»Es wird Nacht über Deutschland, aber ich will mich dieser Dunkelheit nicht beugen« – ein Abschied

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Alles, was ich künf­tig schrei­be, wird nicht mehr auf deut­schem Boden geschrie­ben. Um mit Wor­ten für ein Deutsch­land ein­zu­ste­hen, das den Völ­kern wie sich selbst ein Segen, kein Fluch ist, scheint es aber­mals gebo­ten, zu gehen.

Und an den Ufern sah ich die Städ­te blühn,
Die Edlen, wo der Fleiß in der Werk­statt schweigt,
Die Wis­sen­schaft, wo dei­ne Sonne
Mil­de dem Künst­ler zum Erns­te leuchtet.

Die Melo­die die­ses Lie­des geht mir seit Tagen im Kopf her­um. Hanns Eis­ler hat die­se Ver­se Fried­rich Höl­der­lins im Exil ver­tont, 1942, als die Nie­der­la­ge des Hit­ler­fa­schis­mus erst zu erah­nen und zu erhof­fen war, und die weni­gen Minu­ten die­ses Stücks sind die dich­tes­te Zusam­men­fas­sung von Exil, die ich ken­ne. Der Kom­mu­nist Eis­ler blickt aus der Fer­ne auf eine Hei­mat, die durch die brau­nen Hor­den ver­wüs­tet wird, und schafft einen Gesang, der mit der Zei­le beginnt: »Oh hei­lig Herz der Völ­ker, oh Vaterland.«

Vor über 30 Jah­ren habe ich Deutsch­land schon ein­mal ver­las­sen; damals soll­te es ein Auf­bruch in eine leben­di­ge­re Welt sein; ich folg­te einem Bild, das ich aus den Roma­nen von Jor­ge Ama­do hat­te, und ging nach Bra­si­li­en. Ein Jahr war ich dort, wur­de schwan­ger, mei­ne Toch­ter wur­de gebo­ren, dann war ich, dem Wunsch ihres Vaters fol­gend, wie­der zurück in Deutsch­land. Und wäh­rend ich dort, in Sal­va­dor da Bahia, ver­blüfft fest­stell­te, wel­che Din­ge mir plötz­lich fehl­ten (Käse­ku­chen und Sauer­teig­brot, das baye­ri­sche, fest, fein­po­rig und mit vie­len Gewür­zen), kehr­te ich doch unwil­lig zurück und ver­such­te, so lan­ge wie mög­lich am ande­ren Land fest­zu­hal­ten. Es lebt sich nicht ein­fach mit die­sem Deutschsein.

Wenn ich jetzt gehe, ist es eine ande­re Art von Auf­bruch. Jene, bei der man sich zuvor fragt: Ist es eine Kapi­tu­la­ti­on? Bei der man sich vor­ab schon Sor­gen macht um die, die zurück­blei­ben. Ein Auf­bruch, der von dem Wunsch geprägt ist, nütz­lich blei­ben zu können.

Das mit dem Nütz­lich­sein stammt von Ber­tolt Brecht, ein mora­li­scher Grund­satz, unter dem Höl­der­lins schwei­gen­der Fleiß mit­schwingt, sehr deutsch. Den gan­zen Brecht gibt es nicht digi­tal, er kann nicht mit­flie­gen, das wird mir feh­len. Gera­de weil er so für die­ses ver­lo­re­ne Deutsch­land steht.

Wenn ich die blau-gel­ben Fah­nen sehe, vor deren Anblick mir graut, und die hys­te­ri­schen Gefüh­le wahr­neh­me, mit denen die­ses Land gera­de auf Krieg getrimmt wird, wenn die­ses Per­so­nal vor mei­nem inne­ren Auge vor­bei­spa­ziert, das die Ber­li­ner Büh­ne bevöl­kert, den­ke ich, ihnen ist das fremd, das Nütz­lich­sein. Sie zögern nicht, um dar­über nach­zu­den­ken, geschwei­ge denn, dass es ihnen eine Maxi­me wäre. Sie scha­den, statt zu nüt­zen. Das Nütz­li­che ist ihnen zu ein­fach, zu nüch­tern, und, schlim­mer noch, das Nütz­li­che kann man abzäh­len und nach­rech­nen, gebau­te Woh­nun­gen zum Bei­spiel. Oder, wie Brecht es gesagt hät­te, die Sup­pe im Topf.

Es ist nicht so, dass man für das sorgt, was man liebt. Man liebt das, wofür man sorgt. Vater­lands­lie­be kann nur poli­tisch sein; aber die deut­sche Poli­tik ist nicht mehr poli­tisch. Zwi­schen ober­fläch­li­cher Emo­ti­on und Leer­flos­keln ver­schwin­det das Fak­ti­sche; das, was wahr ist, bleibt unausgesprochen.

Als die­se Bun­des­re­gie­rung den Sank­tio­nen zustimm­te, bei denen nur der Dümms­te nicht begrei­fen konn­te, dass sie die­ses, unser Land im güns­tigs­ten Fall schwer schä­di­gen, im schlimms­ten zugrun­de rich­ten, gab es kei­nen Sturm der Ent­rüs­tung. Der Ver­rat wur­de nicht Ver­rat genannt. Das Land, das ein­mal für sei­ne genaue Spra­che, für sei­ne schar­fen Defi­ni­tio­nen bekannt war, hat nicht ein­mal mehr Wor­te, um das rich­tig zu benen­nen, was geschieht.

Wenn ich zusam­men­fas­sen müss­te, was an die­sem Deutsch­land schät­zens­wert ist, dann ist das eine Ges­te. Ein Tisch­ler, der ein letz­tes Mal mit der Hand über die blan­ke, glat­te Flä­che eines neu­en Tisches streicht. Ein Mau­rer, der mit einem kur­zen Zögern den letz­ten Stein setzt. Eine Schnei­de­rin, die den letz­ten Faden eines Klei­dungs­stücks durch­trennt und es vor sich hält, um die fer­ti­ge Arbeit zu betrach­ten. Stolz auf das, was man tut, und Stolz dar­auf, es gut getan zu haben, aber ein nüch­ter­ner, fast scham­haf­ter Stolz.

Wenn man die Stadt Ber­lin betrach­tet, kann man das nicht fin­den. Der Zustand der Stra­ßen ist so beschä­mend wie die Schlaf­plät­ze der Obdach­lo­sen oder die Bahn­hö­fe der U‑Bahn, und es gibt hek­ti­sche Akti­vi­tät, die laut­stark ver­kün­det wird, der aber jeder Anspruch, etwas gut getan haben zu wol­len, abgeht. Aber Ber­lin ist nur die Essenz eines ver­nach­läs­sig­ten Lan­des. So wie das Ahr­tal, Sym­ptom und Pro­gno­se in einem.

In den Acht­zi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts gab es eine gro­ße Debat­te um die »Sekun­där­tu­gen­den« – Pünkt­lich­keit, Genau­ig­keit, Loya­li­tät. Sie wur­den ver­wor­fen, weil sie für die gro­ßen Mensch­heits­ver­bre­chen der Nazis nütz­lich waren. Dabei war es nicht ein Zuviel an Sekun­där­tu­gen­den, son­dern ein Zuwe­nig an Bil­dung und Ver­stand, was ver­werf­lich war. Ein Zuwe­nig an per­sön­li­cher Ver­ant­wor­tung. Ja, Letz­te­res allem ande­ren vor­aus, denn es ist die Preis­ga­be die­ser per­sön­li­chen Ver­ant­wor­tung, die Men­schen zu wil­li­gen Werk­zeu­gen des Ver­bre­chens macht.

Man kann das sehen, wenn man sich die Fackel­mär­sche für Ste­pan Ban­de­ra in der Ukrai­ne ansieht. Das dau­ert nur 30 Sekun­den. Man muss nur hören, wie die Men­ge die Paro­len ruft. Es gibt immer einen Vor­brül­ler, und alle brül­len nach, und die Art, wie sie brül­len, zeigt, dass sie ihr eige­nes Den­ken, Füh­len, Sein abge­schal­tet und unter­ge­ord­net haben, die­se Abschal­tung gera­de­zu zelebrieren.

Etwas ähn­li­ches pas­siert gera­de in Deutsch­land. Es hat sich vor­be­rei­tet seit 2014, als die zag­haf­te Frie­dens­be­we­gung, die sich zum Don­bass­krieg gebil­det hat­te, mit dem Quer­front-Vor­wurf unter Feu­er genom­men wur­de. Die gan­ze Coro­na-Poli­tik lässt sich jetzt tat­säch­lich als Bestand­teil die­ser Ent­wick­lung erken­nen. Glau­be, was dir gesagt wird, dann bist du ein guter Mensch. Glaubst du nicht, erfin­den wir hun­dert klei­ne Schrit­te, dir das Leben unend­lich zu erschweren.

Auch die Beloh­nung für die­se Preis­ga­be der Ver­ant­wor­tung ist jene, die den Ukro­na­zis gereicht wird. Wer sich das Eti­kett des Guten ver­dient hat, darf mit Hass und Ver­ach­tung auf all jene bli­cken, die nicht gut sind, und bekommt noch bestä­tigt, dass sein Hass kei­ner ist, son­dern Teil des Guten. Denn es wird immer wie­der for­mu­liert: Hass und Het­ze, das sind die ande­ren. Die Unge­impf­ten, die Put­in­ver­ste­her, die Querdenker.

Wäre das alles, es wäre noch kein Grund zu gehen. Ich bin in Bay­ern auf­ge­wach­sen, in Mün­chen, und habe schon mit zwölf kom­mu­nis­ti­sche Flug­blät­ter ver­teilt; das ver­schafft ein ziem­lich dickes Fell.

Dass mich gera­de die­ses dicke Fell über eini­ge Tat­sa­chen hin­weg­ge­täuscht hat, erkann­te ich erst im Zusam­men­hang mit dem Putsch in der Ukrai­ne. Eini­ge Wochen vor Odes­sa gab es eine Anti-Mai­dan-Demons­tra­ti­on in Sapo­rosch­je, die von Mai­dan-Anhän­gern ein­ge­kes­selt und über Stun­den hin­weg mit allen mög­li­chen Din­gen bewor­fen wur­de. Ich sah auch die­sen Tag im Stream. Es war eine Stim­mung, die schon Gewalt mit ein­schloss, aber gera­de noch vor Mord zurück­schreck­te. Beson­ders auf­ge­fal­len ist mir eine Frau mitt­le­ren Alters, gut bür­ger­lich zurecht­ge­macht, die in die­sem äuße­ren Ring stand und ihre Paro­len rief, und ihr war dabei deut­lich anzu­se­hen, wie sie die­sen Moment der Über­le­gen­heit genoss. Der Kom­men­tar, der neben­her im Stream lief und den ich Abschnitt für Abschnitt durch den Über­set­zer schau­fel­te, um über­haupt ver­ste­hen zu kön­nen, was da geschah, war vol­ler Empö­rung. »Das ist Faschismus.«

Ich stutz­te. Denn die­se Frau in ihrer bös­ar­ti­gen Arro­ganz ent­sprach genau dem, was ich von denen kann­te, die mir damals beim Flug­blatt­ver­tei­len an den Kopf gewor­fen hat­ten, ich gehör­te in ein Lager oder an die Wand gestellt und Ähn­li­ches mehr. Die­je­ni­gen, die so reagiert hat­ten, waren in der Regel zwi­schen 60 und 70. Aber erst, als ich die­se Reak­tio­nen auf die­sen Moment in Sapo­rosch­je gele­sen und dar­über nach­ge­dacht hat­te, wur­de mir klar, dass jene Bös­ar­ti­gen Jahr­zehn­te davor in Mün­chen nicht ein­fach nur fana­ti­sche Anti­kom­mu­nis­ten waren, son­dern mit hoher Wahr­schein­lich­keit tat­säch­lich Nazis. Täter, deren Mord­wün­sche der Schat­ten ver­gan­ge­ner Mor­de waren, so wie die­se Reak­tio­nen in Sapo­rosch­je die Ankün­di­gung kommender.

Ich habe schon genug dar­über geschrie­ben, wie das Mas­sa­ker von Odes­sa der Moment wur­de, an dem sich die Wel­ten trenn­ten. Was damit und danach pas­sier­te, das Aus­maß der blan­ken Lüge in Medi­en und Poli­tik, über­rasch­te mich den­noch. So wie der fes­te Wil­le, den Faschis­mus in der Ukrai­ne zu über­se­hen, der bis tief in die Rei­hen jener reich­te, die sich als links defi­nie­ren, und inzwi­schen noch tie­fer reicht. Ich trieb mich auf rus­si­schen Blogs her­um und ver­such­te, mich mit auto­ma­ti­schen Über­set­zun­gen in die­ser frem­den Welt zurecht­zu­fin­den und zu über­prü­fen, ob mei­ne Wahr­neh­mung des ukrai­ni­schen Gesche­hens stimm­te. Was ich las, erin­ner­te sehr an deut­sche Berich­te aus den Jah­ren 1933 und 1934. Selbst die Vide­os, wie Anhän­ger des Rech­ten Sek­tors die Sit­zun­gen von Kom­mu­nal­par­la­men­ten stürm­ten, wirk­ten wie Auf­nah­men der SA.

Wenn es etwas gibt, wozu die deut­sche Geschich­te ver­pflich­tet, dann ist es, dem Nazis­mus ent­ge­gen­zu­tre­ten. Das war schon vor acht Jah­ren nicht sim­pel, denn die For­mu­lie­rung »gegen rechts« hat­te bereits jede wirk­li­che Ana­ly­se des Faschis­mus ersetzt und mach­te völ­lig blind dafür, dass der Unter­schied zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Faschis­ten im Kampf gegen den Faschis­mus der zwi­schen mög­li­chen Bünd­nis­part­nern und Fein­den ist. Das zeigt die Geschich­te des deut­schen Wider­stands und auch die Geschich­te des Natio­nal­ko­mi­tees Frei­es Deutsch­land, das noch wäh­rend des Krie­ges die Vor­ar­bei­ten für eine vom Nazis­mus befrei­te Gesell­schaft begann.

Ein Grund, war­um die deut­sche Lin­ke so blind für den wirk­li­chen Ver­lauf der ukrai­ni­schen Front­li­nie und so bereit ist, sich vor den gänz­lich fal­schen Kar­ren span­nen zu las­sen, ist die völ­li­ge Unkennt­nis die­ser Geschich­te. Es lebt sich beque­mer damit, die Exis­tenz der Nati­on zu ver­leug­nen, als sich auf das bestän­di­ge Rin­gen dar­um ein­zu­las­sen. Denn das erfor­dert einen poli­ti­schen Ein­satz, der nicht flüch­tig von Empö­rung und Moden bestimmt wird, son­dern Zähig­keit, Lern­wil­len und Opfer­be­reit­schaft voraussetzt.

Das »Rechts«, gegen das man sein will, wird sehr ober­fläch­lich defi­niert, ohne Betrach­tung rea­ler Inter­es­sen, und es wird nicht ein­mal tat­säch­lich dage­gen gekämpft, was den Wil­len, zu über­zeu­gen, mit ein­schlös­se, son­dern nur aus­ge­grenzt. Dabei ist es immer die aktu­el­le poli­ti­sche Mode, die die Linie vor­gibt; sei es Kli­ma, sei es Migra­ti­on, sei es die Fra­ge von Krieg und Frie­den. So bil­lig ist wirk­li­cher Anti­fa­schis­mus nicht zu haben. Da geht es tat­säch­lich gegen die Nega­ti­on des Mensch­li­chen, und um dage­gen zu bestehen, muss man sich der eige­nen Mensch­lich­keit gewiss sein.

Die­se Maß­stä­be des Mensch­li­chen sind ver­lo­ren gegan­gen in Deutsch­land. Das, was augen­blick­lich gegen Russ­land vor­ge­tra­gen wird, wäre nicht mög­lich, wenn man sich der Tat­sa­che bewusst wäre, dass der größ­te Sieg der Roten Armee dar­in bestand, kei­ne Rache geübt zu haben. Für über tau­send zer­stör­te Städ­te. Für vier Jah­re erbit­ter­ten Kamp­fes. Für die Aber­mil­lio­nen Opfer der deut­schen Besat­zung. Es ist die­ser Sieg, die­se ver­schwie­ge­ne Tat­sa­che, die den Tri­umph der Roten Armee im wahrs­ten Sin­ne zu einem Sieg der Mensch­heit gemacht hat­te und die gleich­zei­tig dazu führt, dass jede Schmä­le­rung die­ser Leis­tung zugleich eine Abkehr von der Mensch­lich­keit selbst ist.

Aber zurück in die hie­si­ge Gegen­wart. Selbst der Wahn und die Kriegs­trei­be­rei in den Medi­en die­ses Lan­des und die­se vie­len hys­te­risch Ein­gen­or­de­ten wären eher eine Fra­ge des Ertra­gen­kön­nens. Die Ero­si­on des Rechts ist es, die letzt­lich ent­schei­det, an wel­chem Punkt sich das Land befindet.

Der demo­kra­ti­sche Zustand eines bür­ger­li­chen Staa­tes ver­schwin­det nicht in einem Schritt. Er brö­ckelt. Die tra­gen­den Mau­ern wer­den Stück für Stück schwä­cher, bis der Rest des Gebäu­des auf einen Schlag zusam­men­bricht. Der Weg zu Adolf Hit­ler hat­te über Hein­rich Brü­ning und Karl Zör­gie­bel geführt.

Als im letz­ten Jahr das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Coro­na-Maß­nah­men für rech­tens erklär­te, war das einer der grö­ße­ren Bro­cken. Der Raum für abwei­chen­de Mei­nun­gen wird ste­tig klei­ner. Er war in der Bun­des­re­pu­blik nie beson­ders groß, aber wenn man betrach­tet, was alles zu sagen inzwi­schen ver­bo­ten ist, was alles nicht mehr gezeigt wer­den darf, wel­che schlich­ten Mei­nun­gen Arbeit und Kar­rie­re kos­ten kön­nen, ist fast nichts mehr davon übrig.

Das Tem­po erhöht sich immer wei­ter. Wenn die taz, die ein­mal als Gegen­pro­jekt zur Kon­zern­pres­se gegrün­det wor­den war, einen faschis­ti­schen Text druckt, weil die Autorin gegen Putin ist, zeigt das, wie tief der Ver­fall vor­ge­drun­gen ist. Am 9. Mai am sowje­ti­schen Ehren­mal die sowje­ti­sche Fah­ne zu ver­bie­ten, das ist nicht ein­fach nur eine Ver­zer­rung der Geschich­te. Es ist eine Ent­schei­dung in der Gegen­wart, die anhand eines his­to­ri­schen Mus­ters getrof­fen wird. So war es 2014 in der Ukrai­ne. Die Geschich­te kann Vor­bil­der lie­fern, aber die Ent­schei­dung bezieht sich immer auf das Heu­te und trägt in ihm ihre Früchte.

Sich an die Sei­te von Asow-Kämp­fern zu stel­len ist nichts ande­res, als Fran­co zu unter­stüt­zen oder kolum­bia­ni­sche Todes­schwa­dro­nen. Sol­che Din­ge hat der Wes­ten all die Jahr­zehn­te über getan. Er tat es meist im Ver­bor­ge­nen, gegen die offi­zi­el­le Erzäh­lung von Demo­kra­tie und Rechts­staat. Jetzt aber wird eine akti­ve Zustim­mung gefor­dert; die NATO mit­samt ihren brau­nen Hand­lan­gern ist Staats­dok­trin, auf die ein Schwur ver­langt wird, und es wer­den die pas­sen­den Geset­ze geschnei­dert, um jeden Wider­stand zu unter­bin­den. Unter der Über­schrift Coro­na konn­ten wir bereits ver­fol­gen, wie das funk­tio­niert; nie gab es so vie­le Demonstrationsverbote.

Es sind die Maß­nah­men des staat­li­chen Appa­rats, die den Unter­schied machen zwi­schen Sym­pa­thie für faschis­ti­sche Posi­tio­nen und einer faschis­ti­schen Herr­schaft. Auf der Ebe­ne der EU wie auf der deut­schen wer­den abwei­chen­de, vor allem gegen die NATO gerich­te­te Posi­tio­nen nicht nur mit viel­fa­chen Metho­den an Ver­öf­fent­li­chung und Ver­brei­tung gehin­dert, es zeich­net sich ab, dass sie unter Stra­fe gestellt wer­den sol­len. In Öster­reich exis­tiert bereits ein Gesetz, das das Tei­len der Inhal­te von RT mit Straf­gel­dern belegt. Das Ver­bot des Buch­sta­ben Z in Deutsch­land geht in eine ähn­li­che Rich­tung. Wenn schon sol­che Klei­nig­kei­ten zu Straf­ver­fah­ren füh­ren, was bedeu­tet das dann für die Ver­fas­ser von Tex­ten wie dem meinen?

Die Ver­wen­dung des Buch­sta­bens Z wird »Befür­wor­tung eines Angriffs­kriegs« genannt. Die­se Nut­zung die­ses Para­gra­fen ist der End­punkt einer kom­plet­ten Ver­leug­nung sei­nes eigent­li­chen Ursprungs. Denn es war der Nürn­ber­ger Gerichts­hof gewe­sen, der den Angriffs­krieg zum ulti­ma­ti­ven völ­ker­recht­li­chen Ver­bre­chen erklärt hat­te. Den Angriffs­krieg Hit­ler­deutsch­lands, unter ande­rem gegen die Sowjet­uni­on. Die­se Para­gra­fen ziel­ten nicht auf Mei­nun­gen, son­dern auf Hand­lun­gen und ins­be­son­de­re auf jene Men­schen, die sol­che Hand­lun­gen tat­säch­lich vor­neh­men können.

Als die Bun­des­re­pu­blik Bel­grad bom­bar­dier­te, war das ein Angriffs­krieg. Einer der straf­recht­lich rele­van­ten Befür­wor­ter hieß Josch­ka Fischer und war deut­scher Außen­mi­nis­ter. Schon damals war aber das deut­sche Rechts­sys­tem so weit auf den Hund gekom­men und die Frie­dens­be­we­gung so schwach, dass die Kla­ge wegen Vor­be­rei­tung eines Angriffs­kriegs gegen die dama­li­ge Bun­des­re­gie­rung schei­ter­te. Die Begrün­dung des Ver­fas­sungs­ge­richts lau­te­te, nur die Vor­be­rei­tung, nicht die Füh­rung eines Angriffs­kriegs sei strafbar …

Jetzt wird ein Para­graf, der sich auf Regie­rungs­han­deln bezieht, auf Mei­nungs­äu­ße­run­gen ange­wandt. Die Ver­wi­schung der Gren­ze zwi­schen Mei­nung und Hand­lung ist aller­dings ein Merk­mal, das die Nazi­jus­tiz aus­ge­zeich­net hat­te. Roland Freis­lers Volks­ge­richts­hof hat­te für Mei­nun­gen Todes­ur­tei­le ver­hängt. Dass nun eine Rechts­fol­ge der Nürn­ber­ger Pro­zes­se genutzt wird, um sich den Prak­ti­ken der dort eben­falls ver­ur­teil­ten faschis­ti­schen Jus­tiz anzu­nä­hern, zeigt, wo eine Ver­dre­hung der Geschich­te endet.

Es wird Nacht über Deutsch­land, aber ich will und wer­de mich die­ser Dun­kel­heit nicht beu­gen. Doch mei­ne Waf­fe ist das Wort; und hier wird ver­sucht wer­den, sie mir und mei­nes­glei­chen aus der Hand zu neh­men. Ande­re wider­ste­hen mit ande­ren Mit­teln und tref­fen ande­re Ent­schei­dun­gen, und ihre Auf­ga­be ist gewiss nicht leich­ter. Ich wer­de das Land verlassen.

Wenn ich dar­über nach­den­ke, wie sich all jene gefühlt hat­ten, die damals gegan­gen waren, Brecht, Eis­ler, The­re­se Gieh­se, Tho­mas Mann, Oskar Maria Graf, Anna Seg­hers, Kurt Tuchol­sky, was in ihnen vor­ge­gan­gen war ange­sichts eines Lan­des, das plötz­lich mit Haken­kreuz­fah­nen gespickt gewe­sen war, fra­ge ich mich, ob es die­sel­be Mischung aus Unwirk­lich­keit und Ekel war, mit der ich heu­te die­ses Blau-Gelb sehe. Mit der ich die­se kriegs­lüs­ter­nen Zei­len der Tages­pres­se lese. Ob sie auch die­se zwei Stim­men hör­ten, die eine, die sagt: »Es ist noch nicht so schlimm«, und die ande­re, die zum Auf­bruch drängt. Wie schwer es auf den Schul­tern lag, neben der eige­nen Haut die Ehre des Lan­des zu bewahren.

Ich hof­fe, dass ich ein Stück des ande­ren Deutsch­land ret­ten kann, so wie sie es ret­ten konn­ten. Den Käse­ku­chen und das Brot kann ich mir inzwi­schen sel­ber backen. Wenn ich durch Mos­kau­er Stra­ßen gehe statt durch Münch­ner oder Ber­li­ner, liegt mein Weg wie­der über jenen der Ver­gan­gen­heit, anders und doch gleich. Viel­leicht gibt es auch den drit­ten Berüh­rungs­punkt einer Rück­kehr und eines Neuanfangs.

O hei­lig Herz der Völ­ker, o Vaterland!
All­d­ul­dend, gleich der schwei­gen­den Mut­ter Erd,
Und all­ver­kannt, wenn schon aus deiner
Tie­fe die Frem­den ihr Bes­tes haben!

Dag­mar Henn ist Mit­glied des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org die­ser Arti­kel, erst­ver­öf­fent­licht bei RT am 20.05.2022, über­nom­men wurde.

One thought on “»Es wird Nacht über Deutschland, aber ich will mich dieser Dunkelheit nicht beugen« – ein Abschied

  1. Dan­ke, lie­be Dag­mar Henn. Dan­ke für Ihre Auf­rich­tig­keit, für Ihre Unbe­stech­lich­keit, für Ihr Mensch-Sein. Ein Text, der mir aus dem Her­zen spricht. Alles Gute für die kom­men­de Zeit.

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