»Die Gesundheit vergisst sich von selbst« – Bloch und Marx über Gesundheit und Krankheit

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Blei­ben wir aber beim Pro­blem der Sicht­wei­se, bzw. keh­ren dort­hin zurück. Plass­manns For­de­rung eines umfas­sen­den Her­an­ge­hens knüpft dort an, wo bereits Ernst Bloch Weg­mar­ken gesetzt hat­te, beim gan­zen Men­schen als Objekt (-Sub­jekt) der Hei­lung. Bloch mein­te über die Medi­zin in der bür­ger­li­chen Gesellschaft:

Vom leben­di­gen gan­zen Leid­trä­ger wird weg­ge­se­hen, beson­ders aber von den Umstän­den, wor­in er sich befin­det. Von daher die Über­schät­zung der Bazil­len [und aktu­ell Viren/M.W.], als der ein­zi­gen Seu­chen­er­re­ger; die Mikro­be ver­deck­te vor allem ande­re Begleit­erschei­nun­gen der Krank­heit, schlech­tes Milieu und der­glei­chen, so ent­hob sie von der Pflicht, auch dort nach Ursa­chen zu suchen.1

Bloch meint dann dies­be­züg­lich: »Blo­ßer mecha­nis­ti­scher Pflas­ter­kas­ten, ohne Pri­mat des sozia­len Milieus […].»2 Bes­ser kann auch die heu­ti­ge Aus­gangs­la­ge nicht auf den Punkt gebracht werden.

Bloch spricht damit die Kon­zen­tra­ti­on auf jenen »klei­nen Teil des Men­schen« an, den Plass­mann wohl in Bezug auf die Beschränkt­hei­ten der Dros­ten, Lau­ter­bachs und Brauns im Blick hat­te. Der Mensch in sei­ner sozi­al-öko­no­mi­schen bzw. gesell­schaft­li­chen Ganz­heit­lich­keit ist in gegen­wär­ti­ger Gesell­schaft jedoch aus Prin­zip wohl­weis­lich nicht Objekt-Sub­jekt kapi­ta­lis­ti­scher Gesund­heits­po­li­tik. Noch ein Dic­tum Blochs hat für die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se eini­ge Rele­vanz: »Und Gesund­heit wie­der­her­zu­stel­len, hei­ße in Wahr­heit: den Kran­ken zu jener Art von Gesund­heit zu brin­gen, die in der jewei­li­gen Gesell­schaft die aner­kann­te ist […].»3 Aner­kann­te Gesund­heit besteht gegen­wär­tig aller­dings nicht dar­in, frei von Sym­ptho­men und Ein­schrän­kun­gen zu sein, son­dern sich gänz­lich frei von Coro­na-Viren zu prä­sen­tie­ren. Und nur das. Ein Zustand, der unter gege­be­nen Zustän­den nur schwer­lich zu errei­chen ist und des­halb »ewi­ges Ziel« blei­ben muss.

Die ganz­heit­li­che Betrach­tung des Men­schen in der Wis­sen­schaft, in der Medi­zin eben­so wie in der Phi­lo­so­phie, lässt sich zurück­ver­fol­gen bis in die Anti­ke.4

Die Phi­lo­so­phie lehrt jetzt den Arzt die Kunst des metho­di­schen Schlie­ßens, wie man eine Wis­sen­schaft auf Erfah­rung logisch auf­baut, und sie gibt dem Objekt des ärzt­li­chen For­schens, dem Men­schen, als uni­ver­sa­lem Hin­ter­grund die Leh­re von der Gesamt­heit des orga­ni­schen Lebens, deren eigent­li­cher Schöp­fer Aris­to­te­les ist.5

Dem­entspre­chend wan­del­te sich das sub­stan­tia­lis­tisch auf­ge­fass­te Prin­zip des orga­ni­schen Gan­zen in eine »Leh­re von der See­le als einer den Kör­per von innen her­aus zusam­men­hal­ten­den Enti­tät«.6 Schon der jun­ge Marx reflek­tier­te in den Vor­ar­bei­ten zu sei­ner Dis­ser­ta­ti­on über die gestör­te Ein­heit die­ser ganz­heit­li­chen See­le, der Dis­kre­panz zwi­schen Kör­per und Geist. Er kam dar­in zum Schluss, dass Krank­heit eine Ent­frem­dung zwi­schen Kör­per und Geist dar­stel­le und mein­te nach sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit den Theo­rien von Epi­kur und Plut­arch: »Die Gesund­heit, als der iden­ti­sche Zustand, ver­gisst sich von selbst, da ist gar kei­ne Beschäf­ti­gung mit dem Kör­per; die­se Dif­fe­renz beginnt erst in der Krankheit.«

Die Krank­heit in den Mit­tel­punkt zu rücken schafft rund­um Übel. Das ist eine Sicht­wei­se, die der Her­kunft der euro­päi­schen Heil­kun­de aus der grie­chi­schen Stoa ent­spricht. »Die­se Schu­le ver­trau­te dem natür­li­chen Lauf der Din­ge, woll­te ihn nir­gend spren­gen, über­all ihm gemäß wer­den.»7 Krank­heit ist nach stoi­scher Auf­fas­sung eben nichts ande­res als Stö­rung des Gleich­ge­wichts, das auf den »gan­zen Men­schen« ziel­te. Erst wenn des­sen sozia­le und gesell­schaft­li­che Aus­ge­wo­gen­heit ge- oder gar zer­stört wird, kommt es zu einer umfas­sen­den kri­sen­haf­ten Zuspit­zung. Nichts Ande­res aber als die Destruk­ti­on unse­rer gewohn­ten Lebens­be­din­gun­gen geschieht heu­te durch die aktu­el­le Coro­na-Poli­tik. Due ver­nich­tet mehr als nur indi­vi­du­el­le Gesund­heit, sie zer­stört rund­um das gesell­schaft­li­che Wohl­sein: Die Krank­heit wird in den Mit­tel­punkt gerückt.

Es geht also nach solch einem Ansatz, wie dem aris­to­te­li­schen oder stoi­schen, eben nicht um den »klei­nen Teil des Men­schen«, den die Viro­lo­gie oder Bak­te­rio­lo­gie allei­ne abdeckt, son­dern, wie eben seit alters her bekannt, um eine Sicht­wei­se, die weit dar­über hin­aus­geht. Die Gesamt­heit sei­nes orga­ni­schen Lebens ist – auf den Men­schen bezo­gen – eben abhän­gig von der Gesamt­heit sei­ner Lebens­um­stän­de. Dar­aus ergibt sich aus medi­zi­ni­scher Sicht eine medi­zi­ni­sche Tota­li­tät in der Betrach­tung des Pati­en­ten, wie sie Plass­mann ein­for­dert, und aus mensch­li­cher Sicht eine über­ge­ord­ne­te mensch­li­che Tota­li­tät. Robert Koch ver­trat im Gegen­satz zu dem nach ihm benann­ten Insti­tut noch eine Ansicht, die den Men­schen als sol­chen auf das Podest hob: »Das Bak­te­ri­um ist nichts, der Wirt alles!« Heu­te sei es umge­kehrt, meint Micha­el Ewert: »Ein Virus hat das gan­ze Den­ken ver­seucht. Was der Stär­kung des Immun­sys­tems die­nen könn­te, ist Miss­ach­tung, Gering­schät­zung oder sogar der Zer­stö­rung preis­ge­ge­ben.»8

Die­ser Text ist ein Aus­zug aus Micha­el Wen­grafs Essay Coro­na, erschie­nen im Herbst 2020 im Man­gro­ven Ver­lag: Micha­el Wen­graf, Coro­na. Ein Essay, Man­gro­ven Ver­lag, Kas­sel, 2020, 15,00 . Dort lie­gen vom sel­ben Autor noch Mono­gra­phien über die Rech­te Revo­lu­ti­on, die Gene­se der euro­päi­schen Uni­ver­si­tät und über die Frank­fur­ter Schu­le vor.

Verweise

1 Ernst Bloch, Das Prin­zip Hoff­nung, Frank­furt am Main 1985, 544.

2 Ebenda.

3 Ernst Bloch, Das Prin­zip Hoff­nung, Frank­furt am Main 1985, 539.

4 Hans Heinz Holz weist auf die­se Tat­sa­che in sei­ner »Dia­lek­tik. Pro­blem­ge­schich­te von der Anti­ke bis zur Gegen­wart« (Darm­stadt 2011) ein­drück­lich hin. Hier Bd. 1 Anti­ke, 433.

5 Wer­ner Jäger, Diok­le von Kary­stos, Ber­lin 1963, 222.

6 Hans Heinz Holz, Dia­lek­tik. Pro­blem­ge­schich­te von der Anti­ke bis zur Gegen­wart, Darm­stadt 2011, Bd. 1 Anti­ke, 433.

7 Ernst Bloch, Das Prin­zip Hoff­nung, Frank­furt am Main 1985, 537.

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