Tendenz der Faschisierung – vorbereitende Etappe – Faschismus an der Macht?

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Vorbemerkungen für eine Diskussion der antifaschistischen Strategie

Vor­trag von Klaus Lin­der, gehal­ten bei der Run­de »Ber­li­ner Frei­den­ker im Gespräch« am 14. Juni 2022, hier als Video.

I. Zangenangriff

Der Faschis­mus hat eine hun­dert­jäh­ri­ge Geschich­te, des­halb soll­ten eini­ge Begrif­fe wie­der bese­hen wer­den. Da sich mit der Ent­wick­lung des Faschis­mus auch der Anti­fa­schis­mus nur schritt­wei­se, über Feh­ler und Kor­rek­tu­ren ent­wi­ckel­te, und da die­sen Leh­ren das gro­ße Can­cel Cul­tu­re unse­rer Geg­ner droht, wenn wir sie nicht ver­brei­ten, gehe ich in die Ver­gan­gen­heit und erlau­be mir dabei immer wie­der den Schwenk in das Heute.

Zunächst zur Gegen­wart. Der deut­sche und der ukrai­ni­sche Faschis­mus, die aber­mals in gemein­sa­mer Kriegs­front gegen Russ­land ste­hen, schei­nen durch eine Art kom­mu­ni­zie­ren­der Röh­ren ver­bun­den. Sämt­li­che Haken­kreu­ze, die in West­deutsch­land jahr­zehn­te­lang unsicht­bar gemacht wur­den, um schließ­lich die Bom­bar­die­rung Bel­grads als anti­fa­schis­ti­schen Akt zu ver­kau­fen, schei­nen u.a. in den Kata­kom­ben von Asow­s­tal in einer Art mons­trö­ser Fetisch­par­ty kon­zen­triert wie­der auf­ge­taucht zu sein. Ihre Trä­ger wer­den dort durch die rus­si­schen Anti­fa­schis­ten unschäd­lich gemacht; wo das nicht geschieht, ist mit ihrem Re-Import ins West­reich zu rech­nen, mit­samt gespen­de­ter Waf­fen. Sie wer­den in einem EU-Schla­ger­wett­be­werb bewor­ben, der in den Jah­ren zuvor merk­lich zur Mobi­li­sie­rung der Schwu­len­sze­ne »gegen Putin« unter den Zei­chen des liber­tär-kos­mo­po­li­ti­schen EU-Impe­ria­lis­mus instru­men­ta­li­siert wur­de. Das Vor­spiel ließ ahnen, dass unter der kos­mo­po­li­ti­schen Mas­ke eines Tages der nack­te Chau­vi­nis­mus her­vor­kom­men würde.

Den Vor­be­rei­tern und Auf­rich­tern des Faschis­mus in den Staa­ten und Staa­ten­bünd­nis­sen »des Wes­tens« ist es egal, mit wel­chen Emble­men ihre Offen­si­ve die Gesell­schaf­ten durch­dringt. Mal kön­nen es Haken­kreu­ze, Toten­köp­fe und Schwar­ze Son­nen sein, woan­ders lie­ber Ein­hör­ner und Regen­bö­gen, am liebs­ten: alles »bunt« gemischt. Das Bild des ideo­lo­gi­schen Zan­gen­an­griffs wird erst voll­stän­dig, wenn unter den schwar­zen Son­nen die grü­nen Son­nen­blu­men ste­hen. Wer in Deutsch­land einen anschwel­len­den Strom der Faschi­sie­rung in den letz­ten Jah­ren unter dem Drei­klang Kli­ma-Coro­na-Ukrai­ne gewahr­te, sieht seit Febru­ar wie das auch wie­der unter alt­be­kann­ten Zei­chen erscheint, als deren sozu­sa­gen jugend­frei­er Platz­hal­ter hier die blau-gel­be Fah­ne fun­giert. Dabei war in der Ukrai­ne seit 2014 alles sicht­bar. Aber ein pop­kul­tu­rel­les Medi­en-Sys­tem sorgt dafür, dass zwi­schen schein­bar gegen­sätz­li­chen Zei­chen und Codes mühe­los um-codiert und wie­der zurück-codiert wer­den kann. Das geht ganz ein­fach – durch den Kunst­griff der Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik. Der Nazi-Ver­bre­cher Ban­de­ra ist z.B. in der Regi­on Kalusch gebo­ren, sein Vor­na­me war Ste­pan (Ste­fan). Also nennt man eine faschis­ti­sche Staats­com­bo »Kalusch«, lässt sie ihr Lied »Ste­fa­nia« beti­teln und sie im Büh­nen­licht des Euro­pean Song Con­test, schumm­rig, aber ein­deu­tig, die Arme zum Hit­ler­gruß für die Nazi-Kämp­fer an der NATO-Front erhe­ben. Es ist genau die­ser mehr­deu­tig-ein­deu­ti­ge Nebel der Beleuch­tungs­tech­nik, es ist nicht der Hit­ler­gruß für sich genom­men, der der heu­ti­gen Erschei­nungs­wei­se von Faschi­sie­rung unter der Regie von NATO und EU ihr prä­zi­ses Gesicht ver­leiht. Wir wer­den die­se kul­tu­rel­len Umco­die­run­gen und das stets kom­bi­nier­te, sowohl »liber­tä­re« als auch »tra­di­tio­nell-faschis­ti­sche« Auf­tre­ten im Auge haben müs­sen, um nicht dem Ein­druck auf den Leim zu gehen, dass die Trieb­kräf­te des Faschis­mus nur dort aus­zu­ma­chen sei­en, wo die ein­schlä­gi­gen Täto­wie­run­gen wie­der auf­tau­chen. Wer als deut­scher Anti­fa­schist nur die Haken­kreu­ze und schwar­zen Son­nen doku­men­tiert, über­trägt die Feh­ler des hie­si­gen soge­nann­ten »Kampf gegen Rechts« sogar noch auf die Ukrai­ne, da er damit im Ukro-Faschis­mus nicht der Erschei­nungs­wei­se und dem Wesen des NATO-Faschis­mus gerecht wird, der die Macht über die­sen Faschis­mus hält und auf ande­re Län­der über­trag­bar ist, wenn er dort nicht recht­zei­tig erkannt wird. Denn der Faschis­mus ist kein Zei­chen­sys­tem, er ist ein Herrschaftsverhältnis.

Kurz nach Beginn der mili­tä­ri­schen Son­der­ope­ra­ti­on schrieb ein Jour­na­list: »Die De-Nazi­fi­zie­rung der Ukrai­ne bringt die Re-Nazi­fi­zie­rung Deutsch­lands«. Da ist Wah­res dran. Nur ist auch hier die Wahr­neh­mung vom Kopf auf die Füße zu stel­len: das zen­tra­le Ereig­nis, der Brenn­punkt ihrer Bestre­bun­gen und Tri­um­phe, war für die Re-Nazi­fi­zie­rung Deutsch­lands die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on 1989 – 90 und die Liqui­die­rung der DDR mit­samt ihrem theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Anti­fa­schis­mus. Wer hier­zu­lan­de erst die Ukrai­ne bräuch­te, um die Ren­azi­fi­zie­rung Deutsch­lands zu bemer­ken, hat sein eige­nes natio­na­les Dra­ma nicht ver­stan­den. Aber schlim­mer: Gera­de »von links« schei­nen vie­le es selbst anhand der Ukrai­ne und des ver­ord­ne­ten blau-gel­ben Rau­sches immer noch nicht zu verstehen.

Ich möch­te ermun­tern, auf­zu­hö­ren, wenn von Faschis­mus die Rede ist, immer nur auf die Erschei­nun­gen, die Ideo­lo­gie und die Metho­den des Hit­ler­fa­schis­mus zu star­ren und dar­auf zu war­ten, hin­ter wel­cher Stra­ßen­ecke er genau im sel­ben Kos­tüm wie­der her­vor­kom­men könn­te. Das genau kenn­zeich­net die bür­ger­li­che Faschis­mus­theo­rie der BRD. Man behaup­tet, der Faschis­mus sei eine Ideo­lo­gie und fin­det dann Über­res­te angeb­lich zeit­los fixier­ter »Ideo­lo­gie-Ver­satz­stü­cke«, die man für faschis­ti­sche Inva­ri­an­ten erklärt. Auf die­se Wei­se ver­legt man den Faschis­mus in das Bewußt­sein belie­big zusam­men­ge­wür­fel­ter gesell­schaft­li­cher Grup­pen oder Indi­vi­du­en. Weil sie unbe­stimmt und unwis­sen­schaft­lich ist und des­halb Popan­ze errich­tet, kann die­se Metho­de im Zuge der Faschi­sie­rung sel­ber dazu ein­ge­setzt wer­den, als Reso­nanz­ver­stär­ker für den inne­ren Feind­bild­auf­bau zu wir­ken, ob das nun gera­de »Coro­nal­eug­ner«, »Kli­ma­l­eug­ner«, »Impf­ver­wei­ge­rer«, »Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen«, angeb­li­che »auto­ri­tä­re Cha­rak­te­re«, Befür­wor­ter natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät, Rus­sen oder Rus­sen­freun­de oder Geg­ner des NATO-Krie­ges sind. Um die Sache jeder­zeit auch gegen Kom­mu­nis­ten, ihre Orga­ni­sa­tio­nen und Staa­ten wen­den zu kön­nen, hat man als Zwi­schen­bo­den nach 1945 die soge­nann­te Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie eingezogen.

Der bür­ger­li­che »Anti­fa­schis­mus« ist sub­jek­tiv-idea­lis­tisch. Er glaubt, das Sein des Faschis­mus ent­sprin­ge aus dem Bewußt­sein irgend­wel­cher Grup­pen oder Indi­vi­du­en, deren Denk­hal­tun­gen zuvor als die faschis­ti­schen defi­niert wer­den. Das sind aber weit­ge­hend die­je­ni­gen, die sei­ne Opfer sind.

Seit sich die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on, dem Hil­fe­ruf der Volks­re­pu­bli­ken fol­gend, zu einer anti­fa­schis­ti­schen Ope­ra­ti­on his­to­ri­schen Maß­stabs gegen die neu­en Her­ren­men­schen ent­schied, fal­len im Wes­ten die Mas­ken, die Erschei­nun­gen pas­sen sich dem Wesen an. Über die­ses Wesen müs­sen wir also reden. So sehr der Hit­ler-Faschis­mus sich her­vor­tat: Wir müs­sen Faschis­mus zunächst als Gat­tungs­be­griff ver­ste­hen, um fest­zu­stel­len, was den Spiel­ar­ten gemein­sam ist. Auch der deut­sche Faschis­mus des XX. Jahr­hun­derts ist nur eine Spe­zi­es neben ande­ren. Zwei­tens: Er war nur eine Etap­pe einer bemer­kens­wert kon­stan­ten Pro­gram­ma­tik der impe­ria­lis­ti­schen Groß­bour­geoi­sie. Und: Wir wür­den am Ende nichts Brauch­ba­res über Faschi­sie­rung und Faschis­mus in Deutsch­land und in der Ukrai­ne sagen kön­nen, wenn wir dann nicht das gesam­te Bild ent­hül­len, mit der ent­schei­den­den Rol­le der USA und der NATO und ihrem Sub-Unter­neh­men EU.

II. Dimitroff

Ich set­ze nun da ein, wo die Faschis­mus­ana­ly­se der kon­se­quen­tes­ten Anti­fa­schis­ten klas­si­sche Rei­fe erlang­te und eine wirk­sa­me anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie for­mu­lier­te: mit dem VII. Welt­kon­greß der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, der im Jahr 1935 in Mos­kau stattfand.

Der Vor­trag von Geor­gi Dimitroff dort trug den Titel: »Die Offen­si­ve des Faschis­mus und die Auf­ga­ben der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le im Kampf für die Ein­heit der Arbei­ter­klas­se gegen den Faschismus«.

Zuerst weist Dimitroff dar­auf­hin, dass die KI schon zu Beginn der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­kri­se fest­stell­te, »daß faschis­ti­sche Ten­den­zen und Kei­me einer faschis­ti­schen Bewe­gung fast über­all zu fin­den sind.« (1)

Dann beant­wor­tet er die Fra­ge: »Wozu brau­chen sie den Faschis­mus?« anhand drei­er Punkte.

Ers­tens: »Die impe­ria­lis­ti­schen Krei­se suchen die gan­ze Last der Kri­se auf die Schul­tern der Werk­tä­ti­gen abzu­wäl­zen. Dazu brau­chen sie den Faschis­mus.« (2)

Zwei­tens und drit­tens: »Sie wol­len das Pro­blem der Märk­te durch Ver­skla­vung der schwa­chen Völ­ker, durch Stei­ge­rung der kolo­nia­len Unter­drü­ckung und durch eine Neu­auf­tei­lung der Welt auf dem Wege des Krie­ges lösen. Dazu brau­chen sie den Faschis­mus.« (3)

Faschis­mus bedeu­tet Krieg.

Die­se drei Sei­ten soll­ten wir gegen­wär­tig haben, wenn wir uns heu­te umschau­en, wer die Kräf­te sind, die am meis­ten am Faschis­mus inter­es­siert, sei­ne Urhe­ber sind. Sie wer­den fol­gen­des ziel­stre­big betrei­ben: Ers­tens die eige­ne unge­heu­re Berei­che­rung durch radi­ka­le Abwäl­zung der Las­ten der ver­hee­ren­den Wirt­schafts­kri­se auf brei­tes­te Schich­ten der Werk­tä­ti­gen, d.h.: die gesam­te Arbei­ter­klas­se, sowie Bau­ern, Gewer­be­trei­ben­de, Mit­tel­schich­ten, auch klei­ne­re Unter­neh­mer, die durch die wei­te­re Mono­pol­bil­dung aus­ge­kämmt wer­den. Zwei­tens: Ihre außen­po­li­ti­schen Zie­le sind for­cier­te Unter­drü­ckung, wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Schä­di­gung sowie Aus­plün­de­rung schwä­che­rer Län­der aller Kon­ti­nen­te – also Kolo­nia­lis­mus im umfas­sen­den Sin­ne. Und drit­tens: Der Faschis­mus ist, im Zuge der impe­ria­lis­ti­schen Auf­tei­lung der Welt, und zugleich des Nie­der­hal­tens der inter­na­tio­na­len Gegen­kräf­te, untrenn­bar mit der Kriegs­po­li­tik und den mili­tä­ri­schen Expan­si­ons­zie­len der herr­schen­den Klas­se ver­bun­den, denen die gesam­te Volks­wirt­schaft unter­ge­ord­net wird.

Wir müs­sen also heu­te nicht lan­ge suchen, um fest­zu­stel­len, dass die­se Krei­se bereits in einer Art Syn­di­kat von Par­tei­en, Medi­en und soge­nann­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bewe­gun­gen in Deutsch­land regie­ren, an den supra­na­tio­na­len Instru­men­ten und Bünd­nis­sen von EU und NATO, G7 und ande­ren teil­ha­ben und zumal mit den GRÜ­NEN den direk­tes­ten, unter­wür­figs­ten Arm der USA in die deut­sche Regie­rung scho­ben, der sich durch kei­ner­lei Inter­es­sens­un­ter­schied zu den trans­at­lan­ti­schen kom­man­die­ren­den Krei­sen mehr aus­zeich­net, kei­ne natio­na­len Rück­sich­ten in irgend­ei­ner lebens­wich­ti­gen Fra­ge ach­tet, seit lan­gem mit kei­nem Wider­spruch durch eine rea­le Par­tei­ba­sis zu rech­nen hät­te, aber statt­dess­sen über gut gesteu­er­te »außer­par­la­men­ta­ri­sche« Boden­trup­pen und Influ­en­cer ver­fügt, die zu wich­ti­gen Anläs­sen in Form von sozi­al­re­ak­tio­nä­ren Pseu­do­pro­tes­ten auf der Stra­ße, wie etwa soge­nann­ten Kli­ma­st­reiks zur Aus­plün­de­rung der Werk­tä­ti­gen durch soge­nann­te CO2-Abga­ben, in Bewe­gung gesetzt wer­den und dafür noch pseu­do-anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Applaus ern­ten. Aller­dings erfül­len die Grü­nen die­se Auf­ga­be im Par­tei­en­kon­zert bis heu­te nur als Speer­spit­ze für Faschi­sie­rung und Kriegs­po­li­tik. Das bedeu­tet noch nicht, dass die Bour­geoi­sie die eini­gen­de Kraft hät­te, sie zu einer Zen­tral­ge­walt der Faschi­sie­rung aus­zu­bau­en, zumal die Aus­sich­ten auf Erwei­te­rung ihrer an die obe­ren Mit­tel­schich­ten gebun­de­nen Mas­sen­ba­sis offen­kun­dig begrenzt sind. Ich gebe damit nicht Ent­war­nung. Denn eine zen­tra­le Fra­ge wird sein, ob bei der mög­li­chen Vor­be­rei­tung des Faschis­mus unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen der natio­na­len Mas­sen­ba­sis über­haupt noch die ent­schei­den­de Rol­le zukommt.

Nun gibt es einen vier­ten Punkt bei Dimitroff, der für die anti­fa­schis­ti­sche Volks­front­stra­te­gie bedeut­sam ist: Die Bour­geoi­sie greift zum Faschis­mus aus dem Unver­mö­gen, wei­ter mit den Metho­den des Par­la­men­ta­ris­mus und der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu herr­schen und die Arbei­ter­klas­se nie­der­zu­hal­ten. Sie ist genö­tigt, zur Kriegs­po­li­tik zu grei­fen, da sie auf dem Boden einer fried­li­chen Außen­po­li­tik kei­nen Aus­weg aus ihrer Lage mehr findet.

Der Faschis­mus ist also nicht nur ein Aus­druck von Stär­ke der Bour­geoi­sie – was Dimitroff sagen ließ:

Er ist eine grau­sa­me, aber kei­ne fes­te Macht« – , aber er ist die äußers­te Kon­se­quenz des dem Impe­ria­lis­mus inne­woh­nen­den Drangs nach Gewalt, und das meint auch die Aus­schal­tung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie. Des­halb ist für eine anti­fa­schis­ti­sche Akti­ons­ein­heit die dama­li­ge Ori­en­tie­rung von Wil­helm Pieck grund­le­gend: »Solan­ge wir nicht die bür­ger­li­che Demo­kra­tie durch die pro­le­ta­ri­sche Demo­kra­tie, durch die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats erset­zen kön­nen, ist das Pro­le­ta­ri­at an jedem Fet­zen bür­ger­li­cher Demo­kra­tie inter­es­siert (…). (4)

Im sel­ben Geis­te Piecks, und dem der KPD, sag­te 1949 Max Rei­mann vor dem Par­la­men­ta­ri­schen Rat, im his­to­ri­schen Moment der Beschlie­ßung des von den West­mäch­ten auf­ge­drun­ge­nen und nicht vom Vol­ke ver­ab­schie­de­ten Grundgesetzes:

Die Gesetz­ge­ber aber wer­den im Ver­lauf ihrer volks­feind­li­chen Poli­tik ihr eige­nes Gesetz bre­chen. Wir Kom­mu­nis­ten aber wer­den die im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten weni­gen demo­kra­ti­schen Rech­te gegen die Ver­fas­ser des Grund­ge­set­zes ver­tei­di­gen. (5)

Das sag­te Rei­mann in Begrün­dung der Ableh­nung die­ses Grund­ge­set­zes des west­deut­schen Sepa­rat­staa­tes für die KPD. Er sag­te: Wir wer­den die weni­gen demo­kra­ti­schen Rech­te ver­tei­di­gen. Er sag­te nicht, wie oft behaup­tet wird: Wir wer­den die­ses Grund­ge­setz ver­tei­di­gen. Das wäre auch heu­te kei­ne rich­ti­ge Losung für die anti­fa­schis­ti­sche Akti­ons­ein­heit, son­dern wür­de sie oppor­tu­nis­tisch behin­dern. Was aber hin­ge­gen die Ver­tei­di­gung von »jedem Fet­zen bür­ger­li­cher Demo­kra­tie« und der im GG »ver­an­ker­ten weni­gen demo­kra­ti­schen Rech­te« betrifft: so liegt hier ein Kern anti­fa­schis­ti­scher Stra­te­gie vor. Mar­xis­ten in Deutsch­land wer­den sich z. B. fra­gen las­sen müs­sen, wie sie es mit der Ver­tei­di­gung die­ser weni­gen demo­kra­ti­schen Rech­te etwa ange­sichts einer vor­be­rei­ten­den reak­tio­nä­ren Maß­nah­me wie dem »3. Infek­ti­ons­schutz­ge­setz« gehal­ten haben, bis hin zur Ter­ro­ri­sie­rung der Werk­tä­ti­gen durch die soge­nann­te Impf­pflicht und ‑nöti­gung.

Nun könn­te man ein­wen­den: Was du beschreibst – machen das nicht die Kapi­ta­lis­ten sowie­so? Brau­chen wir da den Spe­zi­al­be­griff »Faschis­mus«?

Ant­wort: Ja, wir brau­chen ihn. Die Ten­denz des Impe­ria­lis­mus zur reak­tio­nä­ren Umge­stal­tung bis Ver­nich­tung aller demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen ist ein Pro­zeß, der im Faschis­mus in eine neue Regie­rungs­form umschlägt; es ist kein blo­ßer Regie­rungs­wech­sel, son­dern ein Wech­sel der Staats­form der Klas­sen­herr­schaft der Bour­geoi­sie. Das ist der Faschis­mus an der Macht.

Uns fehlt also noch eine Defi­ni­ti­on, die die spe­zi­fi­sche Dif­fe­renz des Faschis­mus ent­hält. Es ist die damals eben­falls von Dimitroff vorgetragene:

Der Faschis­mus an der Macht, Genos­sen, ist … die offe­ne ter­ro­ris­ti­sche Dik­ta­tur der reak­tio­närs­ten, am meis­ten chau­vi­nis­ti­schen, am meis­ten impe­ria­lis­ti­schen Ele­men­te des Finanz­ka­pi­tals. (6)

Dem ist aber gleich Dimitroffs Aus­füh­rung an die Sei­te zu stellen,

daß vor der Errich­tung der faschis­ti­schen Dik­ta­tur die bür­ger­li­chen Regie­run­gen in der Regel ver­schie­de­ne Etap­pen durch­lau­fen und eine Rei­he reak­tio­nä­rer Maß­nah­men durch­füh­ren, die den Macht­an­tritt des Faschis­mus vor­be­rei­ten und unmit­tel­bar för­dern. Wer in die­sen Vor­be­rei­tungs­etap­pen nicht gegen die reak­tio­nä­ren Maß­nah­men der Bour­geoi­sie und gegen den anwach­sen­den Faschis­mus kämpft, der ist nicht imstan­de, den Sieg des Faschis­mus zu ver­hin­dern, der för­dert ihn viel­mehr. (7)

Es sind also drei Din­ge zusam­men­zu­den­ken und gleich­zei­tig sau­ber zu unter­schei­den. Das sind: Die Ten­denz der Faschi­sie­rung, die unmit­tel­ba­ren Vor­be­rei­tungs­etap­pen vor der Errich­tung der faschis­ti­schen Dik­ta­tur und der Faschis­mus an der Macht.

Ver­ges­sen wir also nie: Auch der Faschis­mus ist nur in Über­gangs­for­men, Zwi­schen­schrit­ten mög­lich, bei denen kein Ket­ten­glied aus­ge­las­sen wer­den kann. Unse­re Auf­ga­be ist es, dem Faschis­mus bereits die Ket­ten­glie­der aus der Hand zu schlagen.

Dimitroffs Faschis­mus­de­fi­ni­ti­on bedarf heu­te eini­ger Worterklärungen.

Ers­tens spricht er von der offe­nen Dik­ta­tur; also im Gegen­satz zur ver­deck­ten Dik­ta­tur, mit der die­selbe Bour­geoi­sie in der vor­fa­schis­ti­schen, par­la­men­ta­risch-demo­kra­ti­schen, Pha­se ihre Macht bereits ausübt.

Zwei­tens spricht er nicht von der Dik­ta­tur der Bour­geoi­sie oder der Kapi­ta­lis­ten schlecht­hin, son­dern von der der Finanz­bour­geoi­sie. Die­ser Begriff geht auf Lenins Impe­ria­lis­mus­theo­rie zurück. Er besagt in Kür­ze, dass der Kapi­ta­lis­mus der frei­en Kon­kur­renz zum Impe­ria­lis­mus über­ge­gan­gen ist. Des­sen Grund­la­ge ist das aus Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sa­ti­on von Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Kapi­tal her­vor­ge­gan­ge­ne Mono­pol. Die­ser Vor­gang führt, sobald das Mono­pol der Kern der Öko­no­mik wur­de, zu Ver­än­de­run­gen im Klas­sen­ge­fü­ge. Auf­sei­ten der Kapi­ta­lis­ten durch Her­aus­bil­dung der Finanz­bour­geoi­sie. Sie ent­steht aus der Ver­schmel­zung des Bank­ka­pi­tals mit dem Indus­trie­ka­pi­tal – zum Finanz­ka­pi­tal. Das ist kei­ne har­mo­ni­sche Ver­ei­ni­gung, denn die öko­no­mi­sche Grund­la­ge ihres wider­strei­ten­den Ver­hält­nis­ses ist die Auf­spal­tung des der Arbei­ter­klas­se abge­press­ten Mehr­werts in Unter­neh­mer­ge­winn und den Zins für die Banken.

Das Mono­pol bringt auch nicht die Kon­kur­renz unter den Kapi­ta­li­en zum Abster­ben. Es stei­gert sie, nach innen und nach außen unter den inter­na­tio­nal agie­ren­den und expan­die­ren­den Monopol-Gruppen.

Das nur als Bei­spie­le, damit nicht der fal­sche Ein­druck ent­steht, das Mono­pol wür­de eine Art inne­re Har­mo­ni­sie­rung erzeu­gen und die natio­na­len und inter­na­tio­na­len Gegen­sät­ze und Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zun­gen nach und nach dämp­fen. Im Gegen­teil, es schärft sie aufs äußerste.

Dies ist nötig in Erin­ne­rung zu rufen. Das Gesetz der ungleich­zei­ti­gen Ent­wick­lung kapi­ta­lis­ti­scher Län­der, die Neu­auf­tei­lung der Welt unter den Haupt-Impe­ria­lis­ten und die alles durch­drin­gen­de Kon­kur­renz bewir­ken, dass Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sie­rung nicht zu einem gleich­för­mig in eins ver­schmol­ze­nen öko­no­mi­schen Super-Welt-Mono­pol füh­ren kön­nen. Damit wird es aber auch nicht zu einem poli­ti­schen Super-Über­bau in Form einer zen­tra­len kapi­ta­lis­ti­schen »Welt­re­gie­rung« oder gar eines »Welt­fa­schis­mus« kom­men kön­nen. Ich füge das hier ein, weil spä­tes­tens seit Coro­na zuwei­len das Gegen­teil behaup­tet wird. Beson­ders absurd wer­den sol­che »Theo­rien«, wenn dann noch behaup­tet wird, die­se »Welt­re­gie­rung« wür­de von den übli­chen Ver­däch­ti­gen des US-Finanz­ka­pi­tals gemein­sam mit der Füh­rung der Volks­re­pu­blik Chi­na aus­ge­übt, sozu­sa­gen von Dr. Fu Man­dschu und Dr. Mabu­se in fins­te­rer Per­so­nal-Ein­heit, mit einem irgend­wo um die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on loka­li­sier­ten Wil­lens- und Ent­schei­dungs­zen­trum, in dem sich »die Eli­ten« den gan­zen Rest der Mensch­heit unter­wer­fen. Seit dem Sank­tio­nen-Krieg gegen Russ­land und Chi­na und deren demo­kra­ti­scher Gegen­re­ak­ti­on zusam­men mit ande­ren Län­dern sind sol­che Welt­re­gie­rungs-Fan­ta­sien offen­kun­dig schlech­te Sci­ence Fiction.

Schie­ßen wir also nicht übers Ziel hin­aus, indem wir einen fik­ti­ven welt­fa­schis­ti­schen Über­staat an die Wand malen. Las­sen wir uns aber auch nicht dahin­ge­hend des­ori­en­tie­ren, die anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie kön­ne hier und heu­te auf die Ver­ball­hor­nung der Losung gegrün­det wer­den »Der Haupt­feind steht im eige­nen Land«. Blei­ben wir bei dem, was die inter­na­tio­na­len Kräf­te­ver­hält­nis­se nahe­le­gen, wenn wir die Faschi­sie­rung an der Wur­zel bekämp­fen wol­len. Es wird heu­te, so mei­ne The­se, in Euro­pa kei­ne Errich­tung irgend­ei­nes Faschis­mus geben ohne kon­trol­lie­ren­de Vor­be­rei­tung und ope­ra­ti­ve Inter­ven­ti­on durch die NATO und jene, die sie kom­man­die­ren – und schon gar nicht gegen deren zustim­men­de Ent­schei­dung. Sie haben sich ja gera­de sogar Nord­stream durch »Biden« und sei­ne Hand­pup­pen ver­bie­ten las­sen! Denn ein sol­cher Faschis­mus hät­te heu­te, wie in der Ukrai­ne, als Stoß­trupp zur Ret­tung des ver­ei­nig­ten Impe­ria­lis­mus unter der schwan­ken­den Hege­mo­nie der USA zu die­nen – erst recht in einem Land, das von stra­te­gi­schen US- und NATO-Basen samt Atom­bom­ben nur so strotzt wie Deutsch­land. Auch die zu begrü­ßen­den Des­in­te­gra­ti­ons­ten­den­zen der EU wer­den das für sich genom­men nicht ändern, son­dern, solan­ge nicht eine wirk­li­che Befrei­ung von der EU statt­fin­det, eher for­cie­ren, da die Haupt­klam­mer, die sie noch zusam­men­hält, der poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che und mili­tä­ri­sche NATO-Krieg gegen Russ­land und Chi­na ist. Und seit­dem die USA durch das Sank­tio­nen-Kami­ka­ze die EU noch tie­fer und aus­weg­lo­ser sich unter­ge­ord­net haben, gilt das mehr noch als zuvor. Nur – ich bit­te nicht miß­ver­stan­den zu wer­den: Die­se NATO-Domi­nanz macht hier den Faschis­mus nicht unwahr­schein­li­cher, son­dern sie macht ihn eben wahr­schein­li­cher. Dar­um mei­ne ich, daß »Der Haupt­feind steht im eige­nen Land« eine oppor­tu­nis­ti­sche Behin­de­rung der anti­fa­schis­ti­schen Stra­te­gie wäre.

Zurück zu unse­rer Faschis­mus-Defi­ni­ti­on. Dort hör­ten wir, dass es sich nicht ein­mal um die Finanz­bour­geoi­sie als sol­che, son­dern um ihre reak­tio­närs­ten Krei­se han­de­le. Das sind die Tei­le der Finan­zo­lig­ar­chie, die auf­grund ihrer inter­na­tio­na­len und natio­na­len Lage am meis­ten auf Krieg, auf die tota­le Unter­ord­nung nicht nur ein­zel­ner Indus­trie- oder Agrar­zwei­ge, Roh­stof­fe, Län­der, die voll­stän­di­ge und blu­ti­ge Nie­der­hal­tung der Arbei­ter­klas­se und ten­den­zi­ell zu ver­skla­ven­der gan­zer Bevöl­ke­run­gen ange­wie­sen sind. Sie sind auf die Errich­tung des poli­ti­schen über dem öko­no­mi­schen Mono­pol zur Erzie­lung von Extra­pro­fi­ten gna­den­los ange­wie­sen. Dazu bedür­fen sie, obwohl sie nur die öko­no­mi­sche Gesetz­mä­ßig­keit durch­set­zen, die sie her­vor­brach­te, eines dau­ern­den Ein­sat­zes außer­öko­no­mi­scher Gewalt und natür­lich auch der Abspra­chen unter­ein­an­der, im Volks­mund Ver­schwö­run­gen genannt. Offen­kun­dig han­delt es sich bei die­ser am meis­ten reak­tio­nä­ren Finan­zo­lig­ar­chie um eine zah­len­mä­ßig recht über­schau­ba­re Trup­pe. Sie kön­nen des­halb den Faschis­mus weder an die Macht brin­gen noch dar­an hal­ten, wenn sie nicht Klas­sen­bünd­nis­se bil­den. Und es müs­sen auch sol­che Schich­ten ver­führt und besto­chen wer­den, deren Klas­sen­in­ter­es­se dem ihri­gen objek­tiv ent­ge­gen­ge­setzt ist.

III. Faschistische Ideologie

Damit kom­men wir zur Fra­ge der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie. Dass der Faschis­mus eine Herr­schafts­form, aber kei­ne Ideo­lo­gie ist, klingt para­dox. Es scheint doch sein her­vor­ste­chen­des Merk­mal zu sein, dass er auf pau­sen­lo­se Beschal­lung mit Ideo­lo­gie, Dem­ago­gie, psy­cho­lo­gi­scher Kriegs­füh­rung, Psy-Op ange­wie­sen ist, und zwar zuneh­mend ver­ein­heit­licht – oder, wie die Nazis gesagt hät­ten: »gleich­ge­schal­tet«. Was bewirkt das?

War­um die Bei­spie­le immer in der Ver­gan­gen­heit suchen. Man fragt sich heu­ti­gen­tags, z.B.: Braucht das die Faschi­sie­rung wirk­lich, dass heu­te selbst Kin­der­gar­ten­kin­der mit gelb-blau­en Fah­nen im Car­rée mar­schie­ren müs­sen – »gegen Putin, Putin ist doof!«? Ja, die Faschi­sie­rung braucht das, denn sie wäre nicht Faschi­sie­rung, wenn sie eine unbe­rühr­te Gren­ze gel­ten lie­ße, an der sie negiert wer­den kann. Zunächst mal ist die Infan­ti­li­sie­rung des Poli­ti­schen, die sich bereits mit »Fri­days for Future« weit bis ans Grund­schul­al­ter her­an­ge­ar­bei­tet hat­te, grund­sätz­lich von Vor­teil für die ideo­lo­gi­sche Faschi­sie­rung. Zugleich wird z.B. mit gelb-blau­en Kita-Kin­der-Pro­zes­sio­nen dem Betrach­ter vor­ge­täuscht, es gebe das, was es in Deutsch­land der­zeit in Wirk­lich­keit trotz allem NICHT gibt: näm­lich eine ver­ei­nig­te anti­rus­si­sche »Volks­ge­mein­schaft«. Der Haupt­ef­fekt der Pro­pa­gan­da wäre dann der, glau­ben zu machen, ihre Inhal­te wür­den zusam­men­fal­len mit dem, was in den Köp­fen der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit geschieht, als wäre deren Bewußt­sein ein direk­tes Abbild der Pro­pa­gan­da. Das ver­leiht der Pro­pa­gan­da eine ver­meint­li­che Klas­sen­au­to­ri­tät, die sie in Wirk­lich­keit nicht hat. Wer an die Iden­ti­tät von Pro­pa­gan­da und tat­säch­li­chem Mas­sen­be­wusst­sein glaubt, sitzt bereits der Faschi­sie­rung auf. Eine anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie muß sich dem ent­ge­gen­stel­len. Dar­um ist z.B. auch die Annah­me, man sel­ber erwei­se sich als auf­ge­wacht und der Rest der Bevöl­ke­rung als Schlaf­scha­fe, töd­lich für die Bil­dung der anti­fa­schis­ti­schen Ein­heits­front, auch wenn die­je­ni­gen, die das so sehen, die Faschi­sie­rung sel­ber im Ansatz durch­aus rich­tig regis­trie­ren mögen.

Ich möch­te hier­zu eine Beob­ach­tung des Künst­lers Pier Pao­lo Paso­li­ni anfüh­ren. Er schrieb im Jahr 1975:

… Etwas, was selbst der faschis­ti­sche Faschis­mus nicht erreicht hat­te, denn damals war das äuße­re Ver­hal­ten völ­lig vom Bewußt­sein getrennt. Ver­geb­lich ver­such­te der ›tota­li­tä­re‹ Herr­schafts­ap­pa­rat immer und immer wie­der, sei­ne Ver­hal­tens­ma­xi­men bei den Leu­ten durch­zu­set­zen – ihr Bewußt­sein blieb von all dem unbe­rührt. Die faschis­ti­schen ›Model­le‹ waren nichts als Mas­ken, die man auf­setz­te und wie­der abnahm. Als der faschis­ti­sche Faschis­mus dann zusam­men­ge­bro­chen war, wur­de alles wie­der wie zuvor. Das hat sich auch in Por­tu­gal gezeigt: nach vier­zig Jah­ren Faschis­mus hat das por­tu­gie­si­sche Volk den 1. Mai gefei­ert, als sei es das letz­te Mal ein Jahr zuvor gewe­sen. (8)

Auch wenn wir die Bemer­kung Paso­li­nis über die Unbe­rührt­heit des Bewußt­seins nicht in Abso­lut­heit tei­len müs­sen: Hier ist ein Punkt benannt, den die anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie erfor­dert zur Kennt­nis zu neh­men und aus­zu­nut­zen gegen jede Form der Spal­tung: Das Bewusst­sein und Ver­hal­ten der Unter­drück­ten und Gegän­gel­ten erweist sich als nicht iden­tisch mit dem, was sie durch die Pro­pa­gan­da und deren Spra­che über sich erge­hen las­sen müs­sen, selbst, wenn das jah­re­lang so geht; und sie dür­fen auf kei­nen Fall anders ange­spro­chen wer­den. Anders gesagt: Die Pro­pa­gan­da täuscht vor, als ob die­je­ni­gen, die sie andau­ernd zum blo­ßen Objekt macht, ihre Sub­jek­te wären. Der Pseu­do-Anti­fa­schis­mus springt genau dar­auf an und wird damit zur Ver­län­ge­rung der Pro­pa­gan­da. Aber, mit Paso­li­ni: Sobald bei einer Gele­gen­heit die Mas­ken fal­len – und das ist im Lau­ter­bach-Land sowohl wört­lich als auch bild­lich auf­zu­fas­sen –, kommt das zum Vor­schein, was über Genera­tio­nen hin­weg eine Klas­se ver­bin­det und sozu­sa­gen ihre Infra­struk­tur und Lebens­wei­se aus­macht. Anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie muss stän­dig suchen, wo Bre­schen für die­se »Infra­struk­tur« zu schla­gen sind. Anti­fa­schis­mus ist eine sozia­le Pra­xis und nicht nur ein Bekenntnis.

For­mier­te Stra­ßen-Per­for­man­ces wie die reak­tio­nä­ren Kin­der­um­zü­ge sind dage­gen eine Macht­de­mons­tra­ti­on, denn man­cher Bür­ger ahnt, dass da, wo so etwas ein­mal unbe­an­stan­det durch­geht, und ja bei­spiels­wei­se eine Viel­zahl von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, Erzie­hern, Leh­rern, Zuschau­ern, Zeu­gen zustim­mend ein­be­zo­gen sein muß, – dass da statt blo­ßen Schmie­ren­thea­ters im gege­be­nen Moment auch Zwang und Ter­ror grei­fen könn­te. Die faschis­ti­schen Ideo­lo­gien – auch nun der extre­me, jede Rea­li­tät ver­las­sen haben­de Chau­vi­nis­mus des »WIR wer­den Russ­land rui­nie­ren« – sind so brü­chig und unein­heit­lich, dass sie auf Wech­sel­wir­kung mit ter­ro­ris­ti­schen Metho­den durch den auto­ri­tä­ren Maß­nah­men­staat ange­wie­sen sind. Es ist nicht so, dass der Mas­sen­be­trug nur in die Demo­kra­tie und der Ter­ror nur in den Faschis­mus gehört. Ter­ror greift schon in der Vor­be­rei­tungs­etap­pe und nach dem Macht­an­tritt des offe­nen Ter­rors muss der Mas­sen­be­trug gestei­gert wer­den – sie­he Reichs­tags­brand. Denn selbst­ver­ständ­lich kann die Ideo­lo­gie gestrickt sein wie sie will: Es bleibt ein Impe­ri­um der Lügen.

Der Grund ist ein­fach und folgt aus dem Klas­sen­cha­rak­ter des Faschis­mus: Der Inhalt der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie ist Mas­sen­be­trug, und dazu nimmt sie alles, was sich anbie­tet, inklu­si­ve halb­wah­rer Ker­ne und Pseu­do-Anti­ka­pi­ta­lis­mus, um die­je­ni­gen, deren Inter­es­sen der Faschis­mus wider­spricht, einzubinden.

Das ist in der Spra­che mar­xis­tisch-leni­nis­ti­scher Dia­lek­tik: der unauf­heb­ba­re Wider­spruch von Klas­sen­in­halt und Mas­sen­ba­sis des Faschismus.

Es wur­de viel­fach beschrie­ben: Die Ideo­lo­gien des Faschis­mus sind ein zusam­men­ge­wür­fel­tes Gemisch chau­vi­nis­ti­scher, sozi­al­dar­wi­nis­ti­scher, her­ren-ras­sis­ti­scher, irra­tio­na­ler, mys­ti­zis­ti­scher und sozi­al­dem­ago­gi­scher »Theo­rien«.

Dazu zählt übri­gens auch der Neo-Mal­thu­sia­nis­mus seit dem XX. Jahr­hun­dert, also die unwis­sen­schaft­li­che »Bevöl­ke­rungs­leh­re«, wonach das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum nach ewi­gen Natur­ge­set­zen vor sich gehe, und die Mensch­heit unwei­ger­lich schnel­ler wach­se als die Pro­duk­ti­on von Nah­rungs- und Pro­duk­ti­ons­mit­teln, was erwie­se­ner­ma­ßen Unsinn ist und heu­te, schon ver­zwei­felt pene­trant, als Recht­fer­ti­gung für die Pro­duk­tiv­kraft­zer­stö­rung durch die Finanz­bour­geoi­sie vor­ge­scho­ben wird. Das führt auch die Euge­nik im Schlepp­tau. Vie­les davon ist uns seit Beginn der 1970er Jah­re vom Club of Rome mit sei­ner »Stu­die« Die Gren­zen des Wachs­tums wie­der auf­ge­tischt wor­den und erfährt sei­ne Fort­füh­rung in »Green New Deal« oder »Gre­at Reset«. Die Grün­dung der Grü­nen wäre ohne das nicht denk­bar gewesen.

Häu­fig bedient sich faschis­ti­sche Ideo­lo­gie auch bei Ele­men­ten der Sozi­al­de­mo­kra­tie, vor allem ihren diver­sen Kon­zep­ten der Klas­sen­zu­sam­men­ar­beit. In dem Zusam­men­hang soll­ten wir auch die kor­po­ra­ti­ven oder stän­di­schen Ideo­lo­gien beach­ten, die der Zer­split­te­rung der Gesamt­ar­bei­ter­klas­se die­nen und damit deren Ent­waff­nung im Sin­ne der Faschi­sie­rung beför­dern. Das läuft seit län­ge­rem ger­ne ver­schlei­ert durch die Ein­stiegs­dro­ge harm­los klin­gen­der Pro­pa­gan­da­wor­te wie »bunt«, oder »Viel­falt«, oder »divers«. Ein­deu­tig liegt die­se Spal­tungs­me­tho­de vor, wenn unter einer Gene­ral­of­fen­si­ve gegen die Arbei­ter­klass­se als gan­ze dann nur Pfle­ge­per­so­nal und Kas­sie­rer in Super­märk­ten ihre sym­bo­li­schen Son­der­ap­plau­se erhal­ten. Man wird übri­gens nie­mals erle­ben, dass bei sol­chen Applaus-Ver­an­stal­tun­gen die sorg­fäl­tig aus dem Blick genom­me­ne Pro­duk­ti­ons­sphä­re erscheint.

Wei­ter­hin möch­te ich als immer wie­der ein­ge­setz­tes Spal­tungs-Ele­ment faschis­ti­scher Ideo­lo­gie eines erwäh­nen, das, wie der Pseu­do-Anti­ka­pi­ta­lis­mus, ger­ne als ihr abso­lu­tes Gegen­teil auf­tritt. Die­ses Ele­ment erhielt star­ke Auf­wer­tung, seit die soge­nann­te neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie anfangs der 1970er Jah­re das Zep­ter in der impe­ria­lis­ti­schen Welt über­nahm. Damit ist die abso­lu­te Zer­split­te­rung aller Gesell­schaft und sozia­len Infra­struk­tur in ver­meint­li­che Indi­vi­du­en und ver­meint­li­che Iden­ti­tä­ten gemeint, und die Züch­tung sol­cher Ver­ein­ze­lung als Kultur‑, Sozi­al- und Lebens­ge­fühl gan­zer Genera­tio­nen. Eine bes­se­re Knet­mas­se kann sich der Faschis­mus nicht wün­schen. Sowohl der Begriff als auch die Wahr­neh­mung von Klas­sen­zu­sam­men­hang, Klas­sen­in­ter­es­se, Klas­sen­be­wußt­sein, aber auch geschicht­li­chem Zusam­men­hang sol­len damit unter­bun­den wer­den und vor allem natür­lich jede ent­spre­chen­de gesell­schaft­li­che Pra­xis. Als Kern­satz die­ser Ideo­lo­gie, ger­ne bis zur Hym­ne gestei­gert, kann gel­ten die lee­re Tau­to­lo­gie: »I am what I am.« Die zusam­men­fas­sen­de For­mel die­ser so Faschis­mus-taug­li­chen Ideo­lo­gie lie­fer­te Mar­ga­ret That­cher gleich zu Beginn der neo­li­be­ra­len Kri­sen-Offen­si­ve: »The­re is no such thing as socie­ty.« (»Sowas wie Gesell­schaft gibt es nicht.«).

Aber der Anspruch die­ser Äuße­rung auf Ori­gi­na­li­tät darf in Fra­ge gestellt wer­den. Ich erin­ne­re an die fol­gen­de Dekla­ra­ti­on von Beni­to Mus­so­li­ni aus dem Jah­re 1919, wo er ein wenig den Ton der futu­ris­ti­schen Mani­fes­te auf­grei­fend verkündete:

Genug ihr roten und schwar­zen Theo­lo­gen aller Kir­chen, mit euren abs­trak­ten und fal­schen Vor­stel­lun­gen eines Para­die­ses, das nie kom­men wird!

Genug ihr Poli­ti­ker aller Schu­len, mit euren kläg­li­chen ›Aka­de­mien‹!

Genug, ihr lächer­li­chen Erret­ter der Mensch­heit, die auf eure ›Ent­de­ckun­gen‹ pfeift, die ihr unfehl­bar das Glück brin­gen werden!

Laßt den Weg frei für die Ele­men­tar­kräf­te des Indi­vi­du­ums; denn es gibt kei­ne ande­re mensch­li­che Rea­li­tät als das Indi­vi­du­um! (9)

Natür­lich kann eine so irra­tio­na­le, eli­tä­re Beschwö­rung des Indi­vi­du­ums wie die durch Mus­so­li­ni, sobald man eine Gemein­wohl­dem­ago­gie nach dem Nazi-Spruch »Gemein­nutz geht vor Eigen­nutz« ein­führt, jeder­zeit umge­münzt wer­den in den Ver­such, eine »über allen Par­tei­en ste­hen­de«, »unteilbare«»Volksgemeinschaft« aus der Retor­te zu erzeu­gen. Die­se ver­schlei­ert die Klas­sen­wirk­lich­keit ja genau­so wie der Kult des abs­trak­ten Indi­vi­du­ums, es sind zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Und plötz­lich hüp­fen dann, vom Ler­nen befreit, lau­ter »ele­men­ta­re Indi­vi­du­en«, zum Wohl­ge­fal­len der Kusi­nen Reem­ts­ma, im abso­lu­ten Gleich­takt zur Losung des Irra­tio­na­lis­mus: »We don’t have time! Fol­low the sci­ence!«. Wobei aller­dings das Hüp­fen von den anti­rus­si­schen Ras­sis­ten des Kie­wer Mai­dan über­nom­men wurde.

Soweit Mus­so­li­ni. Wer heu­te sich ein wenig durch Trak­ta­te der Regie­rungs- und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen des Kriegs­im­pe­ria­lis­mus liest, die die Faschi­sie­rung mit dem Fir­nis »zivil­ge­sell­schaft­li­cher« Ertüch­ti­gung ver­se­hen, hei­ßen sie nun Hein­rich Böll Stif­tung, Anto­nio Ama­deu Stif­tung oder Zen­trum Libe­ra­le Moder­ne, der wird dem Inhalt des Mus­so­li­ni-Zitats auf Schritt und Tritt begeg­nen. Nur wird er auch auf das sto­ßen, was ich ein­gangs »Umco­die­rung« nann­te. Denn dort wird jede Bezie­hung des mythi­schen Indi­vi­du­ums auf einen Grup­pen- oder Kol­lek­tiv­be­griff – und letzt­lich sind damit immer objek­ti­ve Rea­li­tä­ten wie Klas­se, Volk, Nati­on gemeint – als »rechts­af­fin, völ­kisch, auto­ri­tär« usw. qua­li­fi­ziert und zur Denun­zia­ti­on frei­ge­ge­ben. Ein ur-faschis­to­ider Irra­tio­na­lis­mus, den wir soeben aus dem Mun­de Mus­so­li­nis ver­nah­men, wird hier als höchs­tes Kri­te­ri­um für Anti­fa­schis­mus in Anspruch genommen.

Das erzeug­te längst ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma, für das »Inqui­si­ti­on« oder »McCar­thy­is­mus« nur noch Behelfs­aus­drü­cke sind. Es ist das, was Pier Pao­lo Paso­li­ni schon 1974 weit­bli­ckend nann­te: »Der Faschis­mus der Antifaschisten«.

Das heißt aber, und es ist, seit­dem Fischer, Alb­right und Kon­sor­ten Jugo­sla­wi­en angeb­lich »wegen Ausch­witz« bom­bar­die­ren lie­ßen, heu­te tau­send­fach zu bele­gen und muß als Tat­sa­che für jede anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie und Bünd­nis­po­li­tik akzep­tiert wer­den: Die immer offe­ne­re Durch­set­zung der Zie­le von Faschi­sie­rung und Faschis­mus und Kriegs­po­li­tik erscheint seit Jah­ren unter der Mas­ke des Anti­fa­schis­mus. Und es wäre durch­gän­gig noch so, wenn nicht der ent­schlos­se­ne Wider­stand des Vol­kes des Don­bass und der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on den Impe­ria­lis­mus, als »kol­lek­ti­ven Wes­ten«, gezwun­gen hät­te, die Mas­ke fal­len zu las­sen und sei­ne wah­re Frat­ze wie­der zu zei­gen, da er anders sei­ne ein­bre­chen­de Hege­mo­nie nicht mehr ver­tei­di­gen kann. Jeder auf­rich­ti­ge Demo­krat, Frie­dens­be­weg­te, Sozia­list, Kom­mu­nist, der sich heu­te fragt: Wie konn­te es soweit kom­men?, kann dem schmerz­li­chen Ein­ge­ständ­nis nicht aus dem Weg gehen, dass viel­leicht auch er seit über drei­ßig Jah­ren weit­ge­hend eine völ­lig ver­fehl­te antipro­le­ta­ri­sche Bünd­nis­po­li­tik stütz­te. Anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie bedeu­tet auch: Die fäl­li­ge Kor­rek­tur end­lich kon­se­quent zu durchzuführen.

Im übri­gen ist die faschis­ti­sche Ideo­lo­gie vor allem eins: ein Chamäleon.

Ihr wirk­lich fes­ter und kon­stan­ter Kern ist, außer dem durch­gän­gi­gen Anti­hu­ma­nis­mus, ein ins Extre­me gestei­ger­ter Anti­kom­mu­nis­mus, der nach Bedarf auch als »Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie« erscheint, wo immer nicht genau gezeigt wer­den darf, auf wel­cher Sei­te man wirk­lich mit allen Kon­se­quen­zen steht.

IV. Der Aufstieg des Faschismus folgt keiner Zwangsläufigkeit

Es geht also dem Mono­pol­ka­pi­tal mit sei­ner Dem­ago­gie dar­um, eine Mas­sen­ba­sis zu orga­ni­sie­ren. Das ist wohl auch ein Grund, war­um sich bei der Faschis­mus­fra­ge alle Augen der Wei­ma­rer Repu­blik zuwen­den, denn hier war die­se Pro­ble­ma­tik, aus Grün­den des Klas­sen­kräf­te­ver­hält­nis­ses, beson­ders akut. Nach dem Kapp-Lütt­witz-Putsch, der 1920 von der Arbei­ter­klas­se abge­schmet­tert wur­de, konn­te die Finanz­bour­geoi­sie ihre Dik­ta­tur nur auf »lega­lem«, »ver­fas­sungs­mä­ßi­gem« Wege an die Macht brin­gen. Dazu brauch­te sie eine, sei es auch labi­le, Mas­sen­ba­sis, und ent­spre­chend raf­fi­niert auf­ge­fä­del­te Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen. Die Absicht war, die­se tief in die Arbei­ter­schaft zu sen­ken. Dar­um die Expe­ri­men­te mit einer »natio­na­len Arbei­ter­par­tei«. Das miß­lang im Prin­zip. Es ver­fing haupt­säch­lich, blieb sozu­sa­gen hän­gen, bei brei­te­ren Tei­len des Klein­bür­ger­tums und weni­gen der rück­stän­digs­ten Schich­ten des Pro­le­ta­ri­ats. Hät­ten sie die wah­re Natur des Faschis­mus begrif­fen, wären sie ihm nicht gefolgt. Des­halb ist der Faschis­mus an jedem Punkt sei­ner Ent­wick­lung durch­aus zu ver­hin­dern, gera­de sein Bedarf nach einer Mas­sen­ba­sis macht ihn ver­wund­bar. Am Klas­sen­in­halt des Faschis­mus ändert die Mas­sen­ba­sis nichts. Er ist nicht die Macht des Klein­bür­ger­tums oder Lum­pen­pro­le­ta­ri­ats über das Finanz­ka­pi­tal, son­dern die Macht des Finanz­ka­pi­tals selbst.

Der Weg zur Macht­über­tra­gung mit­tels Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on ver­läuft auch nicht so, als hät­te die Bour­geoi­sie von Anfang an ihr Renn­pferd fer­tig gesat­telt im Stall, das auf gera­der Stre­cke los­läuft, alle Hin­der­nis­se über­springt, bis der Pokal geholt ist. An jeder ent­schei­den­den Wen­dung steht einer­seits die Abwehr­fä­hig­keit der Arbei­ter­klas­se und demo­kra­ti­schen Schich­ten, ande­rer­seits irgend­ein neu­er Kuh­han­del unter den reak­tio­närs­ten Akteu­ren. Es gab und gibt auf dem reak­tio­nä­ren Lauf­steg ein Getüm­mel an Aspi­ran­ten und gra­vie­ren­de Unei­nig­kei­ten unter den Grup­pen der Bour­geoi­sie sel­ber. Auf weni­ger ver­schlun­ge­nen Wegen ist auch der blu­ti­ge, anfangs ach so libe­ral-liber­tä­re Clown Zelen­sky nicht zum Prä­si­den­ten sei­nes faschis­ti­schen Un-Staa­tes gewor­den. Und aus den­sel­ben Grün­den wur­den schon auf dem »Euro-Mai­dan« die Ver­hält­nis­se für die USA und ihre Mario­net­te Jazen­juk ein für alle mal gegen die BRD und EU mit ihrer Mario­net­te Klitsch­ko ent­schie­den – »Fuck the EU«. Das Ergeb­nis ist bekannt: »Frie­ren gegen Putin«.

Für eine anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie ist es äußerst wich­tig zu erken­nen, wo die Kräf­te her­an­ge­reift sind, die die reak­tio­närs­ten Krei­se für Faschis­mus und Krieg aus­bau­en und ein­set­zen könn­ten. Die­se Gedan­ken mach­te sich 1992 auch der kom­mu­nis­ti­sche Dich­ter Peter Hacks. Die Fra­ge stand nach der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on: »Was könn­te die Orga­ni­sa­ti­on sein, die die Faschi­sie­rung in die nächs­te Etap­pe oder zum Ziel trägt?«. Hacks‘ Ant­wort fiel so aus:

Alle kapi­ta­lis­ti­schen Par­tei­en sind ein Feder­bett und ein Hin­ter­grund und ein Nähr­bo­den, aber sie sind nicht geeig­net, die Orga­ni­sa­ti­on her­vor­zu­brin­gen. Son­dern dafür braucht man zunächst eine Split­ter­grup­pe, die sich ent­schließt, die­ses Geschäft zu über­neh­men. Ich neh­me an, in Deutsch­land wer­den es die GRÜ­NEN und die­ses soge­nann­te Bünd­nis 90 sein. Also, es wer­den nicht die Nazis von Herrn Frey und es wer­den nicht die Nazis von Herrn Schön­hu­ber sein, son­dern es wer­den die sein. (…) was ich ver­su­che zu sagen, gucken Sie, auch Herr Hit­ler war natür­lich ein Wurm­fort­satz der Deutsch­na­tio­na­len und der Harz­bur­ger Front. Aber sei­ne Par­tei wur­de die Nazi­par­tei, und die gan­zen Leu­te blie­ben im Hin­ter­grund und abser­viert und wur­den im Horst-Wes­sel-Lied noch als Reak­ti­on ange­pö­belt. Also die sind der Schoß, aber der Schoß ist nicht die Sache. Und die Sache muß irgend­wo aus einer Keim­zel­le kei­men. (…) das ist ein Gesetz: Wer ein­mal geschla­gen ist, kann nicht unter dem sel­ben Namen wie­der­kom­men. Der braucht eine neue Mas­ke. (…) Des­we­gen glaub ich auch, das eben in Deutsch­land nicht die bei­den Nazi-Par­tei­en die Keim­zel­le wer­den, son­dern jemand, auf den man nicht kommt. Und die­se wei­nen­den Klein­bür­ger­or­ga­ni­sa­tio­nen, die gegen alles sind, was ist mit Recht, und über­haupt nicht wis­sen, wofür sie sind, die eig­nen sich. Es ist ein biß­chen Pro­phe­zei­ung drin. Wir wer­den es sehen. (10)

Hacks pro­he­zei­te 1992 ziem­lich gut.

Eine letz­te Bemer­kung zur Ziel­stre­big­keit der Durch­set­zung des Faschismus.

Beim ita­lie­ni­schen Faschis­mus ging die »Expe­ri­men­tier­pha­se« weit über sei­ne Grün­dung hinaus.

Der Faschis­mus sel­ber schuf nun im Nach­hin­ein den Mythos als sei sein auf­halt­sa­mer Auf­stieg zur Macht, in Ita­li­en etwa seit dem Marsch auf Rom 1920, »einem genau aus­kal­ku­lier­ten, von vorn­her­ein fest­ge­leg­ten Plan hin­sicht­lich der dik­ta­to­ri­schen Herr­schafts­form (…) vor­ge­gan­gen.« Pal­mi­ro Togliat­ti bemerk­te dazu:

… geht man von die­ser Kon­zep­ti­on aus, akzep­tiert man unwei­ger­lich Prä­mis­sen der faschis­ti­schen Ideo­lo­gie, d. h. in der einen oder ande­ren Wei­se befin­det man sich schon unter dem direk­ten oder indi­rek­ten Ein­fluß des Faschis­mus. In der Tat sind es die Faschis­ten, die ver­su­chen, glaub­haft zu machen, daß alle ihre Aktio­nen sich auf der Grund­la­ge von aus­ge­ar­bei­te­ten Plä­nen voll­zo­gen haben. (11)

Das soll­ten wir ver­all­ge­mei­nern: Wir dür­fen nicht auf den Mythos der reak­tio­närs­ten Krei­se her­ein­fal­len, dass das was sie tun und in den nächs­ten Jah­ren zu tun vor­ha­ben, einem aus­ge­reif­ten, vor­be­stimm­ten Plan ent­sprin­ge, den sie die All­macht hät­ten, aus­zu­füh­ren, als sei ihnen »pla­ne­ta­ri­sche« Allein­herr­schaft eigen. Der Grund­wi­der­spruch die­ser Bour­geoi­sie ist der von Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen und Pro­duk­tiv­kräf­ten. Um die kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se zu ret­ten, sind sie genö­tigt, die Ent­wick­lung ver­ge­sell­schaf­te­ter Pro­duk­tiv­kräf­te zu behin­dern, wo sie nur kön­nen. Ihre den Inter­es­sen der Mono­po­le unter­wor­fe­nen Staa­ten kön­nen nicht ein­mal mehr eine innen­po­li­ti­sche Kri­se wie »Coro­na« pla­nend meis­tern. Ihre Eigen­tums­ver­hält­nis­se ste­hen ihren groß­an­ge­kün­dig­ten »glo­ba­len«, tech­no­kra­tisch-futu­ro­lo­gi­schen Welt­herr­schafts- und Trans­for­ma­ti­ons-Ent­wür­fen im Wege, selbst wenn sie von hun­der­ten Think-Tanks und »Glo­bal Con­fe­ren­ces« aus­ge­ar­bei­tet wur­den. Wer ihnen die­se steu­ern­de Durch­set­zungs­kraft noch abnimmt, ver­hält sich so, als hät­te er sei­ne mäch­ti­gen Ver­bün­de­ten und die Gegen­kräf­te in der Welt und im eige­nen Land, die sol­che Plä­ne durch­kreu­zen, noch gar nicht wahr­ge­nom­men. Weni­ges ist schäd­li­cher für eine anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie, als der Bour­geoi­sie ihre Behaup­tung von steu­ern­der Pla­nungs- und hand­lungs­lei­ten­der Pro­gno­se­fä­hig­keit abzu­kau­fen, anstatt ihre enor­men inne­ren Wider­sprü­che zu begrei­fen. Das gilt auch ange­sichts des Geschwur­bels, man ver­zei­he mir den Aus­druck, des Herrn Klaus Schwab.

Das ein­zi­ge »glo­ba­le« zukunfts­wei­sen­de Kon­zept der letz­ten Jahr­zehn­te, das immer deut­li­cher welt­ge­schicht­li­che Kon­tu­ren und Wir­kungs­macht annimmt, ist ent­ge­gen­ge­setz­ten Klas­sen­ur­sprungs. Es ist die zuerst von Jew­ge­ni Pri­ma­kow in den 1990er Jah­ren kon­zi­pier­te »mul­ti­po­la­re Welt«. Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on hat erkannt, dass hier ein Ket­ten­glied für den inter­na­tio­na­len und natio­na­len Klas­sen­kampf liegt, und zugleich die vor­ders­te Front des Anti­fa­schis­mus. Mit dem Antrag auf Aner­ken­nung der Lug­ansker und Donez­ker Volks­re­pu­bli­ken, dem die Regie­rung der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on statt­gab, hat sie das Ket­ten­glied im gebo­te­nen Moment ergrif­fen. Was soll das ande­res gewe­sen sein, wenn nicht ange­wand­te Volksfrontstrategie?

V. Schluss

Frag­tet ihr mich nun: Wie sieht es denn nun hier aus? Wo ste­hen wir in Deutsch­land – All­ge­mei­ne faschis­ti­sche Ten­denz, vor­be­rei­ten­de Etap­pe, Faschis­mus an der Macht?

Dann wür­de ich sagen: Ich tip­pe auf Nr.2. Wir befin­den uns schon in einer Etap­pe der Vor­be­rei­tung der mög­li­chen Auf­rich­tung eines Faschis­mus. ABER: Die­ser kann ver­hin­dert werden.

Wenn ihr jetzt noch frag­tet: Von wo kommt er?

Dann habe ich mei­ne Mei­nung bereits ange­deu­tet. Ich ant­wor­te abschlie­ßend mit einem Zitat von Kurt Goss­wei­ler aus dem Jah­re 1974:

Gegen­wär­tig geht die Haupt­ge­fahr für die demo­kra­ti­schen Rech­te der Mas­sen und für den bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus in den impe­ria­lis­ti­schen Haupt­län­dern nicht von den dort vor­han­de­nen faschis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen aus, son­dern von den Haupt­par­tei­en der impe­ria­lis­ti­schen Bour­geoi­sie (…), von den reak­tio­nä­ren Regie­run­gen und den impe­ria­lis­ti­schen Mili­tär­ko­ali­tio­nen, ins­be­son­de­re der NATO. Das Bei­spiel Grie­chen­lands hat demons­triert, daß beim Aus­blei­ben einer faschis­ti­schen Mas­sen­ba­sis die NATO an deren Stel­le tre­ten kann, um zu hel­fen, in einem als stra­te­gisch wich­tig ange­se­he­nen Lan­de eine faschis­ti­sche Dik­ta­tur gegen das Volk in den Sat­tel zu heben. (12)

Klaus Lin­der ist Vor­sit­zen­der des Lan­des­ver­ban­des Ber­lin des Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des und Mit­glied des geschäfts­füh­ren­den Ver­bands­vor­stan­des, von des­sen Web­site frei​den​ker​.org der Bei­trag über­nom­men wurde.

Quellen

  1. Geor­gi Dimitroff, Die Offen­si­ve des Faschis­mus und die Auf­ga­ben der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le im Kampf für die Ein­heit der Arbei­ter­klas­se gegen den Faschis­mus, in: Wil­helm Pieck, Geor­gi Dimitroff, Pal­mi­ro Togliat­ti: Die Offen­si­ve des Faschis­mus und die Auf­ga­ben der Kom­mu­nis­ten im Kampf für die Volks­front gegen Krieg und Faschis­mus, Ber­lin 1957, S.85
  2. ebd., S. 85
  3. ebd., S. 85f.
  4. Wil­helm Pieck, Über die Tätig­keit des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, in: Wil­helm Pieck, Geor­gi Dimitroff, Pal­mi­ro Togliat­ti: Die Offen­si­ve des Faschis­mus und die Auf­ga­ben der Kom­mu­nis­ten im Kampf für die Volks­front gegen Krieg und Faschis­mus, Ber­lin 1957, S. 36
  5. Max Rei­mann, Lud­wig Land­wehr, Wil­li Mohn, Otto Nie­bergall, KPD-Ver­bot. Ursa­chen und Fol­gen, Frank­furt am Main 1971, S. 15
  6. Dimitroff a.a.O., S. 88
  7. ebd., S. 89
  8. Pier Pao­lo Paso­li­ni, Frei­beu­ter­schrif­ten, Ber­lin 1979, S. 70
  9. Beni­to Mus­so­li­ni, Alte Bräu­che, 12. Dezem­ber 1919, zitiert nach: Ope­ra omnia di Beni­to Mus­so­li­ni. Bd. XIV, Firen­ze 1954, S. 194
  10. Peter Hacks, Mar­xis­ti­sche Hin­sich­ten, Ber­lin 2018, S. 302ff.
  11. Pal­mi­ro Togliat­ti, Lek­tio­nen über den Faschis­mus, Frank­furt am Main 1973, S. 19f.
  12. Kurt Goss­wei­ler, Auf­sät­ze zum Faschis­mus, Ber­lin 1986, S. 340

Bild: Bron­ze­büs­te von Mus­so­li­ni von Adol­fo Wildt in der GAM in Mai­land; Foto Wolf­gang Moro­der (CC BY-SA 3.0)

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