spre­chen, zu kri­ti­sie­ren, mit uns zu strei­ten, als Nazis zu kon­fron­tie­ren? Bestimmt. Aber wir sind ein­deu­tig das fal­sche Ziel.

Wenn ich rech­te Schil­der sehe, ant­wor­te ich mit lin­ken schil­dern. Wenn ich ras­sis­ti­sche Äuße­run­gen höre, erhe­be ich Ein­spruch, ich rede dage­gen. Ja, das gelingt mir nicht immer. In man­chen Situa­tio­nen ist es zu her­aus­for­dernd aber ich übe, übe, übe. Und wenn ich auf Demos rech­te Sprü­che höre, dann rufe ich etwas dage­gen zurück und strei­te mich auch mit Men­schen, deren Aus­sa­gen mir nicht pas­sen. Das ist bei den hie­si­gen Mon­tags­de­mos aller­dings noch nicht pas­siert. Und ich stel­le mich auch in eine ande­re Ecke des Markt­plat­zes, wenn ich das für ange­bracht hal­te. Aber ich will auch da sein dür­fen, gleich­zei­tig. Das heißt nicht, dass ich mit allen Ansich­ten aller Men­schen, die zur glei­chen Zeit auf dem Markt­platz sind und gegen das glei­che pro­tes­tie­ren wie ich, ein­ver­stan­den bin oder dass ich für die­se Men­schen und ihre Hal­tun­gen ver­ant­wort­lich bin. Vor allem ken­ne ich sie nicht. Wenn ich Äuße­run­gen ver­neh­me, kann ich mich dazu äußern und posi­tio­nie­ren. Das ist was wir tun.

Für mich macht es kei­nen Sinn den Pro­test in einer Klein­stadt auf­zu­tei­len und ihm damit sei­ne Kraft zu neh­men. Ich sehe eine grö­ße­re Chan­ce dar­in, den statt­fin­den­den Pro­test mit­zu­ge­stal­ten. Prä­senz zu zei­gen. Eben nicht rech­te Äuße­run­gen im öffent­li­chen Raum ste­hen zu las­sen und mich abzu­wen­den. Oder mich gegen die gan­ze Ver­an­stal­tung und alle Demons­trie­ren­den zu stel­len. Lie­ber will ich ein Gegen­ge­wicht bil­den, zei­gen, dass es noch Men­schen mit lin­ken Wer­ten gibt, die auch das Gan­ze hin­ter­fra­gen, damit einen Raum für noch mehr Men­schen auf­ma­chen, die sich gera­de viel­leicht nicht zu den Pro­tes­ten trau­en, weil sie dann als Nazis beschimpft wer­den. Und viel­leicht wer­den wir irgend­wann vom Gegen­ge­wicht zum Übergewicht.

Und natür­lich haben auch wir kei­ne all­ge­mein­gül­ti­gen Ant­wor­ten, ken­nen nicht den einen rich­ti­gen Weg, son­dern befin­den uns im Pro­zess, in ste­ti­gem Aus­tausch mit­ein­an­der, um immer wie­der raus­zu­fin­den, was sich für uns stim­mig anfühlt. Und das kann etwas ganz ande­res sein, als das, was sich für ande­re Men­schen stim­mig anfühlt. Mir geht es um Bewe­gung, dar­um, uns nicht von vor­ne­her­ein das Pro­tes­tie­ren zu ver­un­mög­li­chen, son­dern For­men unse­res Wider­stan­des im Tun auszuprobieren.

Vor eini­gen Jah­ren hat­ten wir hier in der Gegend eine Pro­test­be­we­gung zu einem regio­nal-öko­lo­gi­schen The­ma. Bei einer Demo sah ich Men­schen, denen ich eine rechts-poli­ti­sche Hal­tung unter­stell­te. Es war befremd­lich mit die­sen Men­schen in einem Zug zu lau­fen, und hin­ter­her haben wir uns dar­über aus­ge­tauscht. Es hät­te uns nicht davon abge­hal­ten auf der nächs­ten Demo zu dem The­ma auch mit­zu­lau­fen. Viel­leicht hät­ten wir uns mit Schil­dern ein­deu­tig posi­tio­nie­ren wol­len. Aber nicht hin­ge­hen? Oder die Pro­test­be­we­gung spal­ten und zu fünft durch die Stra­ßen lau­fen? Das kam uns nicht in den Sinn. Ging es doch vor allem um die Sache, die regio­na­len Öko­sys­te­me zu schützen.

Was ist jetzt anders? Viel­leicht das Framing, die Het­ze, die Pro­pa­gan­da? Eiei­ei, gewag­te These.

Übri­gens wenn ihr an einem ande­ren Tag Pro­test gegen die Coro­na-Maß­nah­men von links anmel­det und orga­ni­siert, kom­me ich ger­ne! Aber wir hat­ten ja schon fest­ge­stellt, dass wir offen­sicht­lich gar nicht gegen und für das glei­che pro­tes­tie­ren wür­den. Also, viel­leicht kom­men wir auch ein­fach nicht zusam­men. Allein schon, weil ich unan­ge­mel­de­ten Pro­test kei­nes­wegs ableh­ne. Ganz im Gegen­teil, mein anar­chis­ti­sches Herz frohlockt.

11 thoughts on “Annäherung an den Kleinstadtprotest in Brandenburg aus linker Sicht

  1. Ich füh­le so mit und tei­le alle Argu­men­te im Text.
    Die beschrie­be­ne Sita­tuon ist mir hier eben­falls bekannt und ich möch­te gern es irgend­wie ver­än­dern. Wie kön­nen wir uns vernetzen?

  2. Wenn ich dei­ne Zei­len lese blu­tet mein lin­kes Herz. Du pro­tes­tiert gegen einen Virus, gegen Maß­nah­men die­sen Virus ein­zu­schrän­ken? Dein anar­chis­ti­sches Herz hüpft dabei? Ich bin schon etwas älter, habe an lin­ken Demos, an Umwelt-Demos teil­ge­nom­men, habe mich mit der Poli­zei und mit rech­ten Hoo­li­gans ange­legt. Aber auf die Idee, gegen ein Virus zu demons­trie­ren, dazu fehlt mir der geis­ti­ge Tief­flug. Ganz ehr­lich: am Arsch, du hast nichts begriffen.

    1. Wie kommt ein schon etwas älte­res Hirn auf die Idee, irgend­wer wür­de gegen ein Virus demonstrieren???
      Demons­triert wird gegen Maß­nah­men­will­kür die größ­ten­teils auf unkla­ren, zum Teil ein­fach fal­schen Fak­ten beru­hen und die mit Ängs­ten begrün­det wer­den die am Anfang der gan­zen Soße absicht­lich her­bei­ge­schrie­ben wur­den und die­se Ängs­te wur­den absicht­lich vom dama­li­gen Innen­mi­nis­ter See­hofer »bestellt«: »Jedes Kind sol­le Angst haben zum Mör­der sei­ner Gro0eltern zu wer­den. Ekel­haft. Und mit die­ser Keu­le »Mör­der« wur­den dann auch in lin­ken Krei­sen als­bald Men­schen belegt die den Sinn der Maß­nah­men hin­ter­frag­ten. Mir selbst pas­siert. Seit 1968 den­ke, füh­le und hand­le ich links-anar­chis­tisch. Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, Anti-Atom-bewegt, Gor­le­ben, Start­bahn West, Wackers­dorf, Mut­lan­gen, Men­schen­ket­te Stgt.-Ulm etc. x Demos und, und …
      Und jetzt muss ich als alter wei­ßer Mann mit anse­hen, wie ein beacht­li­cher Teil der sich als links, anti­fa­schis­tisch ver­ste­hen­de Jugend von der Staats­macht und den »staats­tra­gen­den« Medi­en durch ent­spre­chen­des Framing und Wor­d­ing dazu gebracht wur­de über­all Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, Coro­na-Leug­ner, Anti­se­mi­ten, Nazis zu sehen. Und wer das nicht genau so sieht ist ein­fach zu blö­de und lässt sich von den Rech­ten ver­ein­nah­men. Für mei­nen Teil wei­se ich sol­che Dif­fa­mie­run­gen weit von mir. Bis­her bekam ich zu den a.m.S. unfai­ren Unter­stel­lun­gen kei­ne Erklä­run­gen, nur die Aus­sa­gen (wie­der­holt) »das wol­len wir nicht dis­ku­tie­ren.« »Wir haben beschlos­sen das nicht zu diskutieren«
      Arme Jugend – Gute Nacht!

      Heu­te kam mir zufäl­lig ein Aus­sa­ge des Malers Frans Masa­re­el unter die Augen:
      Masere­el anläß­lich der Ehren­dok­tor­ver­lei­hung Hum­boldt-Uni­ver­si­tät 1969:

      »Ich lebe in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt und habe trotz mei­ner wei­ßen Haa­re, die engs­te Ver­bin­dung zur rebel­lie­ren­den Jugend von heu­te. (…) …über­all steht die­se Jugend in schärfs­ter Kri­tik gegen­über einer Ord­nung die sie von ihren Vätern vor­ge­fun­den hat. Die­se soge­nann­te Ord­nung heißt Hun­ger in einem Teil der Welt, Aus­beu­tung der unter­ent­wi­ckel­ten Län­der, heißt Ver­schwen­dung, unsin­ni­ge Kon­sum­pro­pa­gan­da in den rei­chen Län­dern des Wes­tens, heißt Atom­bom­ben und Vietnam-Krieg.
      (…) …die­se Jugend gibt mir Hoff­nung nicht umsonst gelebt und geschaf­fen zu haben.«
      Frans Masereel

      Damals war ja ich ein Teil die­ser Jugend – haben wir die­se Hoff­nung erfüllt???

      Heu­te habe ich wei­ße Haa­re und lei­der, lei­der kann ich momen­tan nicht sagen dass die heu­ti­ge Jugend für mich auch eine ähn­li­che Hoff­nung gibt.
      Her­mann 2022

  3. Ich kann dich abso­lut ver­ste­hen. Ich bin auch dabei, oft und öfter. Ich habe selbst, bereits seit Kin­der­ta­gen, eine anti­fa­schis­ti­sche Erzie­hung genos­sen und mich immer klar posi­tio­niert. Habe auch durch­aus in eige­nen Krei­sen Kri­tik geübt, wenn ich merk­te, dass sich in Wider­sprü­chen und fal­schen Kon­klu­sio­nen ver­ant­wort­lich wird, der Dis­kurs war kon­struk­tiv. Jetzt wer­de ich jedoch von ehe­mals so nahen Grup­pie­run­gen, bei Spa­zier­gän­gen, als Nazi dif­fa­miert, wer­de bedroht, egal ob wir selbst auf dem Spa­zier­gän­gen auch Hal­tung zei­gen und zurück rufen Nazis raus, in den Dis­kurs gehen oder schwei­gen. Die anti­fa­schis­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen in ver­schie­de­nen Län­dern rufen dazu auf, Wider­stand gegen die Regie­rung zu leis­ten, statt­des­sen rufen sie: « Wir imp­fen euch alle«! Was ist pas­siert? Mach wei­ter so und ich hof­fe, du erreichst vie­le, denn jeder ein­zel­ne wird gebraucht!

  4. Auf die Idee zu kom­men, Du wür­dest »gegen ein Virus demons­trie­ren«, »dazu fehlt mir der geis­ti­ge Tief­flug«. Du hast ja deut­lich gemacht, dass Du gegen bestimm­te Maß­nah­men zur ver­such­ten Ein­däm­mung der Pan­de­mie demons­trierst. Auch mir schei­nen vie­le der Maß­nah­men kon­tra­pro­duk­tiv zu sein. Durch die Maß­nah­men haben die Leu­te hier­zu­lan­de vor allem an Gewicht zuge­nom­men, und wie jeder weiß steigt mit jedem Kilo Über­ge­wicht das Risi­ko an einer schwe­re­ren Erkran­kung. Nur ein Bei­spiel von vie­len dafür, dass die Maß­nah­men krank machen. Social Distancing macht eben­falls krank, das wird auch immer deut­li­cher, und kein ernst­zu­neh­men­der Mensch wür­de das anzweifeln.
    Mei­ner Mei­nung nach ster­ben durch die Maß­nah­men welt­weit mehr Leu­te als durch das Virus. Men­schen in Dritt­welt­län­dern büßen für die Angst der Risi­ko­grup­pe, also der alten, rei­chen wei­ßen Men­schen in den Indus­trie­na­tio­nen. Auch jun­ge Men­schen in Deutsch­land büßen dafür.
    Die Rech­ten haben doch gar kei­ne dif­fe­ren­zier­te Mei­nung zum The­ma, die wol­len nur rekrutieren.
    Ich habe auch kei­ne Lust, bei den Rech­ten mit­zu­lau­fen. Mitt­ler­wei­le ist alles so repres­siv, und vie­le Leu­te in der lin­ken Sze­ne sind zu den schlimms­ten Block­war­ten gewor­den, dass ich mich fra­ge mich, ob Demons­trie­ren noch hel­fen kann. Wenn doch alle Demos zu dem The­ma von vorn­her­ein als rechts betrach­tet wer­den. Die Men­schen suchen in Kri­sen nach einem Sün­den­bock, damit sie bes­ser damit umge­hen kön­nen, es ist dann ein­fa­cher für sie selbst, und sie kön­nen Ver­ant­wor­tung abge­ben. Das ist cha­rak­ter­schwach, aber wie man sieht, ist es immer wie­der so.
    Ich dan­ke Dir von Her­zen für Dei­nen Text. Ich ken­ne zum Glück über­all auf der Welt Maß­nah­men-kri­ti­sche Linke.

    1. Wir haben gera­de in frei­burg eine gro­ße Kund­ge­bung mit ca, 3500 Men­schen als lin­ke mit­or­ga­ni­siert. Und uns dabei ein­deu­tig gegen die Ver­schwö­rungs­er­fin­der und rech­ten grup­pen gewandt. Es ist eine tat­sa­che, dass von Anfang an es auch eine anti­zio­nis­ti­sche Grund­hal­tung bei den nar­ra­ti­ven der impf­geg­ner gab. Wenn man die Geschich­te vor der ergrei­f­umg der macht durch die nazis anschaut, gab es auch dort eine Bewe­gung gegen die Pocken­imp­fung, die von anto­pro­so­phen, anhän­gern einer jugend­be­we­gung und von kle­ri­ka­len sek­tie­rern mit geprägt wur­de. Eine sol­che mischung neh­me ich auch in frei­burg bei den auf­zü­gen dwr impf­ge­ge­ner wahr und das macht mir Angst, Die geschich­te kön­te sich wie­der­ho­len. Als lin­ker bin ich nicht für eine impf­pflicht. Den impf­skep­ti­kern wür­de ich din­gend aber emp­feh­len, die­se auf­mär­sche zu mei­den. Ein wich­ti­ges Argu­ment für eine impf­pflicht könn­te sein, dass bei gerin­ger impf­quo­te die sozia­le spalt­umg der Gesell­schaft wei­ter fort­schrei­tet und die psy­chi­schen Fol­gen der Pan­de­mie immer kras­ser wer­den, da die Poli­tik immer wie­der zu qua­ra­tä­ne­mass­nah­men schrei­ten muss. Ich erle­be das als Sozi­al­ar­bei­ter haut­nah mit (mas­sen­haft depri­viert das kin­der und jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne. Ein indi­vi­dua­lis­ti­scher (anar­chis­ti­scher) Ansatz hat kei­ne anwort auf die­se gesamt­ge­sell­schaft­li­che not­wen­dig­kei­ten. Dar­über soll­tet ihr euch mal gedan­ken machen. Kol­lek­ti­ve Ant­wor­ten müss­tet ihr euch dazu über­le­gen. Danke

      1. Vie­len Dank für den Kom­men­tar, mit dem Sie natür­lich offe­ne Türen ein­ren­nen. Bei­trä­ge geben die Mei­nung des Autors wie­der, nicht unbe­dingt die der Redak­ti­on oder der ans NLW ange­schlos­se­nen Grup­pie­run­gen. Ger­ne kön­nen Sie dies­be­züg­lich ein Dis­kus­si­ons­bei­trag an die Redak­ti­on senden:
        https://​netz​werk​-lin​ker​-wider​stand​.ru/​a​r​t​i​k​e​l​-​e​i​n​r​e​i​c​h​en/

  5. Wie kommt ein schon etwas älte­res Hirn auf die Idee, irgend­wer wür­de gegen ein Virus demonstrieren???
    Demons­triert wird gegen Maß­nah­men­will­kür die größ­ten­teils auf unkla­ren, zum Teil ein­fach fal­schen Fak­ten beru­hen und die mit Ängs­ten begrün­det wer­den die am Anfang der gan­zen Soße absicht­lich her­bei­ge­schrie­ben wur­den und die­se Ängs­te wur­den absicht­lich vom dama­li­gen Innen­mi­nis­ter See­hofer »bestellt«: »Jedes Kind sol­le Angst haben zum Mör­der sei­ner Gro0eltern zu wer­den. Ekel­haft. Und mit die­ser Keu­le »Mör­der« wur­den dann auch in lin­ken Krei­sen als­bald Men­schen belegt die den Sinn der Maß­nah­men hin­ter­frag­ten. Mir selbst pas­siert. Seit 1968 den­ke, füh­le und hand­le ich links-anar­chis­tisch. Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, Anti-Atom-bewegt, Gor­le­ben, Start­bahn West, Wackers­dorf, Mut­lan­gen, Men­schen­ket­te Stgt.-Ulm etc. x Demos und, und …
    Und jetzt muss ich als alter wei­ßer Mann mit anse­hen, wie ein beacht­li­cher Teil der sich als links, anti­fa­schis­tisch ver­ste­hen­de Jugend von der Staats­macht und den »staats­tra­gen­den« Medi­en durch ent­spre­chen­des Framing und Wor­d­ing dazu gebracht wur­de über­all Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, Coro­na-Leug­ner, Anti­se­mi­ten, Nazis zu sehen. Und wer das nicht genau so sieht ist ein­fach zu blö­de und lässt sich von den Rech­ten ver­ein­nah­men. Für mei­nen Teil wei­se ich sol­che Dif­fa­mie­run­gen weit von mir. Bis­her bekam ich zu den a.m.S. unfai­ren Unter­stel­lun­gen kei­ne Erklä­run­gen, nur die Aus­sa­gen (wie­der­holt) »das wol­len wir nicht dis­ku­tie­ren.« »Wir haben beschlos­sen das nicht zu diskutieren«
    Arme Jugend – Gute Nacht!

    Heu­te kam mir zufäl­lig ein Aus­sa­ge des Malers Frans Masa­re­el unter die Augen:
    Masere­el anläß­lich der Ehren­dok­tor­ver­lei­hung Hum­boldt-Uni­ver­si­tät 1969:

    »Ich lebe in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt und habe trotz mei­ner wei­ßen Haa­re, die engs­te Ver­bin­dung zur rebel­lie­ren­den Jugend von heu­te. (…) …über­all steht die­se Jugend in schärfs­ter Kri­tik gegen­über einer Ord­nung die sie von ihren Vätern vor­ge­fun­den hat. Die­se soge­nann­te Ord­nung heißt Hun­ger in einem Teil der Welt, Aus­beu­tung der unter­ent­wi­ckel­ten Län­der, heißt Ver­schwen­dung, unsin­ni­ge Kon­sum­pro­pa­gan­da in den rei­chen Län­dern des Wes­tens, heißt Atom­bom­ben und Vietnam-Krieg.
    (…) …die­se Jugend gibt mir Hoff­nung nicht umsonst gelebt und geschaf­fen zu haben.«
    Frans Masereel

    Damals war ja ich ein Teil die­ser Jugend – haben wir die­se Hoff­nung erfüllt???

    Heu­te habe ich wei­ße Haa­re und lei­der, lei­der kann ich momen­tan nicht sagen dass die heu­ti­ge Jugend für mich auch eine ähn­li­che Hoff­nung gibt.
    Her­mann 2022

  6. Demons­trie­ren, Bit­ten, Bet­teln, Fle­hen, naja, so wird das wird nichts mit den gewünsch­ten Ver­än­de­run­gen. Denn die da Oben könn­ten schon immer auch anders, wenn sie woll­ten und wenn sie nicht dem medi­al ein­ge­re­de­ten ›Druck der Mas­sen‹ nach­ge­ben würden.
    .. ›Sel­ber bes­ser machen‹, ist was immer ging und geht.
    .. Dazu wür­de Men­schen die­nen, sich im Pro­zess-For­mat des ›2½-Tage-Zukunfts­werk­statt-Pro­zess‹ zu ver­sam­meln. Nach dem Pro­zess wis­sen die Betei­lig­ten wer die pas­sen­den Part­ner zum Errei­chen der eige­nen ›Euto­pie¹ sind, weil sie die Euto­pien der ande­ren Betei­lig­ten ken­nen, wie auch deren Pläne/​Strategien, die eige­ne Euto­pie zu erreichen,..
    .. Die eige­ne Eutopie¹»(Idee/Bild einer erle­bens­wer­ten Zukunft) dient danach als inne­rer Kom­pass und kann in jeder Situa­ti­on ange­passt wer­den. Meist jedoch wird ein Mensch, der einen sol­chen ›Zukunfts­werk­statt-Pro­zess‹ durch­lebt hat, nicht die Euto­pie son­dern die eige­ne Stra­te­gie auf die Äuße­ren Rah­men-Bedin­gun­gen anpas­sen. (Das Ana­ly­sie­ren und Fin­den pas­sen­der Stra­te­gien haben die Betei­lig­ten ja dann gelernt.)
    .. Da wir Men­schen ähn­li­che Grund-Bedürf­nis­se haben und bei gründ­li­cher Pro­blem-Ana­ly­se oft auch wäh­rend der Pro­blem-Ana­ly­se auf gemein­sa­me Ursa­chen kom­men, lie­gen die Euto­pien meist nicht so weit aus­ein­an­der, die Stra­te­gien schon eher.
    ..> Wegen der ähn­li­chen Euto­pien wer­den Men­schen meist viel koope­rie­ren, auch bei unter­schied­li­chen Stra­te­gien, aber nicht immer ›im glei­chen Boot sit­zen‹ und sich ein­an­der hel­fen wenn eines kentert.
    ..> Ech­te Soli­da­ri­tät ent­steht und kei­ne erzwun­ge­ne und ech­tes Ver­trau­en. Denn wer kennt schon heu­te die Euto­pien und Stra­te­gien sei­ner Mitmenschen?
    ..> Auch inne­rer Antrieb und Ziel­stre­big­keit ent­ste­hen, durch die eige­nen Euto­pien und Sicher­heit durch die gelern­ten Teil-Pro­zes­se im ›Zukunfts­werk­statt-Pro­zess‹.
    .. Ergän­zend prak­tisch nütz­lich sind ›Forum-Thea­ter‹, ›Thea­ter der Unter­drück­ten‹ von Augu­to Boal, ›Sze­na­rio-Werk­statt‹,.. » alles auch auf Wiki­pe­dia, auf bpb​.de, zwnetz​.de …

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