Kleiner Wohlstand und neue Seidenstraße (ab 2008) – Artikelserie zu China Teil XII

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Dies ist der zwölf­te Teil einer umfas­sen­den auf meh­re­re Tei­le ange­leg­ten Arti­kel­se­rie von Jan Mül­ler über Chi­na. Beinhal­ten wird die Serie fol­gen­de Teile:

  1. Das alte Chi­na (plus Einleitung)
  2. Die Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus in Chi­na und die Ers­te Chi­ne­si­sche Revolution
  3. Die Zwei­te Chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on (1925 – 27)
  4. Die KPCh wird Gue­ril­la­be­we­gung (1928 – 1945)
  5. Der Chi­ne­si­sche Bür­ger­krieg und die Drit­te Chi­ne­si­sche Revo­lu­ti­on (1945 – 49)
  6. Von der »neu­de­mo­kra­ti­schen« zur sozia­lis­ti­schen Revolution
  7. Im Bünd­nis mit der Sowjet­uni­on (1949 – 60)
  8. Gro­ßer Sprung nach vor­ne, Bruch mit der Sowjet­uni­on und Kul­tur­re­vo­lu­ti­on: Der Hoch­mao­is­mus (1958 – 69)
  9. Umkehr der Alli­an­zen und Drei-Wel­ten-Theo­rie: Der Spät­mao­is­mus (1969 – 78)
  10. Ers­te Etap­pe der Wirt­schafts­re­for­men und Putsch­ver­such (1978 – 89)
  11. Chi­na im Zeit­al­ter des Neo­li­be­ra­lis­mus (1989 – 2008)
  12. Klei­ner Wohl­stand und neue Sei­den­stra­ße (ab 2008)
  13. Chi­na und Corona
  14. Chi­na und der Ukrainekrieg
  15. Schluss­fol­ge­run­gen über den Cha­rak­ter Chinas

Die Arti­kel­se­rie als Bro­schü­re mit wei­te­ren Anhän­gen, Lite­ra­tur­ver­zeich­nis und wei­ter­füh­ren­der Lite­ra­tur kann man unter fol­gen­dem Link her­un­ter­la­den: Chi­na: Ein lan­ger Weg – wohin?

Kleiner Wohlstand und neue Seidenstraße (ab 2008)

Mit der Wahl von Hu Jin­tao und Wen Jia­bao 2002 setz­te sich die Strö­mung der Neu­en Lin­ken (»Gel­ber-Fluss-Kapi­ta­lis­mus«) in der Par­tei gegen die neo­li­be­ral ori­en­tier­te Strö­mung der Neu­en Rech­ten (»Perl-Fluss-Kapi­ta­lis­mus«) durch. Sie leh­nen eine tota­le Pri­va­ti­sie­rung und Durch­ka­pi­ta­li­sie­rung der chi­ne­si­schen Wirt­schaft und Gesell­schaft ab und ori­en­tie­ren sich eher am Modell des frü­he­ren skan­di­na­vi­schen Wohl­fahrts­staa­tes.1 Die Poli­tik des sozia­len Aus­gleichs wur­de nach der Wahl von Xi Jin­peng zum Staats­prä­si­den­ten der VR Chi­na und Gene­ral­se­kre­tär der KPCh im Jahr 2012 wei­ter­ge­führt und beschleunigt.

Am Ende des Jah­res 2009 droh­te Chi­na in den Stru­del der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se zu gera­ten. Das Wachs­tum ver­lang­sam­te sich dra­ma­tisch, die Expor­te bra­chen weg.

Als Reak­ti­on ver­ab­schie­de­te Chi­na ein gigan­ti­sches Kon­junk­tur­pa­ket, das als ers­ter Schritt der Abkehr von einer neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­po­li­tik gewer­tet wer­den kann.

Die­ses Paket ent­hielt fol­gen­de Maßnahmen:

  • Zins­sen­kung um 2,16% auf 5,31%.
  • Sen­kung der Mehr­wert­steu­er beim Auto­kauf von 10 auf 5%. Auch die Steu­ern auf zahl­rei­che wei­te­re lang­le­bi­ge Kon­sum­gü­ter wur­den gesenkt. Als Fol­ge stie­gen die Ein­zel­han­dels­um­sät­ze um 15,5% und die Auto­käu­fe um 46%.
  • Aus­ga­ben­pro­gramm in Höhe von 550 Mil­li­ar­den Dol­lar oder 4.000 Mil­li­ar­den Yuan. Das waren 14% des chi­ne­si­schen BIPs. Ähn­li­che Pro­gram­me in den USA umfass­ten nur 5% und in der BRD nur 2% des jewei­li­gen BIPs. Neben eini­gen direk­ten Zuschüs­sen an Arme und Arbeits­lo­se wur­den die Mil­li­ar­den­gel­der vor­ran­gig in Infra­struk­tur-Inves­ti­tio­nen und Regio­nal­ent­wick­lung sowie dem ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Umbau der Wirt­schaft gelenkt. Dar­un­ter fal­len der Aus­bau von Eisen­bahn­stre­cken und Auto­bah­nen, der Aus­bau der Netz­in­fra­struk­tur (Strom­netz, Inter­net), der Was­ser­bau sowie Aus­bau der Gesund­heits- und Sozi­al­ver­sor­gung.2

Mit­ten in der Welt­wirt­schafts­kri­se war Chi­na damit eine glo­ba­le Kon­junk­tur­lo­ko­mo­ti­ve gewor­den.3 Denn wäh­rend die Indus­trie­län­der in der Kri­se ver­san­ken, began­nen die Schwel­len­län­der ab 2009 ihren rasan­ten Auf­stieg. Das führ­te unter ande­rem dazu, dass 2016 die BRICS-Grup­pe der größ­ten Schwel­len­län­der (Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, Chi­na, Süd­afri­ka) im Bezug auf das BIP nach Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten4 mit den füh­ren­den kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie­län­dern (USA, Japan, Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Ita­li­en, Kana­da) gleich­zog. Im Jahr 2000 mach­te ihre öko­no­mi­sche Stär­ke erst ein Drit­tel der Wirt­schafts­kraft der G7 aus.

Antei­le von G7 und BRICS am Welt-BIP in Pro­zent nach nomi­na­lem BIP und Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten 2000 und 2016.5

Im Jahr 2007 wur­de Chi­na die dritt­größ­te Öko­no­mie, aber wegen der nied­ri­gen Kon­sum­quo­te von 36% erst der fünft­größ­te Kon­su­men­ten­markt nach den USA, Japan, Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en.6

2010 rück­te Chi­na zur zweit­größ­ten Wirt­schafts­macht der Erde auf und ver­wies Japan auf Platz drei. Der Abstand zu den USA war aller­dings noch groß: USA 2009 14.000 Mrd. Dol­lar BIP (24,6% des Welt-BIP); Chi­na 5.000 Mrd. Dol­lar (8,6%).7 Im Jahr 2020 betrug das BIP Chi­nas 14.866,74 Mil­li­ar­den Dol­lar, das der USA 20.893,75 Mil­li­ar­den.8

Die meis­ten Pro­gno­sen gehen davon aus, dass Chi­na im Jahr 2035 die USA ein­ge­holt haben wird. Ein Gleich­zie­hen mit dem BIP der USA wür­de aller­dings bedeu­ten, dass das chi­ne­si­sche BIP ver­mut­lich auf einer weit stär­ke­ren indus­tri­el­len Basis stün­de. In den USA voll­zog sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ein Pro­zess der Deindus­tria­li­sie­rung und der Aus­la­ge­rung von indus­tri­el­len Kapa­zi­tä­ten – zum gro­ßen Teil nach Chi­na. Chi­na hat dage­gen eine sehr breit­ge­fä­cher­te Indus­trie ent­wi­ckelt, was auch macht­po­li­tisch ins Gewicht fällt.9

Nach Kauf­kraft­pa­ri­tä­ten ist Chi­na bereits seit 2014 die größ­te Wirt­schafts­macht der Erde. Der so berech­ne­te Anteil Chi­nas am Welt-BIP betrug 2017 18,3%, der US-Anteil 15,3%.10

Eine wesent­li­che Ursa­che für die­se Ent­wick­lung ist das gigan­ti­sche chi­ne­si­sche Kon­junk­tur­pro­gramm. Durch sein rie­si­ges Infra­struk­tur­pro­gramm wur­de es zur Initi­al­zün­dung für einen Auf­schwung in Asi­en, aber auch in Latein­ame­ri­ka und Afri­ka. Auch die Indus­trie­län­der mit hohem Export­an­teil wie die BRD pro­fi­tier­ten von der hohen chi­ne­si­schen Nach­fra­ge nach Maschi­nen und ande­ren Inves­ti­ti­ons­gü­tern. Es war eine typisch keyne­sia­ni­sche Kon­junk­tur­sti­mu­lie­rung mit glo­ba­len Mul­ti­pli­ka­tor- und Akze­le­ra­tor­ef­fek­ten.11

In Chi­na erreich­ten die Wachs­tums­ra­ten erneut fast zwei­stel­li­ge Wer­te. Chi­na wur­de nun zum größ­ten Indus­trie­land der Welt. Ab 2009 wur­de Chi­na auch Export­welt­meis­ter und ver­dräng­te die BRD von die­ser Posi­ti­on.12

Aller­dings erfolg­te das Wachs­tum unge­plant und chao­tisch. Ab 2013 zeig­ten sich gro­ße Über­ka­pa­zi­tä­ten bei Stahl und Koh­le, aber auch bei Solar­zel­len und Wind­kraft­an­la­gen. Die chi­ne­si­sche Regie­rung muss­te ab 2016 schmerz­haf­te Schrit­te unter­neh­men, um die­se Über­ka­pa­zi­tä­ten still­zu­le­gen. Erneut wur­den wie nach 1998 Mil­lio­nen Arbei­ter ent­las­sen. Die Arbeits­lo­sig­keit schnell­te wie­der nach oben und erreich­te Wer­te von 4,5%.13 Das sind die typi­schen Gebre­chen des Kapi­ta­lis­mus mit sei­nem stän­di­gen Wech­sel von Über- und Unterproduktion.

Die stän­di­gen Vor­her­sa­gen west­li­cher Öko­no­men von Über­ka­pa­zi­tä­ten im Immo­bi­li­en­be­reich und einer Immo­bi­li­en­bla­se haben sich indes nicht erfüllt. Sie über­sa­hen und über­se­hen dabei, dass ein unge­bro­che­ner Zuzug in die Städ­te exis­tiert mit einem Bedarf von jähr­lich etwa 8 bis 10 Mil­lio­nen Woh­nun­gen. Die­se Woh­nun­gen dür­fen zudem nur sehr ein­ge­schränkt mit Kre­di­ten finan­ziert wer­den. Beim Kauf muss ein Vier­tel des Prei­ses bar auf den Tisch gelegt wer­den.14

Die­se Ent­wick­lung führ­te dazu, dass auch die chi­ne­si­sche Mit­tel­klas­se nach Mei­nungs­um­fra­gen der frü­hen 10er Jah­re von Zukunfts- und Abstiegs­ängs­ten geplagt wur­de. Sie sorg­te sich wegen einer unsi­che­ren Zukunft sowie um Infla­ti­on, Lebens­mit­tel­si­cher­heit und hohe Immobilienpreise.

In der chi­ne­si­schen Mit­tel­klas­se mach­te sich zudem eine Ent­so­li­da­ri­sie­rung breit und sie stand der Erhö­hung von Steu­ern und Abga­ben ableh­nend gegen­über, wor­auf die Regie­rung Rück­sicht neh­men muss­te. Hier­durch wur­den Sozi­al­pro­gram­me ver­hin­dert oder erschwert.15

Die Pha­se der Export­ori­en­tie­rung ging mit der Welt­wirt­schafts­kri­se zu Ende. Denn die hoch­ver­schul­de­ten und aus­ge­laug­ten US-Ver­brau­cher konn­ten nun nicht mehr als glo­ba­ler Kon­su­ment der letz­ten Instanz fun­gie­ren, der die chi­ne­si­schen Expor­te aufsaugt.

Des­halb muss­te nun die Bin­nen­nach­fra­ge, also pri­va­ter und Staats­kon­sum, zum Kon­junk­tur­trei­ber wer­den. Der wich­tigs­te Grund für die nied­ri­ge Kon­sum­quo­te und die kor­re­spon­die­ren­de hohe Spar­ra­te war das weit­ma­schi­ge sozia­le Netz in Chi­na. Das Ren­ten­sys­tem erfass­te in den 10er Jah­ren noch längst nicht alle Men­schen, Kran­ken­ver­si­che­run­gen gab es kaum. Für die Aus­bil­dung ihrer Kin­der muss­ten die Eltern Schul­geld in beträcht­li­cher Höhe bezahlen.

Zwar sind die Löh­ne in den 90er und 00er Jah­ren gestie­gen, aber selbst eine wohl­ha­ben­de Mit­tel­schicht­fa­mi­lie muss­te gro­ße Tei­le ihres Ein­kom­mens für die Vor­sor­ge für Alter und Not­fäl­le und für eine qua­li­fi­zier­te Aus­bil­dung des Kin­des zurück­le­gen. In den 90er Jah­ren hat­ten die Staats­be­trie­be mehr als 36 Mil­lio­nen Men­schen ent­las­sen. Die »Eiser­ne Reis­schüs­sel«, also die Ver­sor­gung durch den Betrieb bei Alter und Krank­heit wur­de gene­rell auf­ge­ge­ben. Das wirk­te sich natür­lich ver­hee­rend auf die sozia­le Sicher­heit der Betrof­fe­nen aus. Die Betrof­fe­nen muss­ten den Aus­fall durch höhe­res Spa­ren aus­glei­chen.16 Auch das Bil­dungs­sys­tem wur­de gro­ßen­teils pri­vat finanziert.

Wenn die Ver­brau­cher­nach­fra­ge gestei­gert wer­den soll, wie Staats­prä­si­dent Hu Jin­tao bereits 2007 for­der­te, muss­ten zual­ler­erst die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me auf­ge­baut werden.

Dies geschah dann auch weit­ge­hend bis 2020. Im Jahr 2008 hat­ten in Chi­na nur 219 Mil­lio­nen Men­schen eine Ren­ten­ver­si­che­rung und über 317 Mil­lio­nen eine medi­zi­ni­sche Grund­ver­si­che­rung. Wei­te­re 124 Mil­lio­nen hat­ten eine Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung und 138 Mil­lio­nen eine Arbeits­un­fall­ver­si­che­rung.17

Bereits im Jahr 2017 hat­te die Ren­ten­ver­si­che­rung 900 Mil­lio­nen Ver­si­cher­te und die Kran­ken­ver­si­che­rung 1,3 Mil­li­ar­den. Im Jahr 2020 gehör­ten 1,4 Mil­li­ar­den Men­schen der Kran­ken­ver­si­che­rung an und damit die gesam­te Bevöl­ke­rung.18

Es wird ange­strebt, dass die gesam­te erwach­se­ne Bevöl­ke­rung eben­falls Zugang zur Ren­ten- und Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung bekommt. Dies soll in weni­gen Jah­ren erreicht sein.

Die Ver­si­che­run­gen basie­ren aller­dings auf einer frag­wür­di­gen Kapitaldeckung.

Um die neu­en Ver­si­cher­ten auch tat­säch­lich medi­zi­nisch ver­sor­gen zu kön­nen, wur­den bis 2020 29.000 Kran­ken­häu­ser neu gebaut. Auch die Aus­ga­ben für das Bil­dungs­we­sen neh­men stark zu. Im Rah­men des Kon­junk­tur­pro­gramms wur­den auch der Neu­bau und die Aus­stat­tung von Schu­len auf den Dör­fern geför­dert. Außer­dem dür­fen für die ers­ten acht Schul­jah­re kei­ne Schul­ge­büh­ren mehr erho­ben wer­den.19

In dem Maße, wie die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me aus­ge­baut wur­den, kam es zu einer nach­hal­ti­gen finan­zi­el­len Ent­las­tung der Privathaushalte.

Der zwölf­te (2011 – 2015) und der drei­zehn­te Fünf­jahr­plan (2016 – 2020) sahen zudem jähr­li­che Real­lohn­er­hö­hun­gen im Bereich zwi­schen 6 und 10% vor.

Die Real­löh­ne in Chi­na ent­wi­ckel­ten sich wie folgt:20

Das sind Wer­te, von denen die west­li­chen Arbei­ter nur träu­men kön­nen. Die Real­löh­ne stie­gen in der Zeit zwi­schen 2011 und 2015 durch­schnitt­lich um 8,12% pro Jahr.21 Zwi­schen 2010 und 2020 haben sie sich ins­ge­samt verdoppelt.

Nach einer Stu­die von McK­in­sey wer­den sich die sozia­len Schich­ten der Stadt­be­völ­ke­rung wie folgt ent­wi­ckeln (in Prozent):

Fas­zi­nie­rend ist die explo­si­ons­ar­ti­ge Zunah­me der Mit­tel­schich­ten. Im Jahr 2000 mach­ten sie gera­de mal 4% der urba­nen Bevöl­ke­rung aus, 2012 waren es schon 68%.22

Als Fol­ge die­ser Ent­wick­lung wuch­sen die nomi­nel­len Ein­zel­han­dels­um­sät­ze zwi­schen 2011 und 15 um 12% pro Jahr. Im Jahr 2009 stieg Chi­na zum größ­ten Auto­markt der Welt auf, noch vor den USA. Wäh­rend der Fahr­zeug­ver­kauf in den USA in 2009 um 21 Pro­zent auf 10,4 Mil­lio­nen Ein­hei­ten sank, leg­te er in Chi­na um 46 Pro­zent auf 13,6 Mil­lio­nen zu (PKW und leich­te Nutz­fahr­zeu­ge). Chi­na mach­te damit ein Vier­tel des Auto-Welt­markts von 52 Mil­lio­nen Ein­hei­ten aus. Die Zahl der ver­kauf­ten Per­so­nen­wa­gen wuchs sogar um 53 Pro­zent auf 10,3 Mil­lio­nen.23

Auch die Arbeits­be­din­gun­gen haben sich wesent­lich ver­bes­sert. Ab dem 01.01.2008 gilt das neue Arbeits­ver­trags­recht, das einen fest­ge­leg­ten Lohn, gere­gel­te Arbeits­zei­ten sowie eine Kran­ken- und eine Ren­ten­ver­si­che­rung vor­sieht. Dage­gen waren aus­län­di­sche und ein­hei­mi­sche Kapi­ta­lis­ten Sturm gelau­fen.24

In zahl­rei­chen Arti­keln der chi­ne­si­schen Medi­en wur­de seit 2009 ein Ende der bil­li­gen Arbeit aus­ge­ru­fen. Ins­be­son­de­re for­dert die Regie­rung höhe­re Löh­ne und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen für die 130 bis 150 Mil­lio­nen Wanderarbeiter.

Dass das alles kei­ne Theo­rie blieb, zeigt der Fall Fox­conn: Die­ser Kon­zern ist der welt­größ­te Her­stel­ler von Unter­hal­tungs­elek­tro­nik und Auf­trags­fer­ti­ger für Apple, Sony, Nokia und Nin­ten­do. Das Unter­neh­men stammt aus Tai­wan, unter­hielt aber im Jahr 2010 in Chi­na 20 Fabri­ken mit 937.000 Beschäf­tig­ten. Das Unter­neh­men ist wegen mie­ser Arbeits­be­din­gun­gen und häu­fi­ger Streiks in die Schlag­zei­len geraten.

In zahl­rei­chen Streiks setz­ten die Beleg­schaf­ten der Wer­ke erheb­li­che Lohn­er­hö­hun­gen bis zu hun­dert Pro­zent durch. Die Regie­rung zeig­te Sym­pa­thie mit die­sen Streiks und for­der­te Fox­conn wie auch eine Rei­he japa­ni­scher Fir­men, z.B. Hon­da, zu höhe­ren Lohn­zah­lun­gen auf.25

Die Ver­teue­rung der Arbeit liegt aus unter­schied­li­chen Grün­den im Inter­es­se der Zen­tral­re­gie­rung. Es geht ihr nicht nur um Nach­fra­ge­sti­mu­la­ti­on, son­dern sie will auf aus­län­di­sche Fir­men auch Druck aus­üben, ihre Bil­lig­pro­duk­ti­on nach Zen­tral­chi­na und in den ärme­ren Wes­ten zu ver­la­gern. In den Küs­ten­pro­vin­zen aber sol­len die inzwi­schen hoch­qua­li­fi­zier­ten Arbei­ter an einem höhe­ren Platz in der Wert­schöp­fungs­ket­te ein­ge­setzt wer­den, mit ent­spre­chend höhe­rer Bezah­lung. Die Küs­ten­pro­vin­zen sol­len zur Hoch­tech­no­lo­gie-Regi­on auf­ge­wer­tet wer­den. Als Anreiz für die West­ver­la­ge­rung die­nen nicht nur nied­ri­ge­re Löh­ne und eine gigan­ti­sche indus­tri­el­le Reser­ve­ar­mee – in den Küs­ten­re­gio­nen wer­den mitt­ler­wei­le bil­li­ge Arbeits­kräf­te rar. Um den aus­län­di­schen Fir­men das »Go West« zu erleich­tern, wird die Infra­struk­tur und Anbin­dung an die Häfen der Zen­tral- und West­pro­vin­zen mit mil­li­ar­den­schwe­ren Pro­gram­men ausgebaut.

Hier­mit soll auch das Wohl­stands­ge­fäl­le zwi­schen den rei­chen Küs­ten­pro­vin­zen und den ärme­ren Inlands­pro­vin­zen aus­ge­gli­chen wer­den. Zudem könn­ten so die Strö­me von Mil­lio­nen Wan­der­ar­bei­tern gen Küs­te ein­ge­dämmt, die Arbeit näher an ihre Dör­fer her­an­ge­bracht wer­den.26

Inzwi­schen sind die chi­ne­si­schen Arbeits­be­din­gun­gen sogar in eini­gen Berei­chen fort­schritt­li­cher als die­je­ni­gen in Deutsch­land, wie der Öko­nom Wolf­ram Els­ner berichtet:

So wird bei der Wochen­ar­beits­zeit, unter akti­ver För­de­rung des Staa­tes, in High­tech-Unter­neh­men mit der Vier-Tage-Woche bei vol­lem Lohn­aus­gleich expe­ri­men­tiert. Die täg­li­che Arbeits­zeit ist strikt auf acht Stun­den begrenzt. Die Befris­tung von Arbeits­ver­trä­gen unter­liegt stren­ge­ren Beschrän­kun­gen als in Deutsch­land, wo sich ein Ex-Bun­des­kanz­ler dafür lobt, dass er den ›bes­ten‹ Nied­rig­lohn­sek­tor Euro­pas her­ge­stellt hat. Leih­ar­beit­neh­mer erhal­ten in Chi­na ein abso­lu­tes ›Equal Pay‹, also den glei­chen Lohn für glei­che Arbeit. Das Ren­ten­ein­tritts­al­ter liegt für Män­ner bei 60 Jah­ren, für Frau­en bei 55, was ein Traum blei­ben wird für deut­sche Arbeitnehmer*innen und Gewerk­schaf­ten.27

Die abso­lu­te Armut28 konn­te wei­ter redu­ziert und schließ­lich aus­ge­rot­tet wer­den. Im Jahr 2005 waren 10,4% der Bevöl­ke­rung arm. Aller­dings waren das immer noch 150 Mil­lio­nen Men­schen, dop­pelt so viel wie die Bun­des­re­pu­blik Ein­woh­ner hat.29 Im Jahr 2017 sank die Zahl der Armen auf 40 Mil­lio­nen.30 2021 wur­de die abso­lu­te Armut nach offi­zi­el­len Anga­ben voll­stän­dig besei­tigt. Dabei wird sie in Chi­na nach viel stren­ge­ren Kri­te­ri­en defi­niert, als dies die UNO macht.

Wer­ner Rüge­mer stellt fest:

Die Volks­re­pu­blik ist somit der ein­zi­ge Staat der Erde, in dem Ein­kom­men, Lebens­stan­dard und Lebens­si­cher­heit der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit, auch der Ärms­ten, über Jahr­zehn­te nach­hal­tig gewach­sen und auch die Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, dass dies auch wei­ter­geht.31

Den­noch behält Chi­na eini­ge Merk­ma­le eines Ent­wick­lungs­lan­des. Nach dem BIP pro Kopf der Bevöl­ke­rung stand es 2009 auf Platz 99 gleich hin­ter Alba­ni­en und Ango­la. Der Wert betrug 3.678 Dol­lar, ein Elf­tel von Deutsch­land (40.875 Dol­lar).32 Im Jahr 2017 konn­te sich Chi­na beim BIP pro Kopf auf den 82. Platz vor­schie­ben, nach Cos­ta Rica, der Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik und dem Irak. Die chi­ne­si­sche Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät betrug 21% der US-Ame­ri­ka­ni­schen.33

Im Jahr 2017 arbei­te­ten noch 360 Mil­lio­nen Men­schen in der Land­wirt­schaft, das waren mehr als ein Vier­tel der werk­tä­ti­gen Bevöl­ke­rung. Dabei trug die Land­wirt­schaft nur 8% zur Wert­schöp­fung bei.34 Die Armut war vor allem ein Phä­no­men der länd­li­chen Regionen.

Aber auch der Reich­tum hat in Chi­na enorm zuge­nom­men: Im April 2010 gab es 875.000 Dol­lar-Mil­lio­nä­re und 140 Dol­lar-Mil­li­ar­dä­re.35 Im Jahr 2016 waren es bereits 1,03 Mil­lio­nen Dol­lar-Mil­lio­nä­re und 609 Dol­lar-Mil­li­ar­dä­re.36

Die chi­ne­si­schen Mil­lio­nä­re waren 2010 die jüngs­ten der Welt. Mit 39 Jah­ren waren die Mil­lio­nä­re im Durch­schnitt um fünf­zehn Jah­re jün­ger als ihre Pen­dants in der übri­gen Welt. Die Mil­lio­nä­re frö­nen dem Luxus. Chi­na kon­su­mier­te 2010 25% der Luxus­gü­ter der Welt.37

Das Auf­kom­men einer Klas­se rei­cher Kapi­ta­lis­ten belegt die dras­ti­sche Zunah­me der sozia­len Ungleich­heit. Der Gini-Index erreich­te 2008 mit 0,491 sei­nen Höhe­punkt. Inzwi­schen ist er auf 0,43 im Jahr 2020 gesun­ken.38 Chi­na ist damit aller­dings immer noch eines der Län­der mit der größ­ten sozia­len Ungleich­heit weltweit.

Die­ser Rück­gang der sozia­len Ungleich­heit ist durch Lohn­er­hö­hun­gen bei den Armen her­vor­ge­ru­fen wor­den, nicht aber durch eine höhe­re Besteue­rung der Rei­chen. Dennoch:

[…] wenn sol­che schein­bar klei­nen nume­ri­schen Ver­än­de­run­gen in einem hoch­ag­gre­gier­ten sta­tis­ti­schen Maß sys­te­ma­tisch über Jah­re hin­weg in Erschei­nung tre­ten, ist das kein Zufall, son­dern hat Grün­de in Struk­tur­ver­än­de­run­gen der volks­wirt­schaft­li­chen Ver­tei­lungs­me­cha­nis­men.39

In Chi­na kann es pas­sie­ren, das Behör­den bei den Rei­chen schon mal genau­er hin­se­hen, woher ihr Reich­tum kommt. Wer­den ille­ga­le Prak­ti­ken fest­ge­stellt, scheu­en sie sich nicht, die­sen zu beschlagnahmen.

Ein wei­te­rer Kon­sum­schub erwächst aus dem anhal­ten­den und sich ver­stär­ken­den Pro­zess der Urba­ni­sie­rung. Die zusätz­li­chen Stadt­be­woh­ner rekru­tie­ren sich zum größ­ten Teil aus dem Heer der Wan­der­ar­bei­ter, ins­be­son­de­re aus dem Teil, der einen fes­ten und bes­ser bezahl­ten Job erhält. Sie grün­den dann Fami­li­en und Haus­stän­de, kau­fen zum Teil die inzwi­schen wie­der vom Staat geför­der­ten Bil­lig­woh­nun­gen, Haus­halts­ge­rä­te, Möbel und ande­re lang­le­bi­gen Kon­sum­gü­ter.40

Zwar ist ein Zuzug in die Städ­te auf­grund des Huk­ou-Sys­tems (Registrierung/​Wohnsitzkontrolle) nicht ohne wei­te­res mög­lich. Den­noch ist das Urba­ni­sie­rungs­tem­po in Chi­na ohne Bei­spiel. 1950 leb­ten 13 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in den Städ­ten; das waren damals etwa 90 Mil­lio­nen Men­schen. 2010 war es knapp die Hälf­te der Bevöl­ke­rung (47%), ins­ge­samt etwa 620 Mil­lio­nen Men­schen.41 Ende 2016 waren es bereits 57% oder 793 Mil­lio­nen. Die jähr­li­che Zuwan­de­rung beträgt 16 bis 17 Mil­lio­nen und ist damit das größ­te Migra­ti­ons­ge­sche­hen, das es in der Geschich­te der Mensch­heit gab. Der Anteil der städ­ti­schen Bevöl­ke­rung wächst somit jähr­lich um über einen Pro­zent­punkt.42

Der Zuzug speist sich vor allem aus den 282 Mil­lio­nen Wan­der­ar­bei­tern (Stand 2016). Sie wer­den durch Locke­rung des Huk­ou-Sys­tems nach und nach in die Städ­te inte­griert. Mit die­sem in den 50er Jah­ren ein­ge­führ­ten Sys­tem woll­te man den unkon­trol­lier­ten Zuzug in die Städ­te und damit die Bil­dung von Slums wie etwa in Bra­si­li­en oder Indi­en ver­hin­dern. Dies ist auch her­vor­ra­gend gelungen.

Ab dem Jahr 2020 ist die Zuwan­de­rung in Städ­te unter einer Mil­li­on Ein­woh­ner voll­stän­dig frei­ge­ge­ben. Nur für Mil­lio­nen­städ­te exis­tie­ren noch Restrik­tio­nen; beson­ders streng ist der Zuzug nach Schang­hai und Peking reguliert.

Die­se Migra­ti­on bedeu­tet eine unge­heu­re Her­aus­for­de­rung für Städ­te­pla­nung und urba­ne Infra­struk­tur. Sogar west­li­che Exper­ten beschei­ni­gen Chi­na ein aus­ge­reif­tes urba­nes Pla­nungs­re­gime und aus­rei­chen­de Inves­ti­tio­nen in sei­ne Städ­te.43

Im Unter­schied zu den meis­ten Ent­wick­lungs­län­dern sind chi­ne­si­sche Groß­städ­te kei­ne unre­gier­ba­ren Molo­che ohne jede Lebens­qua­li­tät, son­dern gel­ten als sehr sau­ber und lebenswert:

Die inter­ne Sied­lungs­struk­tur ist geprägt jeweils durch Grup­pen von Hoch­häu­sern, jede in eige­ner Archi­tek­tur und Farb­ge­bung, jeweils aus­ge­stat­tet mit voll­stän­di­ger Infra­struk­tur und mit viel Grün auf­ge­lo­ckert. Die Hoch­häu­ser beher­ber­gen typi­scher­wei­se eine Wohn-Gewer­be-Mischung, auch in den zen­tra­len Stadt­tei­len. Neue Parks und Bäu­me über­all, und zwar mit Sys­tem.44

Chi­na ist heu­te zu einem Ein­wan­de­rungs­land geworden:

Nicht nur kom­men vie­le qua­li­fi­zier­te eth­ni­sche Chi­ne­sen, ins­be­son­de­re aus den USA, inzwi­schen wegen guter Berufs­chan­cen (und viel­leicht auch wegen eines auf­kom­men­den Kli­mas des Miss­trau­ens gegen sie in den USA) wie­der in ihr Hei­mat­land zurück. Hun­dert­tau­sen­de von jun­gen Leu­ten aus vie­len Ent­wick­lungs­län­dern und meh­re­ren Kon­ti­nen­ten stu­die­ren inzwi­schen in Chi­na. Aber auch jen­seits vor­über­ge­hen­der Stu­di­en­auf­ent­hal­te kennt man in Chi­na inzwi­schen gan­ze afri­ka­ni­sche Com­mu­nities. Hier han­delt es sich auch um Arbeit­neh­mer mit län­ge­ren, teil­wei­se unbe­fris­te­ten Auf­ent­halts­per­spek­ti­ven. Und nach ame­ri­ka­ni­schem Vor­bild ver­gibt inzwi­schen auch Chi­na Green Cards für Dau­er­auf­ent­halts- und ‑arbeits­be­rech­ti­gun­gen.45

Obwohl sta­tis­tisch erst ein Land mit mitt­le­rem Pro-Kopf-Ein­kom­men, wur­de Chi­na zu einem glo­ba­len Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum für die Migration.

Auch die Umwelt­ver­schmut­zung wird ange­gan­gen. Um die Sand­stür­me zu mil­dern und die Aus­wei­tung der Wüs­ten zu stop­pen, wer­den im gan­zen Land Wald­gür­tel ange­legt. Das Pro­gramm Grü­ne Mau­er läuft seit 1970. Es wur­de ab 2002 inten­si­viert und gilt als das größ­te Auf­fors­tungs­pro­gramm der Welt. Die gro­ße Grü­ne Mau­er umfasst ins­ge­samt 13 Pro­vin­zen und erstreckt sich über eine Län­ge von fast 4500 Kilo­me­ter. In den letz­ten Jah­ren nahm die Wald­flä­che jähr­lich um etwa vier Mil­lio­nen Hekt­ar zu. Damit hat Chi­na einen Anteil von 73 Pro­zent am welt­wei­ten Wald­zu­wachs.46

Die bis­her gepflanz­ten Wäl­der haben den Sand­trans­port der Stür­me um 200 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr ver­rin­gert. Zwi­schen 2000 und 2004 schrumpf­te die Deser­ti­fi­ka­ti­ons­flä­che erst­mals jähr­lich um fast 1300 Qua­drat­ki­lo­me­ter. Chi­na ver­fügt über die größ­ten wie­der­auf­ge­fors­te­ten Wald­ge­bie­te der Welt.47

Auch die Luft­ver­schmut­zung in den chi­ne­si­schen Städ­ten wur­de im Rah­men des gro­ßen Aus­ga­ben­pro­gramms ab 2009 wesent­lich zurück­ge­drängt. Etwa durch Schlie­ßung klei­ne­rer Koh­len­kraft­wer­ke und SO2-Fil­ter für grö­ße­re Kraft­wer­ke sowie durch wesent­li­chen Aus­bau der Kern­ener­gie und der »erneu­er­ba­ren Energien«.

Im Jahr 2009 war die staat­li­che Indus­tri­al & Com­mer­ce Bank of Chi­na mit einer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 254,9 Mil­li­ar­den die größ­te Bank der Welt. Mit der Chi­ne­se Con­struc­tions Bank (191,9 Mil­li­ar­den Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung) und der Bank of Chi­na (147,1 Mil­li­ar­den) gehör­ten zwei wei­te­re chi­ne­si­sche staat­li­che Ban­ken zu den zehn größ­ten Ban­ken der Erde.

Infol­ge des rasan­ten Wachs­tums des Bin­nen­mark­tes ent­stan­den zahl­rei­che Groß­kon­zer­ne, die sich zuneh­mend glo­bal auf­stell­ten. Bei­spie­le hier­für sind: Sin­opec (Öl), Chi­na Mobi­le, Ten­cent (Inter­net), Hua­wei (Mobil­funk), Leno­vo (Com­pu­ter) sowie FAW und Dong­feng (LKWs). Eini­ge die­ser Kon­zer­ne sind Staats­un­ter­neh­men.48

Nach der von neo­li­be­ra­len Öko­no­men ver­brei­te­ten Theo­rie der »Midd­le Inco­me Trap« ste­he Chi­na vor einem gro­ßen Pro­blem: Län­der, die ein mitt­le­res Ein­kom­mens­ni­veau erreicht haben, wer­den hier­durch an einem wei­te­ren Auf­stieg gehin­dert. Denn wegen der höhe­ren Löh­ne sinkt ihre glo­ba­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit.49

Anstatt den sich hier­aus erge­ben­den neo­li­be­ra­len Rezep­ten wie Lohn­kür­zun­gen, Sozi­al­ab­bau, Pri­va­ti­sie­run­gen und Libe­ra­li­sie­run­gen erneut zu fol­gen, nimmt man in Chi­na einen plan­mä­ßi­gen Auf­stieg zur High-Tech-Macht in Angriff. Die­sem Ziel dient das 2015 gestar­te­te Pro­gramm Made in Chi­na 2025.

Bis 2025 will Chi­na den Sprung von der Fabrik der Welt zum Labor der Welt, vom indus­tri­el­len Imi­ta­tor zum tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tor schaf­fen. Bis zu die­sem Jahr soll der Anschluss an die west­li­chen High-Tech-Stan­dards erreicht wer­den, bis 2049 soll das Land zur füh­ren­den Indus­trie- und Tech­no­lo­gie-Super­macht auf­stei­gen.50

Chi­na will vor allem in den fol­gen­den zehn Bran­chen auf­ho­len und den Anschluss an die Welt­spit­ze erreichen:

  • Bio­me­di­zin und Medizintechnik
  • Neue Mate­ria­li­en
  • Land­wirt­schaft­li­che Geräte
  • Luft­fahrt, dar­un­ter Langstreckenflugzeuge
  • Bahn­tech­nik, Schienentransport
  • Elek­tro­fahr­zeu­ge, ver­netz­tes Fahren
  • Mari­ne-Aus­rüs­tung und High-Tech-Schiffe
  • Infor­ma­ti­ons- und Kommunikationstechnologie
  • Auto­ma­ti­sie­rung und Robo­tik, ver­netz­te Produktion
  • Elek­tri­sche Anla­gen, dar­un­ter auch Kern­tech­nik51

Neu sind die glo­ba­len Dimen­sio­nen des Pla­nes. Bis­her gab man sich in Chi­na mit natio­na­len Cham­pions zufrie­den. Jetzt will man glo­ba­le Cham­pions kreieren.

Bis 2025 sol­len chi­ne­si­sche Her­stel­ler fol­gen­de Markt­an­tei­le auf dem Hei­mat­markt erreichen:

  • Medi­zin­ge­rä­te 70%
  • Ver­netz­tes Fah­ren 60%
  • Ener­gie­tech­nik 90%
  • Indus­trie­ro­bo­ter 70%
  • Lang­stre­cken­flug­zeu­ge 10%
  • Han­dys 45%.52

Made in Chi­na 2025 ist die chi­ne­si­sche Ver­si­on der deut­schen Stra­te­gie Indus­trie 4.0.

Eine zen­tra­le Rol­le spielt der Ein­satz von Indus­trie­ro­bo­tern. 2016 wur­den 290.000 Indus­trie­ro­bo­ter aus­ge­lie­fert, davon 90.000 (31%) an Chi­na, 2019 sol­len es welt­weit 414.000 sein und davon 160.000 an Chi­na.53

Die Vor­aus­set­zun­gen für die­sen tech­no­lo­gi­schen Sprung nach vor­ne sind gut. Chi­na gilt als bedeu­ten­de Wis­sen­schafts­macht mit den meis­ten Patent­an­mel­dun­gen und 4,7 Mil­lio­nen Hoch­schul­ab­sol­ven­ten in den MINT54-Fächern. Chi­ne­si­sche Fir­men gel­ten als sehr innovativ.

Die zuneh­men­de chi­ne­si­sche Wirt­schafts­kraft zeigt sich auch an den anstei­gen­den chi­ne­si­schen Direkt­in­ves­ti­tio­nen im Aus­land (FDI-out­flows). Mit Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen von 56,5 Mil­li­ar­den Dol­lar war Chi­na schon 2009 der fünft­größ­te Aus­lands­in­ves­tor. Der chi­ne­si­sche Kapi­tal­ex­port war 2009 schon mehr als halb so groß wie die aus­län­di­schen Direkt­in­ves­ti­tio­nen in Chi­na (FDI inflows) mit 95,0 Mil­li­ar­den Dol­lar.55

Der größ­te Anteil des Kapi­tal­stocks der chi­ne­si­schen Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen liegt in Asi­en, es fol­gen Euro­pa und Afrika.

Durch Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen ver­schaff­te sich Chi­na Zugang zu Roh­stoff­la­ger­stät­ten und Ölquel­len, die es für sei­ne Indus­trie drin­gend braucht.

Ein Instru­ment sei­ner Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen ist der 2007 gegrün­de­te chi­ne­si­sche Staats­fonds Chi­na Invest­ment Cor­po­ra­ti­on (CIC) mit einem ursprüng­li­chen Anla­ge­ver­mö­gen von 200 Mil­li­ar­den Dol­lar. 2009 betrug sein Ver­mö­gen bereits 298 Mil­li­ar­den Dollar.

Da das Sys­tem der sozia­len Sicher­heit in Chi­na kapi­tal­ge­deckt ist, expan­diert auch der chi­ne­si­sche Social Secu­ri­ty Fund auf den Finanz­märk­ten. Damit frei­lich lie­fert er die Ren­ten­zah­lun­gen der Vola­ti­li­tät der Kapi­tal­märk­te aus.56

Die Ent­wick­lung der Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen in Chi­na und der chi­ne­si­schen Inves­ti­tio­nen im Aus­land zeigt fol­gen­de Tabelle:

Quel­le: UNC­TAD World Invest­ment Reports 1998 – 2021. Erläu­te­rung: Der Rück­gang im Bestand zwi­schen den Jah­ren 2003 und 2004 ist durch eine ande­re Erhe­bungs­me­tho­de zustan­de gekom­men. Er bedeu­tet kei­nen rea­len Rück­gang. Lese­an­lei­tung: Der Bestand der Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen in Chi­na im Jahr 2020 von 1.918.828 Mil­lio­nen Dol­lar bedeu­tet, dass tat­säch­lich 1.918.828.000.000, also fast 2 Bil­lio­nen Dol­lar in Chi­na inves­tiert waren. In der obi­gen Tabel­le wur­den also sechs Nul­len gestrichen.

Nach Zah­len der UNC­TAD ist der Bestand der chi­ne­si­schen Inves­ti­tio­nen im Aus­land im Jahr 2018 erst­mals höher als der­je­ni­ge der aus­län­di­schen Inves­ti­tio­nen in China.

Im Zusam­men­hang mit der Neu­en Sei­den­stra­ße (sie­he unten) wei­te­te Chi­na sei­ne Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen wesent­lich aus, zum Bei­spiel in Afri­ka. Sogar die US-ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey muss­te zuge­ben, dass die­se Inves­ti­tio­nen im All­ge­mei­nen segens­reich sind. Chi­ne­si­sche Fir­men bau­en nicht nur die drin­gend benö­tig­te Infra­struk­tur aus, son­dern schaf­fen Arbeits­plät­ze, impor­tie­ren Tech­no­lo­gie, pro­du­zie­ren für den afri­ka­ni­schen Markt statt für den Export und täti­gen lang­fris­ti­ge Inves­ti­tio­nen, die sie dau­er­haft an Afri­ka bin­den.57

Ande­re Stu­di­en kom­men zu dem Ergeb­nis, dass west­li­che Behaup­tun­gen über ein exten­si­ves chi­ne­si­sches Land­grab­bing in Afri­ka stark über­trie­ben sind. Statt der behaup­te­ten sechs Mil­lio­nen Hekt­ar waren nur 240.000 Hekt­ar im Besitz chi­ne­si­scher Unter­neh­men nach­weis­bar. Chi­na belegt damit nur den 19. Platz unter den nicht­afri­ka­ni­schen Län­dern mit Land­be­sitz in Afri­ka, und zwar weit hin­ter den Haupt-Land­grab­bern USA, Groß­bri­tan­ni­en, Sau­di-Ara­bi­en, Sin­ga­pur, den Nie­der­lan­den, Indi­en und Malay­sia.58

Im Zusam­men­hang mit dem Pro­gramm Made in Chi­na 2025 ver­such­te Chi­na neben Eigen­ent­wick­lun­gen auch durch Fir­men­über­nah­men Know-how zu kau­fen und zu impor­tie­ren. Die Chi­ne­sen waren dem­nach vor allem an Hoch­tech­no­lo­gie­fir­men inter­es­siert, deren Pro­duk­te im Rah­men ihrer Stra­te­gie Made in Chi­na 2025 eine Rol­le spielen.

Des­halb haben Inves­ti­tio­nen in den Zen­tren des Metro­po­len-Kapi­ta­lis­mus beson­ders stark zuge­nom­men. In Euro­pa stie­gen sie von 0,7 Mil­li­ar­den Euro 2008 auf 35,9 Mil­li­ar­den 2016, in den USA von 0,2 Mrd. 2007 auf 15,3 Mrd. 2015. Damit über­tra­fen sie die US-ame­ri­ka­ni­schen Direkt­in­ves­ti­tio­nen in Chi­na, die in die­sem Jahr 13,1 Mrd. Dol­lar betru­gen. 2017 inves­tier­ten die Chi­ne­sen drei­mal so viel in den USA wie die USA in Chi­na.59

Damit frei­lich waren die Inter­es­sen des Wes­tens unmit­tel­bar bedroht. Die USA schlos­sen sich mit der EU zu einer gemein­sa­men Front gegen Chi­na zusam­men, unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass Prä­si­dent Trump die EU selbst mit Sank­tio­nen bedroht hatte.

Bei sei­nem Kampf gegen Chi­na ste­hen Fra­gen der Han­dels- und Leis­tungs­bi­lanz nicht im Vor­der­grund. Es geht der Trump-Regie­rung viel­mehr dar­um, die wei­te­re Ent­wick­lung Chi­nas zur öko­no­mi­schen und tech­no­lo­gi­schen Super­macht zu torpedieren.

Zu die­sem Zweck beleg­te Trump die chi­ne­si­schen Kon­zer­ne Hua­wai und ZTE im Jahr 2018 mit Sank­tio­nen. ZTE habe trotz einer Mil­li­ar­den­stra­fe im Vor­jahr wei­ter­hin Sank­tio­nen gegen den Iran und die KDVR unter­lau­fen und per­so­nal­po­li­ti­sche Auf­la­gen nicht erfüllt. Das Urteil: ZTE darf sie­ben Jah­re kei­ne Kom­po­nen­ten wie Mikro­chips von US-Fir­men kau­fen. Für ZTE wäre das einem Todes­stoß gleich­ge­kom­men. Denn 25 bis 30% der Tei­le in den ZTE-Gerä­ten stam­men aus den USA, ins­be­son­de­re Mikro­pro­zes­so­ren von Qual­comm. High-End-Chips, die Chi­na bis heu­te nicht her­stel­len kann. Hoch­tech­no­lo­gie-Pro­zes­so­ren sind die Achil­les­fer­se der chi­ne­si­schen Wirt­schaft im Rah­men der glo­ba­len Wert­schöp­fungs­ket­ten. Rund 90% aller in Chi­na ver­bau­ten Halb­lei­ter müs­sen ein­ge­führt wer­den. Nach kur­zer Zeit hät­te ZTE sei­nen Geschäfts­be­trieb ein­stel­len müssen.

Vor­erst erklär­te sich Trump bereit, die Sank­ti­on zurück­zu­neh­men, aller­dings unter demü­ti­gen­den Auf­la­gen: Straf­zah­lun­gen von einer Mil­li­ar­de Dol­lar, Hin­ter­le­gung von 400 Mil­lio­nen Dol­lar für künf­ti­ge Stra­fen und Aus­wech­se­lung des kom­plet­ten Top-Manage­ments bin­nen eines Monats. Zudem wer­den ame­ri­ka­ni­sche Beam­te zur Kon­trol­le der Auf­la­gen und Über­wa­chung für meh­re­re Jah­re in der Fir­ma plat­ziert.60

Es geht der US-Regie­rung also nicht nur dar­um, den tech­no­lo­gi­schen Auf­stieg Chi­na zu stop­pen, son­dern im Inter­es­se der US-basier­ten trans­na­tio­na­len Kon­zer­ne die expan­die­ren­den Kon­kur­ren­ten aus Chi­na aus dem Weg zu räu­men. Der Fall ZTE hat gezeigt, wie ver­wund­bar Chi­nas Unter­neh­men im High-Tech-Bereich noch sind. Die USA kön­nen ein­fach so einen Rie­sen­kon­zern in den Ruin treiben.

In den fol­gen­den Jah­ren hagel­te es in den USA und der EU Inves­ti­ti­ons­kon­trol­len und Über­nah­me­ver­bo­te gegen chi­ne­si­schen Fir­men. Der Fall Kuka, wo die chi­ne­si­sche Fir­ma Midea 2016 den deut­schen Robo­ter­her­stel­ler über­nom­men hat­te, soll­te sich nicht wiederholen.

Die Prüf­schwel­le und das Veto­recht beim Ein­stieg chi­ne­si­scher Fir­men wur­den in der BRD von 25 auf 10% gesenkt.61

Außer­dem ver­häng­ten die USA im Jahr 2021 Export­ver­bo­te für das nie­der­län­di­sche Unter­neh­men ASML. Es darf ab sofort kei­ne Litho­gra­phie­sys­te­me mehr nach Chi­na lie­fern, die für die Her­stel­lung von Pro­zes­so­ren in der fort­schritt­li­chen 7‑N­a­no­me­ter-Tech­nik benö­tigt wer­den. Da ASML ein Welt­mo­no­pol für Litho­gra­phie­sys­te­me hat, bedeu­tet das, dass ent­spre­chen­de Pro­zes­so­ren in Chi­na nicht her­ge­stellt wer­den kön­nen und das Land immer noch anfäl­lig ist gegen Erpres­sungs­ver­su­che des Wes­tens.62

Trump und sei­ne Regie­rung for­der­ten von Chi­na nichts weni­ger als die wirt­schafts­po­li­ti­sche Kapi­tu­la­ti­on. Chi­na soll­te den wei­te­ren Auf­stieg zur Hoch­tech­no­lo­gie­macht abbla­sen, den Plan Made in Chi­na 2025 begra­ben. Und sein eige­nes Wirt­schafts­sys­tem noch dazu. Chi­na soll­te sich mit dem Sta­tus eines Schwel­len­lan­des, bes­ten­falls als Fabrik der Welt, zufrie­den geben und nicht die USA als öko­no­mi­sche, tech­no­lo­gi­sche und mili­tä­ri­sche Super­macht her­aus­for­dern.63 Damit konn­te sich Trump vor­erst nicht durch­set­zen. Den­noch defi­niert die US-Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie 2022 die VR Chi­na als Haupt­geg­ner, der in Schach zu hal­ten sei. Die USA machen Ernst mit ihrem No-Rivals-Plan von 1989 und berei­ten sich inten­siv auf einen Krieg gegen Chi­na vor.

Die USA erhe­ben in Asi­en und im Pazi­fik den Hege­mo­nie­an­spruch. Im Insel­bo­gen von Japan bis Thai­land haben sie eine gan­ze Stütz­punkt­ket­te, einen eiser­nen Ring, vor das chi­ne­si­sche Fest­land gelegt.

Die ers­te Insel­ket­te bil­det eine anti­chi­ne­si­sche Bar­rie­re. Sie besteht nur aus Staa­ten, die mit den USA durch Mili­tär­ab­kom­men oder Sicher­heits­ga­ran­tien ver­bun­den sind. Dies sind: Japan, Süd­ko­rea, Tai­wan, Phil­ip­pi­nen, Malay­sia, Indo­ne­si­en, Sin­ga­pur und Thailand.

Wich­tigs­tes Glied die­ser Ket­te ist der US-Ver­bün­de­te Japan. Von zen­tra­ler Bedeu­tung ist hier der Luft- und Atom­waf­fen­stütz­punkt Oki­na­wa (Kade­na Air-Base).

Vom Zugang zum Pazi­fik ist die chi­ne­si­sche Flot­te nicht nur durch die inne­re, son­dern auch durch Stütz­punk­te auf der äuße­ren Insel­ket­te abge­schnit­ten. Dies sind Guam, Kwa­jalein, Wake, Mid­way und die Mar­shall-Inseln.64

Von stra­te­gisch höchs­ter Bedeu­tung für die Ver­sor­gungs­si­cher­heit Chi­nas ist die Stra­ße von Malak­ka, einer der am häu­figs­ten befah­re­nen See­we­ge. Täg­lich pas­sie­ren etwa 2.000 Schif­fe die Meer­enge, etwa ein Vier­tel des Welt­han­dels muss durch die­ses Nadel­öhr. Vor allem für Chi­na hat die Pas­sa­ge höchs­ten stra­te­gi­schen Wert, ist sie doch die ent­schei­den­de Lebens­ader für sei­nen Außen­han­del. Allein 80 Pro­zent des von Chi­na impor­tier­ten Öls müs­sen die­se, teil­wei­se nur weni­ge Kilo­me­ter brei­te Meer­enge passieren.

Die USA könn­ten mit ihrer 5. und 3. Flot­te die Stra­ße von Malak­ka über Stütz­punk­te in Sin­ga­pur und Die­go Gar­cia pro­blem­los blo­ckie­ren. Die USA haben also ihre Hand auf der Hals­schlag­ader des Welt­han­dels, die sie zudrü­cken kön­nen.65

Um die­se Abhän­gig­keit zu ver­rin­gern, hat Chi­na eine Pipe­line von der myan­ma­ri­schen Hafen­stadt Kyauk­pyu nach Yunn­an gebaut.66

Zudem baut Chi­na eige­ne Flug­zeug­trä­ger, um die Akti­ons­mög­lich­kei­ten der Mari­ne zu erwei­tern. Das Land soll zu einer Macht­pro­jek­ti­on mitt­le­rer Reich­wei­te befä­higt sein. Im Unter­schied zu den nukle­ar­ge­trie­be­nen US-Flug­zeug­trä­gern wer­den die bei­den chi­ne­si­schen Flug­zeug­trä­ger aller­dings mit Ölfeue­rung betrie­ben, was ihre Reich­wei­te emp­find­lich ein­schränkt. Auch ist es Chi­na bis­her nicht gelun­gen, ein Dampf­kat­a­pult für den Flug­zeug­start zu ent­wi­ckeln.67

Wohl auch, um die­ser mili­tä­ri­schen Ein­krei­sung aus­zu­wei­chen, star­te­te der 2012 gewähl­te Prä­si­dent Xi Jin­ping im Jahr 2014 das Pro­jekt Neue Sei­den­stra­ße. Sie ist auch bekannt als Belt-and-Road-Initia­ti­ve (BRI) oder One Belt, one Road (OBOR). Die Neue Sei­den­stra­ße ist als Modell einer inklu­die­ren­den Glo­ba­li­sie­rung gedacht, bei dem alle Betei­lig­ten pro­fi­tie­ren sollen.

Ent­ste­hen soll ein gan­zes Netz­werk von Stra­ßen, Eisen­bahn­li­ni­en, Brü­cken, Häfen, Pipe­lines, Kraft­wer­ken, Daten­lei­tun­gen, Con­tai­ner-Umla­de­sta­tio­nen, Ter­mi­nals, Tech­no­lo­gie­zen­tren, Repa­ra­tur­werf­ten etc. Sie umfasst die Kon­ti­nen­te Asi­en, Euro­pa und Afrika.

Idea­ler­wei­se sol­len die­se drei Kon­ti­nen­te mit­tels Eisen­bahn­li­ni­en, Stra­ßen, Daten­lei­tun­gen und Schiff­fahrts­li­ni­en mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. Chi­na wür­de dadurch in das Zen­trum die­ses Netz­werks rücken. An den durch Ver­kehrs­we­ge geschaf­fe­nen Ent­wick­lungs­ach­sen sol­len zahl­rei­che Indus­trie­be­trie­be ent­ste­hen, die eine Durch­in­dus­tria­li­sie­rung der jewei­li­gen Län­der vor­an­trei­ben.68

Eine Aus­wahl der geplan­ten Ver­bin­dungs­li­ni­en zeigt fol­gen­de Gra­fik69:

Letzt­lich geht es um die Schaf­fung eines eura­si­schen Wirt­schafts­rau­mes, der vom Gel­ben Meer bis an den Atlan­tik reicht. Eura­si­en umfasst 92 Län­der mit 4,6 Mil­li­ar­den Men­schen und einer Wirt­schafts­leis­tung von 50 Bil­lio­nen Dol­lar, fast 60% des Welt­so­zi­al­pro­duk­tes. Dazu kommt der afri­ka­ni­sche Kon­ti­nent.70

In der jet­zi­gen Pha­se ist OBOR ein gigan­ti­sches Infra­struk­tur­pro­jekt, von dem alle ange­schlos­se­nen Län­der pro­fi­tie­ren sol­len. Das steht im Gegen­satz zum Null­sum­men­den­ken des Wes­tens, der alle ande­ren Regio­nen her­ab­drü­cken will.

Es ist zugleich ein gigan­ti­sches Wachs­tums- und Kon­junk­tur­pro­gramm, eine Art New Deal glo­ba­len Aus­ma­ßes, der das Wirt­schafts­wachs­tum der betei­lig­ten Län­der, aber auch der gesam­ten Welt antrei­ben soll. Chi­na ver­spricht sich in die­sem Zusam­men­hang, dass es sei­ne nicht aus­ge­las­te­ten Kapa­zi­tä­ten in der Stahl, Grund­stoff- und Zement­in­dus­trie bes­ser nut­zen kann.71

Eini­ge Pro­jek­te sind bereits fer­tig­ge­stellt. Seit 2010 ver­kehr­ten bis zu 200 Eisen­bahn­zü­ge pro Woche von Zen­tral­chi­na nach Duis­burg. Eine neue Güter­zug­tras­se durch Zen­tral­asi­en soll Chi­na mit Duis­burg und Rot­ter­dam in 8 Tagen ver­bin­den, statt wie bis­her in 11 Tagen.

Der Hafen von Pirä­us, den Grie­chen­land auf Anwei­sung der Troi­ka ver­kau­fen muss­te, wur­de zu einem wei­te­ren End­punkt der neu­en Sei­den­stra­ße ausgebaut.

In Euro­pa hat Chi­na im Rah­men sei­ner Sei­den­stra­ßen­in­itia­ti­ve zudem auch die Hoch­ge­schwin­dig­keits­stre­cke zwi­schen Bel­grad und Buda­pest gebaut, ein Stahl­werk und Wär­me­kraft­wer­ke in Ser­bi­en rekon­stru­iert, die der Wes­ten im Jugo­sla­wi­en­krieg 1999 zer­stört hat­te, und eine Ost-West-Tan­gen­te durch Maze­do­ni­en gebaut. Chi­na sorg­te dafür, dass der bewusst her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­te Güter­ver­kehr der Deut­schen Bahn einen neu­en Auf­schwung nahm.72

Die Pro­jek­te der neu­en Sei­den­stra­ße haben ein Gesamt­vo­lu­men von mehr als einer Bil­li­on Dol­lar. Zur Finan­zie­rung tra­gen Mit­tel aus dem chi­ne­si­schen Staats­haus­halt bei, außer­dem die Asia­ti­sche Infra­struk­tur Inves­ti­ti­ons­bank (AIIB).

Das Haupt­in­stru­ment des Sei­den­stra­ßen-Auf­bruchs sind öffent­li­che völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Staa­ten, die den Rah­men abste­cken. Chi­nas staat­li­che Ban­ken und Fonds finan­zie­ren dann pri­mär öffent­li­che Infra­struk­tu­ren in den Part­ner­län­dern, aber sekun­där auch Inves­ti­tio­nen pri­va­ter chi­ne­si­scher Unter­neh­men in die­sen Ländern.

»Die Gel­der wer­den meist als lang­fris­ti­ge, fle­xi­bel zu til­gen­de Kre­di­te mit nied­ri­ge­ren als Markt-Zin­sen an die Part­ner­län­der aus­ge­reicht.»73

Behaup­tun­gen, dass die Sei­den­stra­ßen­in­itia­ti­ve finan­zi­ell Chi­na über­for­dern kön­ne, sind unbe­grün­det. Chi­na hat enor­me Wäh­rungs­re­ser­ven ange­sam­melt, etwa 4 Bil­lio­nen Dol­lar. Die­se wur­den vor allem in US-Staats­pa­pie­ren ange­legt und damit das US-Staats­de­fi­zit wesent­lich finan­ziert. Die chi­ne­si­sche Zen­tral­bank kann damit die staat­li­chen Uni­ver­sal­ban­ken, die diver­sen BRI-bezo­ge­nen Spe­zi­al­ban­ken und Fonds ban­kentech­nisch für deren Real­in­ves­ti­tio­nen aus­stat­ten. Die­se wie­der­um kön­nen die chi­ne­si­schen Wäh­rungs­re­ser­ven, wie bei jeder nor­ma­len bank­tech­ni­schen Geld­schöp­fung, auf ein Mehr­fa­ches des Kre­dit­vo­lu­mens hebeln. Dabei kämen sie auf ein Volu­men von bis zu 15 Bil­lio­nen Dol­lar.74

Die wich­tigs­ten Ban­ken bei der Sei­den­stra­ßen­fi­nan­zie­rung sind:

  • Die Asi­an Infra­st­ruc­tu­re Invest­ment Bank (AIIB), Mit­glie­der inzwi­schen unter ande­rem auch Deutsch­land und Großbritannien,
  • die Chi­na Deve­lo­p­ment Bank,
  • die New Deve­lo­p­ment Bank (die BRICS Bank),
  • die Chi­na EXIM Bank.

Dar­über hin­aus sind noch eine Rei­he von Spe­zi­al­fonds gegrün­det wor­den.75

Einer der west­li­chen Haupt­kri­tik­punk­te an der Sei­den­stra­ße ist die angeb­li­che Schuld­knecht­schaft, wenn die Part­ner­län­der ihre Kre­di­te nicht mehr til­gen können.

Tat­säch­lich gerie­ten eini­ge Län­der in Rück­zah­lungs­schwie­rig­kei­ten auf­grund von schlecht geplan­ten Pro­jek­ten. In die­sen Fäl­len fan­den aber immer Neu­ver­hand­lun­gen von Kre­dit­kon­di­tio­nen, Umfi­nan­zie­run­gen sowie Stun­dun­gen statt oder die Schul­den wur­den ganz erlas­sen. Rück­zah­lungs­schwie­rig­kei­ten sind aber bei wei­tem nicht die Regel und die Ver­ga­be­be­din­gun­gen wer­den stän­dig wei­ter ent­wi­ckelt, so dass sol­che nega­ti­ven Erschei­nun­gen in Zukunft mög­lichst ver­mie­den wer­den. In Chi­na gibt es inzwi­schen zahl­rei­che Über­le­gun­gen, Ana­ly­sen und Vor­schlä­ge, wie die Schul­den trag­fä­hig gehal­ten wer­den kön­nen.76

Wolf­ram Elsner:

Es scheint, dass die tat­säch­li­che Rea­li­tät der glo­ba­len Ver­schul­dungs­fal­len unter der alten Glo­ba­li­sie­rung und dem Regime von Welt­bank und IWF auch hier in ein künf­ti­ges chi­ne­si­sches Hor­ror­sze­na­rio pro­ji­ziert wird.77

Die Neue Sei­den­stra­ße ist nur das bekann­tes­te Bei­spiel von zahl­rei­chen neu­en trans­na­tio­na­len Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen, die nicht vom Wes­ten domi­niert sind. Sie alle sind in den letz­ten Jah­ren ent­stan­den und wur­den von west­li­chen Medi­en weit­ge­hend ignoriert.

Bei­spie­le hier­für sind:

  • Chiang-Mai-Initia­ti­ve: Gegrün­det 2010, ist sie eine Art asia­ti­sches Gegen­stück zum IWF. Im Fal­le einer Wäh­rungs­kri­se wür­den die Mit­glie­der, zehn süd­asia­ti­sche Län­der plus Chi­na, Japan und Süd­ko­rea, Devi­sen­s­waps zie­hen, um ihre Wäh­run­gen zu stüt­zen. Seit den schlech­ten Erfah­run­gen der asia­ti­schen Län­der mit dem IWF in der Asi­en­kri­se 1997/98 wen­den sich die Regie­run­gen die­ser Län­der nur ungern an den Fonds. Im Früh­jahr 2009 pump­te Chi­na zusam­men mit Hong­kong 38 Mil­li­ar­den Dol­lar in den Fonds und ist damit zusam­men mit Japan der größ­te Einzahler.
  • BRICS (Bra­si­li­en, Russ­land, Indi­en, Chi­na und Süd­afri­ka). Gegrün­det 2010, Koope­ra­ti­on mit ande­ren gro­ßen Schwel­len­län­dern. Gegen­ge­wicht zu den G7.
  • Neue Sei­den­stra­ße, BTI, OBOR, gestar­tet 2014, sie­he oben
  • SOZ (Schang­hai Orga­ni­sa­ti­on für Zusam­men­ar­beit): Gegrün­det 2001. Ihr gehö­ren an: Chi­na, Russ­land, Indi­en, Paki­stan, Kasach­stan, Kir­gi­stan, Tadschi­ki­stan und Usbe­ki­stan. Beob­ach­ter sind der Iran, die Mon­go­lei, Afgha­ni­stan und Weiß­russ­land. Die SOZ ist ein poli­ti­sches Gegen­ge­wicht zum Wes­ten. Aber sie ist kein fest gefüg­tes Bünd­nis und schon gar kei­ne Militärallianz.
  • RECP (Regio­nal Com­pre­hen­si­ve Eco­no­mic Part­ners­hip): Frei­han­dels­zo­ne Chi­na-ASE­AN+. Gegrün­det 2020. Ihr gehö­ren neben Chi­na und den 10 ASE­AN-Mit­glie­dern auch Japan, Süd­ko­rea, Aus­tra­li­en und Neu­see­land an. RECP ist mit einer Bevöl­ke­rung von 3,6 Mil­li­ar­den Men­schen die größ­te Frei­han­dels­zo­ne der Welt.

Grund­kon­sens bei die­sen alter­na­ti­ven Bünd­nis­sen und Insti­tu­tio­nen ist das Prin­zip der Nicht­ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten und die Aner­ken­nung einer mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung. Ziel ist es, einen neu­en Typ von Glo­ba­li­sie­rung auf­zu­bau­en, der inklu­si­ver, zivi­li­sier­ter, geord­ne­ter, effi­zi­en­ter, dyna­mi­scher und nach­hal­ti­ger ist. Zudem ver­sucht Chi­na, sich mit die­sen unter­schied­li­chen Bünd­nis­sen aus der poli­tisch-mili­tä­ri­schen Umklam­me­rung durch USA zu befrei­en und sei­ne Hand­lungs­frei­heit wie­der­zu­er­lan­gen.78

Die­se Plä­ne bedeu­ten einen gewal­ti­gen Affront gegen­über der ein­zi­gen Super­macht USA, die auf den Auf­stieg Chi­nas bereits 2011 mit ihrer Stra­te­gie Pivot to Asia reagierten.

Der Poli­to­lo­ge Fran­cis Fuku­ya­ma rief in den 90er Jah­ren das Ende der Geschich­te aus. Dies begrün­de­te er damit, dass die freie Markt­wirt­schaft auf der Basis des Pri­vat­ei­gen­tums in Kom­bi­na­ti­on mit der libe­ra­len Demo­kra­tie die erfolg­reichs­te und effi­zi­en­tes­te Wirt­schafts­ord­nung sei. Umge­kehrt füh­re staat­li­ches Eigen­tum und Plan­wirt­schaft zu öko­no­mi­scher Inef­fi­zi­enz, Sta­gna­ti­on und Fehl­al­lo­ka­ti­on von Ressourcen.

Erst­mals seit 1989 wird der Wes­ten durch ein alter­na­ti­ves Wirt­schafts­mo­dell her­aus­ge­for­dert. Chi­na gelang mit sei­ner staat­lich gelenk­ten Wirt­schaft die nach­ho­len­de Ent­wick­lung und Indus­tria­li­sie­rung. Es stieg zur Werk­statt der Welt auf und nimmt gegen­wär­tig den Über­gang zu einer High-Tech-Wirt­schaft mit gro­ßer Dyna­mik in Angriff.79 Die­ser Ent­wick­lungs­pfad kann bei kon­se­quen­ter Fort­set­zung zu einem höhe­ren Lebens­stan­dard als im Wes­ten führen.

Wäh­rend der Wes­ten immer auto­ri­tä­rer wird, fin­det in Chi­na in bestimm­ten Berei­chen sogar eine Demo­kra­ti­sie­rung statt. Die Regie­rung steckt – genau­so wie im Wes­ten – den poli­ti­schen Rah­men ab. Inner­halb des­sen kön­nen die Bür­ger ihren Bei­trag zum Gan­zen leis­ten und sich ein­brin­gen, zum Bei­spiel beim Chong­qing-Expe­ri­ment der Bür­ger­be­tei­li­gung und über das Inter­net.80

Für vie­le Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­der ist Chi­na bereits ein ver­lo­cken­des Alter­na­tiv­mo­dell. Das Land könn­te in abseh­ba­rer Zeit auch zu einer Her­aus­for­de­rung für den Wes­ten wer­den. Es stellt sich somit erneut die Sys­tem­fra­ge. Bei die­sem neu­en Sys­tem­wett­be­werb geht es um die Fra­ge, ob der chi­ne­si­sche Staats­ka­pi­ta­lis­mus mehr Wohl­stand pro­du­ziert als der west­li­che neo­li­be­ra­le Kapi­ta­lis­mus.81

In den fol­gen­den Berei­chen unter­schei­det sich das chi­ne­si­sche Modell vom Westen:

  1. Rol­le des Staa­tes: Der chi­ne­si­sche Staat hat es ver­stan­den, sich in die Welt­wirt­schaft zu inte­grie­ren und den­noch eini­ger­ma­ßen sei­ne Auto­no­mie zu wah­ren. Denn er hat ent­schei­den­de wirt­schafts­po­li­ti­sche Instru­men­te nicht aus der Hand gege­ben und kann in das Wirt­schafts­ge­sche­hen wirk­sam ein­grei­fen. Der Staat behielt im Wesent­li­chen die Finanz‑, Ban­ken- und Wäh­rungs­ho­heit sowie die Per­spek­tiv­pla­nung. Er ist ein ent­wick­lungs­len­ken­der Staat.
  2. Plan und Markt als Allo­ka­ti­ons­in­stru­men­te: Die Ent­wick­lung von Wirt­schaft und Gesell­schaft wird nicht dem spon­ta­nen Moment des Mark­tes über­las­sen, son­dern erfolgt mit­tel­fris­tig in Fünf­jahr­plä­nen. In den Fünf­jahr­plä­nen wer­den struk­tur- und ent­wick­lungs­be­stim­men­de Ziel­stel­lun­gen fest­ge­legt, in Fra­gen des Wirt­schafts­wachs­tums, der volks­wirt­schaft­li­chen Pro­por­tio­nen, des wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Fort­schritts, der Ent­wick­lung Stadt-Land, der ein­zel­nen Pro­vin­zen, Ener­gie­ef­fi­zi­enz, der Öko­lo­gie, usw. Aber nur in Form einer Rah­men­pla­nung, nicht als kon­kre­te Detail­pla­nung. Ziel ist die Ver­bin­dung von Plan und Markt. Mit staat­li­chen Ein­grif­fen und Plan­wirt­schaft gelang es Peking auch, von der extre­men Export­ori­en­tie­rung stär­ker auf Bin­nen­kon­junk­tur umzu­po­len. Auch die Maß­nah­men des Pro­gramms Made in Chi­na 2025 wer­den in den Fünf­jahr­plä­nen kon­kre­ti­siert. Die kurz­fris­ti­ge Res­sour­cen­al­lo­ka­ti­on wird dem Markt überlassen.
  3. Staat­li­ches Eigen­tum: Die Staats­be­trie­be tra­gen etwa 35 bis 40% zum BIP bei. Dabei muss zwi­schen den 96 Kon­zer­nen im Besitz des Zen­tral­staa­tes und den 150.000 Unter­neh­men im Besitz von Pro­vin­zen und Gemein­den unter­schie­den wer­den. Die Staats­be­trie­be arbei­ten pro­fi­ta­bel und tra­gen zur Finan­zie­rung des Staats­haus­hal­tes bei. Der Staat­li­che Sek­tor kon­trol­liert noch weit­ge­hend die Kom­man­do­hö­hen der Wirt­schaft.82

Die gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lung ist auch für den Wes­ten eine Her­aus­for­de­rung mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Impli­ka­tio­nen. Denn in den Jah­ren nach der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se von 2008 hat sich der Nie­der­gang von USA und EU beschleunigt:

Im Wes­ten explo­die­ren­de Staats­de­fi­zi­te – in Chi­na gesun­de Staats­fi­nan­zen; in den USA eine maro­de Infra­struk­tur – hier ein gigan­ti­scher Aus­bau; dort per­ma­nen­ter Sozi­al­ab­bau – in Chi­na Auf­bau und Ver­bes­se­rung der Sozi­al­sys­te­me; in den Indus­trie­län­dern zuneh­men­de Arbeits­lo­sig­keit und Real­lohn­aus­zeh­rung – dort jähr­lich acht Mil­lio­nen neue Arbeits­plät­ze und Stär­kung der Mas­sen­kauf­kraft; hier ein über­schul­de­ter und erschöpf­ter US-Ver­brau­cher – in Chi­na ein Kon­sum­rausch der Mit­tel­schich­ten und stei­gen­der Lebens­stan­dard; im Wes­ten wach­sen­de Armut – im Osten lang­sa­me Über­win­dung von Hun­ger und Elend; in den USA Deindus­tria­li­sie­rung – in Chi­na der rasan­te Auf­bau einer High-Tech-Indus­trie; hier Depres­si­on – dort Opti­mis­mus … Die Lis­te lie­ße sich fort­set­zen.83

Der Wes­ten reagiert vor­erst mit gif­ti­ger Pro­pa­gan­da auf den Auf­stieg Chi­nas. Dadurch sol­len die dor­ti­gen gro­ßen gesell­schaft­li­chen Fort­schrit­te nicht in das Bewusst­sein der Men­schen gelan­gen. Die­ses Ziel wur­de bis­her weit­ge­hend erreicht. Natür­lich sucht er sich als Ansatz­punkt für sei­ne Het­ze die Schwach­punk­te her­aus, die es in jedem Land auch gibt. Aktu­el­le Auf­re­ger­the­men im Jahr 2022 sind die Uigu­ren und das chi­ne­si­sche Sozi­al­punk­te­sys­tem. Die­se sol­len im Fol­gen­den kurz dar­ge­stellt werden:

Uigu­ren

Seit eini­gen Jah­ren behaup­tet der Wes­ten, Chi­na wür­de einen sys­te­ma­ti­schen Geno­zid am mus­li­mi­schen Volk der Uigu­ren in der Auto­no­men Regi­on Xin­jiang bege­hen. Eine sol­che Ein­schät­zung haben fol­gen­de Län­der offi­zi­ell getrof­fen: USA, Groß­bri­tan­ni­en, Litau­en, Kana­da und die Nie­der­lan­de. Auch die EU hat Sank­tio­nen gegen Chi­na wegen die­ser Anschul­di­gun­gen erlas­sen, so dass der deut­sche Pro­pa­gan­da-Sen­der Deut­sche Wel­le hämisch von Schlag­lö­chern in der neu­en Sei­den­stra­ße schrieb.84

Was ist von die­sen Anschul­di­gun­gen zu halten?

Der Geno­zid ist eines der schwer­wie­gends­ten Ver­bre­chen, des­sen man einen Staat ankla­gen kann. Der Mas­sen­mord an einer eth­ni­schen oder reli­giö­sen Min­der­heit – […] – ist ein sel­te­ner und außer­ge­wöhn­lich bru­ta­ler Akt, eine Eska­la­ti­on staat­li­cher Gewalt. Für einen Geno­zid ver­ant­wort­lich gemacht zu wer­den, wird als eine sol­che Schan­de ange­se­hen, dass selbst Mas­sen­mor­de von Staa­ten his­to­risch als Geno­zid ein­zu­ord­nen, auch Jahr­zehn­te spä­ter noch zu diplo­ma­ti­schen Eklats füh­ren kann.

Gera­de für Deut­sche ist das The­ma mit auf­wüh­len­den Emo­tio­nen behaf­tet. Die west­li­chen Medi­en ver­brei­ten den Ein­druck, als wür­de Chi­na die Ver­bre­chen des deut­schen Faschis­mus wiederholen.

Wal­ter Bückers kommentiert:

Wenn Chi­na aber wirk­lich sys­te­ma­ti­schen Mas­sen­mord begin­ge, wäre es ein Mas­sen­mord, der wider Erwar­ten in einem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum resul­tiert, der Ein­kom­men und Bil­dungs­chan­cen erhöht, der kei­ne Mas­sen­flucht aus­löst und für den es weder Bild- noch Video­be­wei­se gibt. Es wäre auch der ers­te Mas­sen­mord, der zu einem Rei­se­boom führt. Allein im letz­ten Jahr besuch­ten über 150 Mil­lio­nen Tou­ris­ten die Regi­on. Es gibt kei­ne Daten, die einen Mas­sen­mord an den Uigu­ren glaub­haft bele­gen könn­ten, und es ist dem­entspre­chend eine Ankla­ge, die aus­schließ­lich von unse­riö­sen Quel­len vor­ge­bracht wird.85

Tat­säch­lich behaup­ten die anti­chi­ne­si­schen Pro­pa­gan­dis­ten wie der Evan­ge­li­ka­le Richard Zenz nicht, Chi­na wür­de einen Mas­sen­mord bege­hen. Sie nut­zen viel­mehr eine schwam­mi­ge For­mu­lie­rung der UN-Völ­ker­mord­kon­ven­ti­on für ihre Pro­pa­gan­da aus. Dem­nach kann bereits die Unter­drü­ckung von Gebur­ten als Völ­ker­mord gewer­tet werden.

Trotz die­ses »Geno­zids« wuchs die uigu­ri­sche Bevöl­ke­rung zwi­schen 2010 und 2018 sogar nach Zenz eige­ner Stu­die um 20%. Allerdings

wur­den 2017 die lan­des­wei­ten Richt­li­ni­en für Fami­li­en­pla­nung, die in der Stadt ansäs­si­gen Paa­ren zwei Kin­der und auf dem Land ansäs­si­gen Paa­ren drei Kin­der erlau­ben, erst­mals auch in Xin­jiang ver­pflich­tend ein­ge­führt. Ver­stö­ße resul­tier­ten nun in Buß­gel­dern, der Ver­zicht auf Kin­der wur­de finan­zi­ell geför­dert.86

Die­se Tat­sa­che reich­te aus, um den Vor­wurf des Geno­zids gegen Chi­na zu schleudern.

Zudem behaup­te­te Zenz, Chi­na zer­stö­re die Uigu­ren kul­tu­rell, reli­gi­ös und sprach­lich in jeder Hin­sicht. Aber auch das stimmt nicht. Die Uigu­ren sind eine der 55 aner­kann­ten Min­der­hei­ten Chi­nas und genie­ßen Son­der­rech­te, was Spra­che, Schrift und kul­tu­rel­le Bräu­che angeht. Neben Man­da­rin ist Uigu­risch die offi­zi­el­le Spra­che der Regi­on. Alle Stra­ßen­schil­der und offi­zi­el­len Doku­men­te sind zwei­spra­chig. Der Schul­un­ter­richt ist eben­falls zwei­spra­chig. Es erschei­nen zahl­rei­che Zei­tun­gen und Bücher auf Uigu­risch. Die Uigu­ri­sche Schrift ist zudem auf jedem chi­ne­si­schen Geld­schein zu sehen. Auch die Behaup­tung, dass die Uigu­ren wegen ihres isla­mi­schen Glau­bens dis­kri­mi­niert wür­den, ist fern von der Rea­li­tät. Anders als im Rest des Lan­des sind zum Bei­spiel Eid al-Fitr (das Fest des Fas­ten­bre­chens) und Eid al-Adha (das Opfer­fest) in Xin­jiang offi­zi­el­le Fei­er­ta­ge. Bis zum Aus­bruch der Coro­na-Pan­de­mie 2020 wur­den Char­ter­flü­ge nach Mek­ka ange­bo­ten. In Xin­jiang gibt es über 24.000 Moscheen. Sie prä­gen das Stadt­bild von Urum­qi, Kash­gar und Hotan maß­geb­lich. Es mag sein, dass aus unter­schied­li­chen Grün­den hin und wie­der eine Moschee abge­ris­sen wird. Das ist aber nicht die Regel und zahl­rei­che dies­be­züg­li­che Vor­wür­fe des Wes­tens haben sich als falsch her­aus­ge­stellt, wenn zum Bei­spiel Ein­kauf­zen­tren als Moscheen miss­in­ter­pre­tiert wur­den.87

Tat­säch­lich hat sich der isla­mi­sche Fun­da­men­ta­lis­mus in Xin­jiang bis 2015 stark aus­ge­brei­tet. Es gab zahl­rei­che Ter­ror­an­schlä­ge, denen hun­der­te Men­schen zum Opfer gefal­len sind. Die­ser Fun­da­men­ta­lis­mus schwapp­te offen­bar vom Nach­bar­land Afgha­ni­stan nach Xin­jiang, wor­an Chi­na, wie in Teil IX die­ser Arti­kel­se­rie dar­ge­stellt, auch nicht ganz unschul­dig ist. Über die zahl­rei­chen Ter­ror­an­schlä­ge berich­te­ten in der Ver­gan­gen­heit auch west­li­che Medi­en. Nur in den letz­ten Jah­ren wird die­se Tat­sa­che voll­stän­dig aus­ge­blen­det, so dass die teil­wei­se stren­gen Maß­nah­men Chi­nas als völ­lig unmo­ti­viert erscheinen.

Die chi­ne­si­sche Regie­rung geht davon aus, dass der isla­mi­sche Extre­mis­mus und die Gewalt vor allem durch Armut, man­geln­den Bil­dungs­stand, Arbeits­lo­sig­keit und sozia­le Rück­stän­dig­keit her­vor­ge­ru­fen wur­den. Mit einem mil­li­ar­den­schwe­ren Inves­ti­ti­ons­pro­gramm soll­ten die­se Fak­to­ren besei­tigt und so dem Isla­mis­mus sei­ne gesell­schaft­li­che Basis ent­zo­gen werden.

Chi­na kon­zen­trier­te sich in Xin­jiang zunächst auf die Bil­dung. Zwi­schen 2010 und 2017 wur­de die Schul­pflicht auf 12 Jah­re ange­ho­ben, Schul­ge­büh­ren gestri­chen und zwei­spra­chi­ger Unter­richt gefördert.

Im Jahr 2016 begann die chi­ne­si­sche Regie­rung gegen vor allem länd­li­che Arbeits­lo­sig­keit pro­vinz­über­grei­fen­de Arbei­ter­trans­fers zu organisieren.

2017 inves­tier­te Chi­na im Rah­men einer lan­des­wei­ten Kam­pa­gne zur Armuts­be­kämp­fung 5,2 Mil­li­ar­den Dol­lar in die Expan­si­on des Gesund­heits­sys­tems in Xin­jiang. Mil­lio­nen Men­schen erhiel­ten so erst­mals kos­ten­lo­sen Zugang zu Verhütungsmitteln.

Wei­te­re Mil­li­ar­den flos­sen jedes Jahr in Infra­struk­tur­pro­jek­te und ande­re Aspek­te der Armuts­be­kämp­fung. Allein in 2019 waren es fünf Mil­li­ar­den Euro, die von Regie­rungs­sei­te in die Pro­vinz inves­tiert wur­den und so 600.000 Men­schen allein in die­sem einen Jahr den Auf­stieg aus der abso­lu­ten Armut ermög­lich­ten. Das ver­füg­ba­re Ein­kom­men der Regi­on stieg in den zehn Jah­ren von 2010 bis 2020 um 75%.

Es fan­den aber auch Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­me statt, an denen bestimm­te jun­ge Men­schen ver­pflich­tend teil­neh­men muss­ten. Das kann man als Frei­heits­ent­zug kri­ti­sie­ren, aber auch im Wes­ten ist zum Bei­spiel für Hartz-IV-Emp­fän­ger die Teil­nah­me an Ein­glie­de­rungs­maß­nah­men ver­pflich­tend, bei Stra­fe des Ver­hun­gerns. Die chi­ne­si­schen Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­me waren zeit­lich begrenzt und beinhal­te­ten zum Bei­spiel Aus­gang am Wochen­en­de. Zudem waren sie mit einer Berufs­aus­bil­dung ver­bun­den. Seit Ende 2019 sind die­se Pro­gram­me abgeschlossen.

Es wur­den Geset­ze erlas­sen, die finan­zi­el­le Anrei­ze für die Ehe zwi­schen Han-Chi­ne­sen und Zuge­hö­ri­gen einer Min­der­heit schaffen.

Die west­li­chen Medi­en mach­ten aus Ehe­sub­ven­tio­nen »Zwangs­ehen«, aus Arbei­ter­trans­fers »Zwangs­ar­beit«, aus dem Ange­bot kos­ten­frei­er Ver­hü­tungs­mit­tel »Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on« und aus Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­men »KZs«. Unge­ach­tet die­ser maß­lo­sen Het­ze sind die Uigu­ren heu­te wohl­ha­ben­der, siche­rer und bes­ser gebil­det als je zuvor.88

Sozi­al­punk­te­sys­tem

Ein zwei­tes west­li­ches Auf­re­ger­the­ma ist das chi­ne­si­sche Sozi­al­punk­te­sys­tem. Der Wes­ten behaup­tet, Chi­na stre­be einen digi­ta­len Über­wa­chungs­staat und die Neu­erfin­dung der Dik­ta­tur an. Zugleich betreibt der Wes­ten eben­falls die Ein­füh­rung eines sol­chen Sozi­al­punk­te­sys­tems. Aber das sei unpro­ble­ma­tisch, denn »Wir sind die Guten.«

Was ist von den Vor­wür­fen gegen Chi­na zu hal­ten? Um das beur­tei­len zu kön­nen, sol­len im Fol­gen­den die chi­ne­si­schen Begrün­dun­gen für die Ein­füh­rung des Sys­tems wie­der­ge­ge­ben werden.

Als Fol­ge der neo­li­be­ra­len Refor­men sank auch das Ver­trau­ens­ni­veau inner­halb der chi­ne­si­schen Bevöl­ke­rung. Kor­rup­ti­on, Bestechung und Bestech­lich­keit, räu­be­ri­sche Pri­va­ti­sie­run­gen sowie betrü­ge­ri­sche Geschäfts­prak­ti­ken jeder Art nah­men über­hand. Die Men­schen ver­lo­ren alle Idea­le, es ent­wi­ckel­ten sich ein aus­ufern­der Mate­ria­lis­mus und ein Hun­ger nach Reich­tum. Die Kin­der der Ein-Kind-Poli­tik (1979 – 2015) sind oft ver­wöhn­te und ver­zo­ge­ne Individualisten.

Als ein Tief­punkt die­ser Ent­wick­lung gilt der Milch­pul­ver-Mela­min-Skan­dal, wo ver­seuch­tes Milch­pul­ver 2008 bei 300.000 Säug­lin­gen zu mas­si­vem Nie­ren­ver­sa­gen führ­te.89

Die­se Betrü­ge­rei­en gal­ten auch zuneh­mend als Hemm­nis für das wei­te­re Wirtschaftswachstum:

Für chi­ne­si­sche Kre­dit­in­sti­tu­te war es frü­her schwie­rig, die Kre­dit­wür­dig­keit von Men­schen und Unter­neh­men ein­zu­schät­zen, da die meis­ten Chi­ne­sen, vor dem Ein­zug mobi­ler Zah­lungs­sys­te­me, also bis vor weni­gen Jah­ren, alles in bar abwi­ckel­ten und kaum jemand über ein eige­nes Bank­kon­to mit ent­spre­chen­der Zah­lungs­his­to­rie verfügte.

Wolf­ram Els­ner stellt klar:

  • »Es gibt nicht das Kre­dit­punk­te­sys­tem in Chi­na, son­dern gegen­wär­tig eine Viel­zahl loka­ler expe­ri­men­tel­ler Systeme.«
  • »Die Sys­te­me sind gar nicht in ers­ter Linie auf pri­va­te Indi­vi­du­en, son­dern auf Poli­tik, Behör­den, Unter­neh­men, Ban­ken, Jus­tiz und Wis­sen­schaft und erst danach auf natür­li­che Per­so­nen ori­en­tiert. Sie sind damit in ers­ter Linie klar im Zusam­men­hang mit der Anti­kor­rup­ti­ons­po­li­tik (Poli­tik, Behör­den, Unter­neh­men), der Rechts­po­li­tik (Jus­tiz­we­sen), der Poli­tik der Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und der Umwelt­be­din­gun­gen (Unter­neh­men), dem Ban­ken- und Finanz­sys­tem (Rating, Boni­tät, auch für das Ver­hal­ten der Kre­dit­ge­ber), und so ins­ge­samt der Poli­tik des ›glaub­wür­di­gen Chi­na‹, zu sehen.»90
  • Es fin­det gegen­wär­tig eine öffent­li­chen Debat­te über die ver­schie­de­nen Zie­le und Qua­li­täts­merk­ma­le der Sys­te­me statt, ins­be­son­de­re über die Ver­läss­lich­keit der Daten, die Gül­tig­keit der ver­wen­de­ten Indi­ka­to­ren, die Kri­te­ri­en, die in die Sys­te­me ein­flie­ßen, die Gewich­te, mit denen die Kri­te­ri­en ein­flie­ßen, die Schwel­len­wer­te für bestimm­te Ratings und die Sank­tio­nen bei gewis­sen Schwel­len­wer­ten.91

In west­li­chen Medi­en wird aus­schließ­lich über die restrik­tivs­te Ver­si­on des Sozi­al­kre­dit­sys­tems berich­tet und zwar die in der nord­öst­li­chen Hafen­stadt Rong­cheng. Es wird fälsch­lich der Ein­druck erweckt, als gäl­te die­ses Sys­tem schon im gan­zen Land:

Rong­cheng City Credit gewährt jedem Bür­ger einen Anfangs­punk­te­stand von 1.000 Punk­ten. Bei nicht recht­mä­ßi­gem Ver­hal­ten wer­den Punk­te abge­zo­gen, durch die Unter­stüt­zung von Mit­men­schen und Gesell­schaft kön­nen Plus­punk­te gesam­melt wer­den. Auf Basis des Punk­te­stan­des wird jeder Bür­ger in sechs Stu­fen ein­ge­teilt. Ban­ken, Ver­mie­ter, Ein­kaufs­platt­for­men, Rei­se­ver­an­stal­ter und Flug­ge­sell­schaf­ten haben Ein­sicht in die­se Bewer­tung. Ein vor­teil­haf­ter Punk­te­stand beschleu­nigt die Beför­de­rung, ver­ein­facht den Zugang zur Par­tei, bringt Vor­tei­le bei der Kre­dit­ver­ga­be oder bei Visa­an­ge­le­gen­hei­ten.92

Sowohl inter­na­tio­na­le wie auch chi­ne­si­sche Stu­di­en bele­gen, dass ein Groß­teil der chi­ne­si­schen Bevöl­ke­rung Sozi­al­kre­dit­sys­te­me begrüßt. Laut einer Stu­die der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin befür­wor­ten sogar 80 Pro­zent der chi­ne­si­schen Inter­net­nut­zer das Sozialkreditsystem.

Kri­tik kommt fast aus­schließ­lich aus dem Wes­ten. Von bedroh­li­chen Zustän­den wird berich­tet, unter ande­rem von Chi­nas »Weg zur tota­len Über­wa­chung« (Tages­schau), einer ange­hen­den »digi­ta­len Dik­ta­tur« (Die Welt), oder dem wahr gewor­de­nen »Orwell‘schen Über­wa­chungs-Alb­traum« (Washing­ton Post).93

Es ist anzu­neh­men, dass das Sozi­al­kre­dit­sys­tem tat­säch­lich dem ange­ge­be­nen Zweck dient, also ins­be­son­de­re Kor­rup­ti­on, Kre­dit­be­trug und betrü­ge­ri­sche Geschäfts­prak­ti­ken zurück­drän­gen soll. An die Nor­mal­be­völ­ke­rung rich­te­te sich das Sys­tem ursprüng­lich nur sekun­där. Es ist aber nicht zu über­se­hen, dass hier nur an Sym­pto­men her­um­ge­dok­tert wird. Wer den Kapi­ta­lis­mus ein­führt, braucht sich über das Auf­kom­men einer kapi­ta­lis­ti­schen Men­ta­li­tät nicht zu wundern.

Es ist auch nicht erstaun­lich, dass dies in den 00er Jah­ren zu einer völ­li­gen Demo­ra­li­sie­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei führ­te. Die KPCh war ein Bund, der sich für das erha­bens­te Ziel ein­setz­te, das nur denk­bar ist: Eine Welt ohne Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung ein­her­ge­hend mit sozia­ler Sicher­heit, einer hoch­ent­wi­ckel­ten mate­ri­el­len Kul­tur und einem Über­fluss an Kon­sum­gü­tern, kurz: den Kom­mu­nis­mus. Dafür waren die Par­tei­mit­glie­der zu gro­ßen Opfern bereit und tat­säch­lich sind Mil­lio­nen Men­schen gestor­ben, bis die KPCh ihre kapi­ta­lis­ti­schen Geg­ner nie­der­wer­fen konn­te, wie Mao zu Recht bemerk­te. Man kann nicht ein­fach die­ses Ziel negie­ren und statt des­sen den Par­tei­mit­glie­dern befeh­len, jetzt auf ein­mal den Kapi­ta­lis­mus in sei­ner bru­tals­ten Form ein­zu­füh­ren, ohne dass dies zu einer gro­ßen Demo­ra­li­sie­rung füh­ren würde.

Lei­der konn­ten eini­ge Kom­mu­nen der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen, das Sozi­al­kre­dit­sys­tem zur Ver­hal­tens­kor­rek­tur auch von nor­ma­len Men­schen ein­zu­set­zen, was dann zu der aus­ufern­den Hetz­kam­pa­gne im Wes­ten bei­trug. Ob das Sys­tem jemals flä­chen­de­ckend ein­ge­setzt wird und wenn ja, in wel­cher Aus­ge­stal­tung, ist noch völ­lig offen. Es ist plau­si­bel, dass es nicht pri­mär der Über­wa­chung der Bevöl­ke­rung dient. Denn solan­ge der Lebens­stan­dard wei­ter stark ansteigt, hat die Regie­rung nicht viel zu befürch­ten. Ande­rer­seits erwar­tet die Bevöl­ke­rung sehr wohl, dass Kor­rup­ti­on und Betrug ener­gisch bekämpft wer­den. Die­sem Zweck soll das Sozi­al­punk­te­sys­tem die­nen. Ob es die Hoff­nun­gen erfül­len kann – gesetzt den Fall, es wird ein­ge­führt – ist nicht klar.

Leg­ten die west­li­chen Medi­en im Zeit­al­ter des Neo­li­be­ra­lis­mus in Chi­na (1989 bis 2008) den Schwer­punkt ihrer Bericht­erstat­tung auf Aus­beu­tung, mie­se Arbeits­be­din­gun­gen und nied­ri­ge Löh­ne, so sind der­ar­ti­ge sozi­al­po­li­ti­sche The­men nahe­zu voll­stän­dig aus deren Bericht­erstat­tung über Chi­na ver­schwun­den. Das ist immer­hin eine impli­zi­te Aner­ken­nung der beträcht­li­chen sozio­ö­ko­mi­schen Fortschritte.

Wie schon im ers­ten Kal­ten Krieg (1945 – 1989) domi­nie­ren nun Men­schen­rechts­fra­gen im wei­tes­ten Sin­ne die Bericht­erstat­tung des Wes­tens. Chi­na wird als eine absto­ßen­de, blut­rüns­ti­ge High-Tech-Dik­ta­tur por­trä­tiert. Dass dies bis­her funk­tio­niert, mag auch dar­an lie­gen, dass trotz aller Fort­schrit­te der durch­schnitt­li­che Lebens­stan­dard der Men­schen in Chi­na noch nied­ri­ger ist als der im Wes­ten. Absto­ßend wirkt wohl auch der beträcht­li­che Reich­tum eini­ger chi­ne­si­scher Kapi­ta­lis­ten. Offen­bar kann eine nur etwas huma­ne­re Form des Kapi­ta­lis­mus, wie sie in Chi­na prak­ti­ziert wird, die Phan­ta­sie der Men­schen bis­her nicht beflügeln.

Verweise

1 Vgl. Fred Schmid: Chi­na – Kri­se als Chan­ce?, isw-Report 83/84, 2010, S. 3.

2 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 5.

3 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 6.

4 »Kauf­kraft­pa­ri­tät zwi­schen zwei geo­gra­phi­schen Räu­men im sel­ben Wäh­rungs­raum liegt dann vor, wenn Waren und Dienst­leis­tun­gen eines Waren­kor­bes für gleich hohe Geld­be­trä­ge erwor­ben wer­den kön­nen.« Vgl. Wiki­pe­diaar­ti­kel Kauf­kraft­pa­ri­tät, im Inter­net: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufkraftparit%C3%A4t

5 Fred Schmid: Chi­na im glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, in: Kri­se des Glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, isw-Report 109, Juli 2017, S. 41.

6 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 22.

7 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 3.

9 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 34.

10 Fred Schmid: Trumps Wirt­schafts­krieg gegen Chi­na, in: Glo­ba­ler Wirt­schafts­krieg, isw-Report 115, Dezem­ber 2018, S. 28.

11 Vgl. Schmid 2017 a.a.O., S. 41.

12 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 42.

13 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 42.

14 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 42.

15 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 48.

16 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 14.

17 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 15.

18 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 28, Wolf­ram Els­ner: Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert, Frank­furt am Main 2020, S. 175.

19 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 15.

20 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 28.

21 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 46.

22 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 46.

23 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 26.

24 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 15.

25 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 25.

26 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 25.

27 Els­ner 2020, a.a.O., S. 177.

28 Dar­un­ter ver­steht man Per­so­nen, die mit weni­ger als einem Dol­lar pro Tag aus­kom­men müssen.

29 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 19.

30 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 49.

31 Wer­ner Rüge­ner: Die Kapi­ta­lis­ten des 21. Jahr­hun­derts, S. 277, zitiert nach Schmid 2017, a.a.O., S. 28.

32 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 34.

33 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 24.

34 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 24.

35 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 18.

36 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 49.

37 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 18.

38 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 49

39 Els­ner 2020, a.a.O., S. 169.

40 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 24

41 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 24

42 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 46.

43 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 24.

44 Els­ner 2020, a.a.O., S. 190.

45 Els­ner 2020, a.a.O., S. 299.

46 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 31.

47 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 31.

48 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 42.

49 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 48.

50 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 29.

51 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 29.

52 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 50.

53 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 50.

54 MINT = Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaft und Technik.

55 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 43.

56 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 43.

57 Vgl. Els­ner 2020, a.a.O., S. 282

58 Vgl. Els­ner 2020, a.a.O., S. 282

59 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 30.

60 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 32.

61 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 30.

62 Hei­se News: Halb­lei­ter­fer­ti­gung: TSMC hat eine Mil­li­ar­de 7‑N­a­no­me­ter-Chips pro­du­ziert, 21.08.2020, im Inter­net: https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​H​a​l​b​l​e​i​t​e​r​f​e​r​t​i​g​u​n​g​-​T​S​M​C​-​h​a​t​-​1​-​M​i​l​l​i​a​r​d​e​-​7​-​N​a​n​o​m​e​t​e​r​-​C​h​i​p​s​-​p​r​o​d​u​z​i​e​r​t​-​4​8​7​5​5​7​2​.​h​tml, Hei­se News: Chi­ne­si­scher Chip­her­stel­ler HSMC schließt end­gül­tig, 01.03.2021, im Inter­net:https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​C​h​i​n​e​s​i​s​c​h​e​r​-​C​h​i​p​h​e​r​s​t​e​l​l​e​r​-​H​S​M​C​-​s​c​h​l​i​e​s​s​t​-​e​n​d​g​u​e​l​t​i​g​-​5​0​6​7​5​5​1​.​h​tml, Hei­se News: Chip­auf­trags­fer­ti­ger im Gold­rausch: Mil­li­ar­den­plus bei Halb­lei­ter­her­stel­lern , 14.03.2022, https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​M​i​l​l​i​a​r​d​e​n​p​l​u​s​-​b​e​i​-​H​a​l​b​l​e​i​t​e​r​h​e​r​s​t​e​l​l​e​r​n​-​C​h​i​p​a​u​f​t​r​a​g​s​f​e​r​t​i​g​u​n​g​-​i​m​-​G​o​l​d​r​a​u​s​c​h​-​6​5​4​9​0​8​5​.​h​tml, Hei­se News: Wie der Wes­ten Russ­land mit Tech-Sank­tio­nen schwä­chen will, 15.03.2022, https://​www​.hei​se​.de/​n​e​w​s​/​W​i​e​-​d​e​r​-​W​e​s​t​e​n​-​R​u​s​s​l​a​n​d​-​m​i​t​-​T​e​c​h​-​S​a​n​k​t​i​o​n​e​n​-​s​c​h​w​a​e​c​h​e​n​-​w​i​l​l​-​6​5​4​0​2​2​7​.​h​tml, Abruf aller Tex­te am 30.03.2022.

63 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 27.

64 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 51.

65 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 52.

66 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 52.

67 Der gegen­wär­tig im Bau befind­li­che drit­te chi­ne­si­sche Flug­zeug­trä­ger könn­te aber elek­tro­ma­gne­ti­sche Kata­pul­te bekommen.

68 Vgl. Schmid 2018, a.a.O., S. 53ff.

70 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 33.

71 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 33.

72 Vgl. Els­ner 2020, S. 288.

73 Els­ner 2020, S. 274.

74 Vgl. Els­ner 2020, S. 275.

75 Vgl. Els­ner 2020, S. 277.

76 Vgl. Els­ner 2020, S. 279ff.

77 Els­ner 2020, S. 278.

78 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 36, Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 34ff.

79 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 36.

80 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 62.

81 Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 35.

82 Vgl. Schmid 2010, a.a.O., S. 60ff, Vgl. Schmid 2017, a.a.O., S. 36.

83 Schmid 2010, a.a.O., S. 61.

84 Vgl. Wal­ter Bückers: Chi­na, Xin­jiang und der Geno­zid, Nach­denk­sei­ten. 06.11.2021, im Inter­net: https://​www​.nach​denk​sei​ten​.de/​?​p​=​7​7​658, abge­ru­fen am 31.03.2022.

85 Bückers 2021, a.a.O.

86 Bückers 2021, a.a.O.

87 Bückers 2021, a.a.O.

88 Bückers 2021, a.a.O.

89 Vgl. Made­lei­ne Genzsch: Sozio-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on durch Sozi­al­punk­te, 2020, im Inter­net: https://www.westendverlag.de/wp-content/uploads/Madeleine-Genzsch_-Sozio-%C3%B6kologische-Transformation-durch-Sozialpunkte.pdf, abge­ru­fen am 31.03.2022, S. 5, Els­ner 2020, S. 221ff.

90 Els­ner 2020, S. 236.

91 Vgl. Els­ner 2020, S. 236.

92 Vgl. Genzsch 2020, S. 5.

93 Vgl. Genzsch 2020, S. 12.

Bild: Plan in der Aus­stel­lungs­hal­le von Shen­zhen: In Vene­dig endet der See­kor­ri­dor, in Rot­ter­dam bzw. Lon­don, Lyon oder Madrid einer der Landkorridore

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