Eine Fata Morgana der Ehrlichkeit – und ihr rasches Ende

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Deutsche Medien im Kriegsmodus

Ich konn­te am Frei­tag­vor­mit­tag mei­nen Augen nicht trau­en. Schwe­re Ver­lus­te der Ukrai­ne als Mel­dung quer durch das Ange­bot. So viel Wahr­haf­tig­keit ist man nicht gewohnt. Aber kurz dar­auf hieß es wie­der, die Rus­sen »ster­ben wie die Fliegen«.

Wirk­lich, es war kei­ne Ein­bil­dung. Ich hät­te nur nicht gedacht, dass man inzwi­schen tat­säch­lich Screen­shots von Goog­le News machen muss. Und dass sich Schlag­zei­len so schnell und so ein­heit­lich ändern.

Am Frei­tag­vor­mit­tag gab es noch ein ver­blüf­fen­des Bild bei den Mel­dun­gen aus der Ukrai­ne: mit Aus­nah­me der Frank­fur­ter Rund­schau titel­ten alle auf Goog­le News ange­zeig­ten Medi­en mit »Hohe Ver­lus­te der Ukrai­ne«. Zwei Stun­den spä­ter hat­te sich das Bild kom­plett gedreht und die Schlag­zei­len lau­te­ten ein­heit­lich »Schwe­re Ver­lus­te für Russland«.

Es gibt vie­le Grün­de für die Ein­heit­lich­keit der deut­schen Medi­en­land­schaft, die nichts mit irgend­wel­chen Vor­ga­ben aus irgend­ei­ner Quel­le zu tun haben. Die Tat­sa­che, dass sich die Jour­na­lis­ten bei den füh­ren­den Medi­en weit­ge­hend aus einer rela­tiv klei­nen Schicht des geho­be­nen Bür­ger­tums rekru­tie­ren, bei­spiels­wei­se. Oder dass es neben den öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten, den leicht ver­klei­de­ten Staats­sen­dern also, nur noch fünf Medi­en­kon­zer­ne gibt, die sich den gesam­ten Markt aus Gedruck­tem und Gesen­de­tem tei­len. Dazu kommt dann noch das Arbeits­recht mit sei­ner Bestim­mung des »Ten­denz­be­triebs«, die bedeu­tet, dass jeder Jour­na­list, der etwas schreibt, das der Mei­nung des Medi­en­be­sit­zers wider­spricht, frist­los ent­las­sen wer­den kann.

Aber sowas? Eine vol­le Kehrt­wen­de in so kur­zer Zeit? Da müs­sen dann doch eini­ge Tele­fo­ne geklin­gelt haben. So, wie womög­lich auch bei Lau­ter­bach und Özde­mir, die heu­te die Ukrai­ne heim­such­ten. Haupt­sa­che, das The­ma steht wie­der auf Posi­ti­on eins bei Heu­te und den Tages­the­men. Und man ver­mel­det brav die Behaup­tun­gen eines »Gou­ver­neurs von Lug­ansk« namens Ale­xej Res­ni­kow, also eines Men­schen, der in der Regi­on, die er angeb­lich regiert, bestimmt nicht mehr anzu­tref­fen ist, weil die längst voll­stän­dig zur Lug­ansker Volks­re­pu­blik gewor­den ist.

Die­ser Herr hat näm­lich Fol­gen­des geäu­ßert, und das fin­det sich ganz folg­sam auch über­all wie­der­ge­ge­ben: »Die Rus­sen haben wesent­lich mehr Ver­lus­te als die Ukrai­ner,« und dann setzt er noch nach, das Ver­hält­nis lie­ge »bei eins zu zehn.« Wirk­lich, alle beten sie das nach. Manch­mal mit dem Nach­satz, das sei unab­hän­gig nicht zu prüfen.

Nein, so eine Aus­sa­ge muss man gar nicht prü­fen. Weil sie voll­stän­di­ger Unfug ist. Sein muss. Wie bit­te soll das gehen? Neh­men wir doch ein­fach Mariu­pol. Die Anga­ben über die Zahl ukrai­ni­scher Trup­pen dort zu Beginn schwan­ken, zwi­schen 15.000 und 20.000; neh­men wir sicher­heits­hal­ber die Unter­gren­ze. Es ist bekannt, dass aus Asow-Stahl sich etwa 2.500 Mann erge­ben haben. Von den ansons­ten bekann­ten wei­te­ren min­des­tens 5.000 ukrai­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen dürf­te ein Teil auch aus den Kämp­fen um Mariu­pol stam­men; sagen wir ein­fach, es sei­en ins­ge­samt 5.000 in Gefan­gen­schaft geraten.

Dann blei­ben gan­ze 10.000 ukrai­ni­sche Sol­da­ten übrig, die aber auf­grund der Ein­krei­sung nicht in irgend­wel­chen Kli­ni­ken ver­schwun­den sein dürf­ten, die wären ja dann jetzt in Gefan­gen­schaft. Die­se 10.000 haben also die Kämp­fe nicht überlebt.

Wür­de die Aus­sa­ge die­ses »Gou­ver­neurs von Lug­ansk« stim­men, ent­sprä­chen dem rus­si­sche Ver­lus­te von – ja – 100.000. In und um Mariu­pol. Wirk­lich? Ernst­haft? Das wären zwei Drit­tel der ursprüng­lich in Bewe­gung ver­setz­ten Trup­pen. Die sich bekannt­lich über eine weit grö­ße­re Flä­che ver­teil­ten als nur Mariupol.

Die Schlag­zei­len des Vor­mit­tags stam­men übri­gens auch aus ukrai­ni­scher Quel­le. Der dor­ti­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Res­ni­kow hat­te auf Face­book geschrie­ben, täg­lich wür­den bis zu hun­dert ukrai­ni­sche Sol­da­ten getö­tet, und der Prä­si­den­ten­be­ra­ter Podol­jak hat­te sogar auf 200 erhöht. Aber die Über­schrift, die wird den­noch aus den Fan­ta­sien des »Gou­ver­neurs von Lug­ansk« gebil­det. Dabei ist es ganz egal, wel­che der bei­den Geschich­ten zuerst als Mel­dung auf­tauch­te – in den Über­schrif­ten ste­hen jetzt nur noch rus­si­sche Verluste…

An ganz ande­ren Orten, in der wich­tigs­ten außen­po­li­ti­schen Denk­fa­brik der USA, dem Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons, las­sen sich Aus­sa­gen fin­den, die deut­lich mehr Wahr­heits­ge­halt haben als die Geschich­ten jenes ver­trie­be­nen Lug­anskers. Dort äußer­te sich Ende Mai der ehe­ma­li­ge stell­ver­tre­ten­de Kom­man­deur von EUCOM (des euro­päi­schen Kom­man­dos der US-Armee), Ste­phen M. Twit­ty, recht deut­lich über die Lage in der Ukraine:

Und gera­de jetzt, wenn man auf die Ukrai­ne schaut und auf Russ­land schaut, da ist es etwa eins zu eins. Der ein­zi­ge Unter­schied ist, dass Russ­land eine gan­ze Men­ge mehr Kampf­kraft hat als die Ukrai­ner. Also gibt es kei­nen Weg, dass die Ukrai­ner jemals die Rus­sen zer­stö­ren oder besie­gen können.

Er lie­fer­te sogar eine pas­sen­de Ant­wort auf das Schlag­zei­len­thea­ter des heu­ti­gen Morgens:

Ich möch­te Sie auch dar­an erin­nern, dass wir viel über rus­si­sche Gefal­le­ne und rus­si­sche Ver­lus­te hören. Wir hören sehr wenig über ukrai­ni­sche Ver­lus­te, und den­ken Sie dar­an, sie ver­lie­ren in die­sem Krieg eben­falls Sol­da­ten. Sie haben mit etwa zwei­hun­dert­tau­send ange­fan­gen. Wer weiß, wo sie heu­te sind?

Twit­ty ist auch des­halb inter­es­sant, weil er ein völ­li­ges Feh­len jeder Diplo­ma­tie beklagt und, unter Wahr­neh­mung des­sen, dass die meis­ten west­li­chen Spre­cher in Russ­land ohne­hin nicht mehr ernst genom­men wer­den, dann über­legt, ob nicht doch durch Ver­mitt­lung der Tür­kei, Ungarns oder Chi­nas wie­der so etwas wie Diplo­ma­tie mög­lich sei… Auch das ein deut­schen Medi­en frem­der Gedanke.

Die Mär­chen­stun­den des Herrn Res­ni­kow sind in Deutsch­land auf jeden Fall belieb­ter. Die FAZ zitiert ihn noch mit »Sie ster­ben wie die Flie­gen.« Das rus­si­sche Mili­tär. Der Satz ist sehr popu­lär, auch der Tages­spie­gel über­nimmt ihn. Haupt­sa­che, die­ser Aus­rut­scher mit den ukrai­ni­schen Ver­lus­ten wird mög­lichst schnell wie­der aus dem Gedächt­nis gelöscht.

Dag­mar Henn ist Mit­glied des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org die­ser Bei­trag, Erst­ver­öf­fent­li­chung am 11.06.2022 auf RT DE, über­nom­men wurde.

Bild: Sym­bol­bild (Pixabay)

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